Viele Städte leiden unter dem zunehmenden Verkehr und den Problemen, die er mit sich bringt. Was unternehmen Großstädte, damit der Verkehr in ihren Zentren besser und sauberer wird? Und wie erfolgreich sind sie damit? Wir werfen in unserer Serie einen Blick auf Metropolregionen in ganz Europa.
"Hier waren früher überall Autos! Stoßstange an Stoßstange standen sie. Alles staute sich in der Innenstadt, es gab kein Durchkommen mehr. Klar, dass auf diesem Platz niemand mehr draußen im Café sitzen wollte." Wer länger nicht mehr in Gent war und in diesem Frühling durch das Zentrum der belgischen Universitätsstadt streift, bekommt solche Sätze früher oder später zu hören. Etwa rund um die pittoreske Burg Gravensteen mitten im Zentrum: Dort haben Flaneure nun freie Bahn, die in Belgien beliebten Apéritifs werden auf dem Bordstein eingenommen. Oder auf der Brücke ins Quartier Brugsepoort: Einst schlichen die Autos quälend langsam darüber, heute kann man die Brücke bedenkenlos zu Fuß überqueren und zur Frittenbude an der Ecke schlendern.
Die Scheidung zwischen damals und jetzt geht in Gent auf den 3. April 2017 zurück. An jenem Tag trat ein mehr als zwei Jahre lang geplantes Mobilitätskonzept in Plan, das man in ganz Belgien unter dem Namen circulatieplan kennt. Als "Verkehrsplan" kann man das übersetzen – oder treffender als "Um-Fahr-Plan". Im Kern nämlich geht es darum, den Durchgangsverkehr auf den Stadtring R40 zu verbannen, also heraus aus dem Zentrum, wo er der attraktiven Stadt zuvor ein hartnäckiges Stauproblem mit entsprechender Luftverschmutzung bescherte. Anstelle des Autos sollen die rund 260.000 Einwohner öffentliche Verkehrsmittel benutzen oder aufs Rad umsteigen.
Gent ist für Durchgangsverkehr alles andere als gemacht. Als mittelalterliches Handelszentrum war die Stadt eine der Metropolen des Kontinents. Die großflächige, zum Teil mit Kopfsteinpflaster bedeckte Innenstadt zeugt noch von dieser Bedeutung – doch ein breites Straßenmuster fehlt, was das Zentrum stauanfällig macht. Auch in der unmittelbaren Umgebung kennt man hohes Verkehrsaufkommen: Südlich der Stadt verlaufen die Europastraßen E40 (vom Ärmelkanal nach Osten) sowie E17 (von Antwerpen nach Burgund). Die Anbindung an externen Bahnverkehr ist ebenfalls nicht die beste: Sint Pieters, der belebteste Bahnhof Flanderns, liegt ganze zweieinhalb Kilometer vom Zentrum entfernt. Zum anderen, Dampoort, ist es halb so weit, doch sind die Verbindungen dort deutlich schlechter.
Und plötzlich kommen die E-Bikes
Ann Plas ist eine der Bewohnerinnen, die gerne diesen Vergleich zwischen damals und heute machen. Als Mitglied des Mobilitätsdezernats der Stadt war sie wesentlich an dem circulatieplan beteiligt, an dem seit 2014 gefeilt wurde; zuvor war sie in anderen Funktionen mit städtischer Mobilität beschäftigt. Plas ist eine Expertin mit 20 Jahren Erfahrung, die zu hintergründigen Ansichten führt: "Mobilität betrifft das Wesen des Menschen, seine Identität", sagt sie. "Wir definieren uns als Auto- oder als Radfahrer. Verändert man daran etwas, empfinden das die Leute als eingreifend. Etwa, wenn man die 400 Meter zur Schule nicht mehr mit dem Auto zurücklegen kann. Einfluss auf die eigene Art der Fortbewegung zu haben ist ein Zeichen gesellschaftlicher Individualisierung."
