Viele Städte leiden unter dem zunehmenden Verkehr und den Problemen, die er mit sich bringt. Was unternehmen Großstädte, damit der Verkehr in ihren Zentren besser und sauberer wird? Und wie erfolgreich sind sie damit? Wir werfen in unserer Serie einen Blick auf Metropolregionen in ganz Europa.

Wer morgens in die Innenstadt von Wrocław fährt, muss geduldig sein und gute Nerven haben. Rund 27 Stunden steht jeder Autobesitzer jedes Jahr im Schnitt in Wrocław im Stau. In der polnischen Großstadt mit ihren 650.000 Einwohnern leben etwa 150.000 Studentinnen und Studenten, die mit ihren Autos die Straßen verstopfen. Hinzu kommen noch 100.000 Ukrainer, die seit dem Ausbruch des Krieges im Osten des Landes in die polnischen Großstädte gezogen sind. Die Folge: Auf 1.000 Einwohner in Breslau, wie die Stadt auch im Deutschen heißt, kommen inzwischen mehr als 600 Autos, fast doppelt so viel wie in Berlin. "Wie in allen Ländern, die noch vor ein paar Jahrzehnten Teil des kommunistischen Blocks waren, wird auch in Polen das Auto noch immer als Verkehrsmittel bevorzugt", sagt Magdalena Piasecka, die stellvertretende Bürgermeisterin Wrocławs. "Doch wir sehen auch deutlich, wie es sich wandelt."   

Piasecka hat sich deutsche Städte als Vorbild genommen, um ihre Stadt vor dem Verkehrskollaps zu bewahren: Leipzig, Dresden und Berlin. Wer in Wrocław Staus meiden will, der nutzt inzwischen etwa die Park-and-Ride-Zonen am Stadtrand. Sie sind so beliebt, dass schon kurz nach neun Uhr morgens in Psie Pole, einer Station im Nordosten der Stadt, alle 67 Parkplätze belegt sind.

Von da aus dauert die Fahrt mit der Bahn zum Zentrum 20 Minuten, nur halb so lang wie eine Autofahrt morgens. Die Breslauer steigen immer öfter auf die Bahn um, auch dank der besser getakteten Bahnanschlüsse. Früh am Morgen fahren die Züge nun sogar im Viertelstundentakt, früher gab es nur eine Verbindung pro Stunde. Außerdem baut die Stadt das Angebot aus, noch in diesem Jahr soll die Zahl der Park-and-Ride-Stationen von sieben auf 18 erhöht werden. Und auch die Zahl der Parkplätze wächst mit, allein in Psie Pole sollen 44 Parkplätze hinzukommen.    

"Dass alles reicht aber bei Weitem nicht", sagt der 24-jährige Aktivist Aleksander Obłąk, Mitgründer der Bürgerinitiative Akcja Miasto (Aktion Stadt). Obłąk schätzt, dass allein an einem Tag etwa 200.000 Autos ins Stadtzentrum hinein- und wieder hinausfahren. Und es würden immer mehr, denn wegen der steigenden Immobilienpreise ziehe es immer mehr Stadtbürger aufs Land. "Doch da gibt es kaum gute Verkehrsverbindungen nach Wrocław", sagt der Jurastudent. Busse seien keine Alternative, denn die stünden auch im Stau.  

500 Meter neue Tramlinie

Der Ausbau des Nahverkehrs komme nur schleppend voran. Nur eine Tramstrecke werde derzeit um gerade einmal 500 Meter erweitert. "Und in die bereits existierenden Verbindungen muss dringend mehr investiert werden", fordert Verkehrsfachmann Obłąk. Weil die Gleise nicht regelmäßig gewartet würden, entgleise in Wrocław alle drei bis vier Tage eine Tram. Vergangenen Monat überreichten er und andere Aktivisten daher dem Bürgermeister der Stadt die "Gebrochene goldene Schiene", ein Symbol für das miserable Schienennetz der Stadt. "Die Stadt ist ja nicht arm, es werden nur die falschen Prioritäten gesetzt", ist Obłąk überzeugt. Seiner Meinung bekommt der öffentliche Nahverkehr auch zu wenig Anerkennung, weil die Regierenden mit dem Auto statt mit Bus oder Tram zur Arbeit fahren.

Akcja Miasta ist ein gutes Beispiel dafür, wie immer mehr Bürger Wrocławs die Prioritäten der Stadt mitbestimmen. Sie wurde im Jahr 2014 von ein paar 20-Jährigen gegründet, die Fahrradwege im Zentrum forderten. "Damals wurde eine Fahrradfahrt durchs Stadtzentrum wegen der Unfallgefahr wie eine Heldentat gefeiert", sagt Obłąk. Die Idee, separate Fahrradwege auf der Straße zu schaffen, wurde kontrovers diskutiert. Selbst die lokalen Medien schrieben, dass Fahrradfahrten im dichtem Stadtverkehr wenig mit Verstand zu tun hätten. Inzwischen sind die Kritiker verstummt. Die Stadt hat allein seit 2014 fast 70 Kilometer neue Fahrradwege gebaut.