Sven fährt einen blauen Kipplaster einer Abfallentsorgungsfirma, Olli einen Lkw eines Isolierglasherstellers. Es ist Donnerstagvormittag, 11.45 Uhr, und Sven und Olli donnern mit Tempo 40 auf der Stresemannstraße in Hamburg-Altona Richtung Innenstadt. Dass die beiden Sven und Olli heißen, lässt sich den Lkw-typischen bunten Namensschildern entnehmen, die hinter der Windschutzscheibe klemmen. Sven und Olli fahren zu schnell, als dass man sie anhalten und fragen könnte, ob sie von dem Dieseldurchfahrtsverbot nichts gehört haben. Vielleicht haben Sven und Olli es einfach noch nicht mitbekommen. Seit Mitternacht gilt auf diesem Hamburger Straßenabschnitt und einem weiteren an der benachbarten Max-Brauer-Allee eine sogenannte Dieseldurchfahrtsbeschränkung. Dieselfahrzeuge bis zur Kategorie Euro 5 dürfen nicht mehr rein.

Um die vor immerhin schon zehn Jahren in einer EU-Luftqualitätsrichtlinie festgelegten Grenzwerte für Stickstoffdioxid einzuhalten, müssen die Kommunen handeln. Hamburg ist die erste Stadt, die Durchfahrtsverbote für Lkw und Pkw ausgesprochen hat. In der Hamburger Umweltbehörde ist man sich sicher, dass Sven und Olli die Ausnahme sind. Man habe das Fahrverbot "breit kommuniziert an alle Logistikverbände", sagt ein Behördensprecher. Die meisten Spediteure hätten die Ausweichrouten schon in den Tourennavis programmieren lassen. Die Polizei Hamburg, seit Donnerstag dazu angehalten, das bundesweit erste Verbot dieser Art durchzusetzen, hat angekündigt, zunächst nur zu informieren. Im Juni sollen dann erste Stichproben und auch Großkontrollen passieren. Ahnden will man die Ordnungswidrigkeit in den ersten Tagen nicht. Noch herrscht Welpenschutz für Sven und Olli.

Vor dem Rathaus Altona, in dem am Vormittag auf einer Pressekonferenz Sinn und Zweck des Durchfahrtsverbots erklärt werden sollen, steht ein Mann mit grünem T-Shirt und Strohhut, er hält ein Plakat hoch: "Dilution is no solution to pollution". Auf Deutsch: "Verdünnen ist keine Lösung für Umweltverschmutzung". Ein dieser Tage sehr beliebter Tweet bringt den Haupteinwand gegen das lokale Dieselverbot anders auf den Punkt: "In Hamburg darf man jetzt 580 Meter einer Straße mit einem Diesel nicht mehr befahren. Wenn man mit diesem gleichen Diesel 2,7 Kilometer Umweg fährt und an acht Ampeln hält, schont man nach Logik der Behörden die Umwelt."

Tatsächlich ist eine Umfahrung der gesperrten Straßen nur dreimal so lang. Fragen aber bleiben: Ist das Dieselverbot von Altona nur eine absurde Symbolhandlung? Die letzte wirksame Maßnahme vor einer Stickoxidvergiftung? Oder irgendwie beides?

Drinnen im Rathaus versucht Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan, ein Grüner, zu erklären, wie die auf den ersten Blick widersinnige Maßnahme zustande kommt. Die Rechnung geht wie folgt: Rund 4.000 Kilometer hat das gesamte Hamburger Straßennetz, davon sind auf 40 Straßenkilometern Grenzwertüberschreitungen beim Stickstoffoxid gemessen worden. Hamburg musste handeln, die EU hat Deutschland wegen der miesen Werte verklagt. Also erstellte man aufwändig einen "Luftreinhalteplan" – "belastbar, durchgerechnet und bisher nicht beklagt", wie der Senator sagt. Dieser Plan behauptet, dass sich die dicke Luft bis 2020 nur noch auf 6,5 Kilometern sammeln werde, wenn man etwa neue Fahrradspuren einrichtet und auf Elektrobusse umstellt. Dass es nun auf 2.180 Metern eine Dieseldurchfahrtsbeschränkung gibt, liegt daran, dass sich genau dort die Belastung anders nicht unter den Grenzwert drücken ließe. Die dann immer noch verbleibenden 6,5 Kilometer dicke Luft wiederum, auch das stellt der Senator klar, lassen sich nicht per Durchfahrtsverbot entgiften, wenn man nicht will, dass auf einer Straße weiter der Grenzwert überschritten wird.

Und das Argument, dass die Gesamtbilanz schlechter wird, weil die Umfahrung der Verbotszonen dreimal so lang ist? Es gehe ja nicht um den Umweltschutz, sondern um die Grenzwerte: "Es ist nicht das Ziel der Maßnahme, den Ausstoß insgesamt zu verringern", erläutert Kerstan. "Bei diesen Maßnahmen gilt das grundsätzliche Prinzip: Welche Konzentration schädigt die Gesundheit der Menschen?" Wenn man das Durchfahrtsverbot als reine Symbolpolitik schmähe, so sei das eine "grobe Unkenntnis von der Wirksamkeit der Maßnahme".