Was sich in der Stadt verändert hat, demonstriert Ann Plas auf einer Fahrradtour. Der Kraanlei etwa, eine lange Straße entlang des Flusses Leie, ist einer dieser Hingucker-Orte mit Kopfsteinpflaster, von denen es im Zentrum Gents viele gibt. Seit vergangenem Jahr kommt das so richtig zur Geltung, denn der circulatieplan hat einen Teil des Kraanlei weitestgehend autofrei gemacht. Nur noch Bewohner dürfen hier zum Parken hinfahren, Handwerker zum Arbeiten, und Lieferwagen bis morgens um 11 Uhr. Eine direkte Folge davon sind die zunehmenden Elektrofahrräder, mit denen immer mehr kleinere Lieferungen ausgeführt werden. Just kreuzt ein Briefträger auf einem solchen. Plas sagt, E-Bikes lösten mehr und mehr die Transporter und kleinen Lieferwagen ab, die man hier camionettes nennt.
An Orten wie diesem sieht man nun Bewohner passieren und Touristen verweilen, und ein ums andere Mal fällt auf, wie sich die Abwesenheit von Autos auf die Atmosphäre auswirkt. Es ist langsamer, entspannter und deutlich leiser – dennoch bleibt die Umgebung gleichsam urban. Gent hat zwar die Reputation eines belgischen Freiburgs, und auch die Einwohnerzahl der Städte ist ähnlich. Doch innerhalb Belgiens ist die Hauptstadt der Provinz Ostflandern eine Metropole, und das merkt man in Mentalität und Straßenbild.
Kommentare
Der Mensch wählt immer das Verkehrsmittel, mit dem er am besten von A nach B kommt. In den Städten ist vor allem die Anbindung mit den ÖPNV hier immer das Nadelöhr
- Überfüllt
- Taktraten von bis zu 40 Minuten bei manchen S-Bahnen
- Fallen immer öfter aus
- Bau neuer U- und S-Bahn Linien findet nicht statt und dauert, wenn dann doch das Chaos mal zu groß wird (siehe Münchner S-Bahn) dann auch Jahrzehnte.
Aber wenn die Flächen so ungerecht verteilt sind wie zwischen Straßen und Radwegen/Fußwegen oder ÖPNV-Flächen, gewinnt halt immer das Auto. Und das ist nunmal nachteilig für das Stadtleben.
In meiner Stadt ist das Tarifsystem des öffentlichen Nahverkehrs so kompliziert, dass ich es nicht erklären kann. Ich weiß nur, welches Ticket (2b) mich von meiner Wohnung in die Stadt bringt. Macht es einfach! Ein Preis für das Netz. Vieleicht noch eine Kurzstrecke. Auch die theoretisch gerechtere Streckenerfassung per Handy ist zu kompliziert.
Auch die theoretisch gerechtere Streckenerfassung per Handy ist zu kompliziert.
...und meiner Meinung nach aus Sicht des Datenschutzes auch bedenklich.
Mehr Investitionen in Park & Ride Plätze wäre hier sicherlich auch nicht verkehrt.
Wenn in Großstädten dafür aber teilweise lediglich 50 Parkplätze zur Verfügung stehen...
In vielen Städten, wie zB. in Stuttgart, ist der ÖPNV jetzt schon ziemlich an der Kapazitätsgrenze. Bei weiteren Einschränkungen des Individualverkehrs, welche die Menschen zum Umsteigen bewegen könnten, würde das öffentliche System recht schnell zusammenbrechen.
"Die deutliche Mehrheit von Gents Einwohnern ist mit dem Plan zufrieden. Ausnahmen sind vor allem Händler, die über Verluste klagen. "
Die Händler werden sich beruhigen sobald sie feststellen, dass es nicht die Leute auf den Durchfahrtsstraßen waren, die ihnen den Umsatz bescherten.
Und das mit der deutlichen Mehrheit der Einwohner würde wohl in jeder Großstadt stimmen. In denen braucht man ein Auto nur, um sein Stresslevel künstlich nach oben zu pushen.
Die Händler werden sich beruhigen sobald sie feststellen, dass es nicht die Leute auf den Durchfahrtsstraßen waren, die ihnen den Umsatz bescherten.
Sie meinen Händler haben es nicht geschafft im Laufe des vergangenen Jahres in ihre Bücher zu schauen, z.B. für die Steuererklärung und glauben deshalb einfach vorbeifahrende Autos würden Gewinn abwerfen?
Natürlich sind Händler genau wie Bauern und jammern einfach bei jeder Gelegenheit. Doch Kommentatoren in Onlineforen, die es einfach immer besser wissen, als die Betroffenen, stehen dem in Nichts nach.