Viele Städte kämpfen mit dem zunehmenden Verkehr und den Problemen, die er mit sich bringt. Was unternehmen Großstädte, damit der Verkehr in ihren Zentren besser und sauberer wird? Und wie erfolgreich sind sie damit? Wir werfen in unserer Serie einen Blick auf Metropolregionen in ganz Europa.

Irgendwann waren die 7.000 nigelnagelneuen Velos nur noch Schrott. Aber auch Schrott hat einen Wert. Zumindest für den Zürcher Altmetallhändler, der die Fahrräder kaufte, in drei Lastwagen verladen und auf den Balkan transportieren ließ. Dort werden sie in ihre Einzelteile zerlegt und recycelt.

Zürich gehörte zu den ersten europäischen Städten, die im vergangenen Sommer mit Billig-Mietvelos aus Fernost geflutet wurden. Jahrelang hatte die Verwaltung an einem eigenen Leihsystem rumgetüftelt – und dann das: "Die Räder waren plötzlich da", sagte der zuständige Stadtrat Filippo Leutenegger, als die ZEIT vor einigen Monaten bei ihm nachfragte, was da in der größten Schweizer Metropole passiert sei. "Zürich nervt sich über neuen Veloverleih", schrieb der Tages-Anzeiger. Da waren die Räder gerade erst eine Woche in Betrieb.

Zürich und das Velo, das passt irgendwie nicht zusammen. Seit Jahren versucht die Stadt fahrradfreundlicher zu werden. Große Pläne werden gewälzt, teure unterirdische Velostationen gebaut. Bei den vergangenen Lokalwahlen gab es für die linken Siegerparteien nur zwei Themen: Wohnen und das Velo. Rote und Grüne überboten sich gegenseitig mit neuen Ideen. Die Sozialdemokraten, obschon sie seit Jahrzehnten in der Stadtregierung das Sagen haben, lancierten sogar eine Volksinitiative. Die Stadt solle 50 Kilometer autofreie Velorouten bauen.

Die Züricher lieben ihren öffentlichen Personennahverkehr

Trotzdem ist Fahrradfahren in der Stadt mit ihren 400.000 Einwohnern, eingeklemmt zwischen zwei Moränenhügeln, kein Vergnügen. Der Platz ist knapp, die Routen sind hügelig und immer wieder endet ein Radweg im Nirgendwo. Entsprechend unzufrieden sind die Züricher mit ihrem Velowegnetz, zeigen Befragungen. Kein Wunder, dass so wenige regelmäßig das Fahrrad nutzen. Für lediglich acht Prozent ihrer Fahrten nehmen die Züricher das Rad. Das ist zwar doppelt so häufig wie noch vor fünf Jahren, wie eine Studie des Bundesamts für Statistik zeigt, aber noch immer recht selten. In anderen europäischen Städten ist der Fahrradanteil doppelt so hoch.

Daran ändern auch die neuen Verleihvelos nichts. Im Gegenteil: Die schrottigen OBikes aus Singapur nerven, weil sie die Ständer verstellen und mit ihrer Ein-Gang-Schaltung für das hiesige Terrain völlig untauglich sind. Der Tages-Anzeiger brachte kürzlich in Erfahrung: "Nirgends auf der Welt werden mehr OBikes Opfer von Vandalismus als in der Schweiz."

Aber auch die giftgrünen LimeBike-Drahtesel aus den USA sieht man häufiger rumstehen, als dass sie gefahren werden; und die PubliBikes, so heißt der von der Stadt konzessionierte Veloverleih, rollen erst seit einem Monat.

Kein Wunder: Zürich ist eine ÖV-Stadt, eine Stadt, die ihren öffentlichen Verkehr liebt. Für 41 Prozent aller Fahrten steigen ihre Bewohner in einen Bus, in eine Tram oder in die S-Bahn. Nicht umsonst sprach der Spiegel kürzlich von der "Welthauptstadt des öffentlichen Nahverkehrs".

Der ÖV-Boom begann 1981. Damals stimmte der Kanton Zürich für den Bau einer S-Bahn. Zwei Tunnel wurden gebohrt: Einer unter der Limmat, einer unter dem Zürichberg. Und unter dem Hauptbahnhof wurde ein Durchgangsbahnhof gebaut. Die Kosten dafür – immerhin eine halbe Milliarde Franken – übernahm der Kanton und übergab das Bauwerk anschließend den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). 1990 wurde die Züricher S-Bahn eröffnet, heute ist sie das größte S-Bahn-Netz der Schweiz und befördert jährlich 175 Millionen Passagiere. Das sind fast dreimal so viele wie vor bald 30 Jahren.