Dieselfahrverbote in Hamburg

Gesperrte Straßenabschnitte

Nun hat Hamburgs rot-grüne Regierung das Pech oder Glück, wie man's nimmt, dass um die Verbotsstraßen herum ein renitentes Völkchen lebt: Im Schanzenviertel und in Altona-Nord erreicht die Linkspartei regelmäßig Wahlergebnisse, von denen die SPD nur noch träumen kann. Hier leben auch die letzten linken Grünen-Wähler Hamburgs. Hätte das Durchfahrtsverbot die Kieler Straße oder die Nordkanalstraße betroffen – zwei der Straßen, in denen die Grenzwerte ebenfalls zu hoch sind –, wären wohl kaum Bürgerinnen und Bürger zu Protesten zusammengelaufen.

Nicht so in Altona: Ein gutes Dutzend vor allem älterer Demonstranten mit grünem Mundschutz und einem Transparent ("Placebos helfen nicht") bricht während der Pressekonferenz in Protesthusten aus. Was den Senator zum abermaligen Ausruf motiviert: "Sehen Sie, es geht um die Gesundheit der Menschen!" In Hamburg rotte sich etwas zusammen, sagt Alexandra Grimm, eine der Sprecherinnen der Initiative Reine! Luft! Altona!.

Kürzlich erst schafften es Anwohnerinnen und Anwohner der Max-Brauer-Allee durch monatelange Straßenproteste, den Hamburger Verkehrsverbund dazu zu zwingen, die Verlegung einer Bushaltestelle um 200 Meter zurückzunehmen. Das Kuriose: Aller Aufregung zum Trotz sind die Protestierenden und der grüne Hamburger Senator zumindest grob auf einer Linie. Die Demonstranten schmähen die Durchfahrtsbeschränkungen als "Verbötchen" und "Placebo" – doch wirklich dagegen sind sie nicht. "Es reicht eben nicht!", rufen die Nachbarinnen aus Altona.

Das findet allerdings auch der grüne Senator. "Wir machen hier das Zweitbeste", sagt er. Gut die Hälfte der Pressekonferenz widmet er seinem Hauptgegner: der Bundesregierung, genauer gesagt dem CSU-geführten Verkehrsministerium. Verkehrsminister Scheuer und sein Vorgänger Dobrindt hätten nicht gehandelt. "Scheuer könnte sofort für Abhilfe sorgen", schimpft Kerstan. "Aber ihm sind die Gewinne der Autokonzerne wichtiger als die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger." Eine Kritik, die der grüne Senator mit fast allen Verbänden teilt, die zum Dieselfahrverbot Stellung nehmen: Vom BUND bis zum ADAC – in einem breiten Bündnis fordern alle die Nachrüstung.

Es gäbe längst Module, die die Stickoxide um 90 Prozent reduzierten, argumentiert Christian Hieff, Pressesprecher des ADAC. "VW hat in einer internen Dokumentation um die 60 Prozent der Fahrzeuge als nachrüstbar ohne zusätzliche Entwicklung bezeichnet", sagt er. "Für den Export in die USA haben die Dieselfahrzeuge eine solche Zusatzeinrichtung – die müsste man nur reinschrauben."

Nicht mal die Möglichkeit, Dieselfahrzeuge mit einer blauen Umweltplakette kenntlich und damit besser kontrollierbar zu machen, habe die Bundesregierung eingeräumt, beklagt Hamburgs Umweltsenator Kerstan. Stattdessen fördere man mit dem Dieselprivileg die Dreckschleudern noch. "Das soll mal einer den Bürgerinnen und Bürgern erklären", so Kerstan. 

"Bridge Over Troubled Water"

Die Verkäuferin in der Bäckerei visávis an der Max-Brauer-Allee findet es auffällig, dass die Verbotszone schon kurz hinter der Luftmessstation endet. "Die machen das doch nur wegen der Messstationen!", ärgert sie sich. Und überhaupt bringe das Verbot ja nur etwas, wenn die Polizei das kontrolliere. Die Gewerkschaft der Polizei meutert bereits: "Die Aufgabenbücher der Polizei sind schon jetzt überfüllt", man wolle nicht "für plakative Werbeeinsätze für politische Grundsatzdiskussionen" eingesetzt werden, heißt es in einer Pressemitteilung. Ein Polizeisprecher hält dagegen, das Kontrollieren von Durchfahrtsverboten sei schon immer die Aufgabe der Polizei gewesen.

Tatsächlich steht am Nachmittag auf der Max-Brauer-Allee ein halbes Dutzend Polizeiwagen. Bereiten sie sich etwa auf eine Sperrung der Straße vor, um doch die Papiere der Fahrzeughalter zu kontrollieren und Dieselfahrer rauszuwinken? "Nein, nein", sagt ein Polizist. "Wir sind wegen einer Veranstaltung zu G20 hier." Es gibt eben doch Wichtigeres in Hamburg als das Dieselverbot.

Auf dem Parkstreifen neben der Luftmessstation an der Max-Brauer-Allee steht am Nachmittag ein Flügel, ein Mann mit Strohhut spielt. Es ist Davide Martello, der Deutschitaliener, der 2013 als Pianist vom Taksim-Platz während der Proteste gegen Erdoğan berühmt wurde.

An diesem Donnerstag hat er das bundesweit erste Dieselfahrverbot für bedeutend genug erachtet, um seinen Flügel nach Altona zu schleppen. Allmählich läuft die Nachbarschaft zusammen und hört andächtig dem gefälligen Vortrag des Protestpianisten zu. Martello spielt Bridge Over Troubled Water und andere Pop-Evergreens. Für etwas sind die 2,2 dieselfreien Straßenkilometer in Hamburg also schon am ersten Tag gut.