Mit regenerativen Energien ist es nicht so einfach, Stromerzeugung und -verbrauch in Einklang zu bringen. Bläst der Wind stark, rotieren die Rotoren von Windkraftanlagen schnell und produzieren viel Strom. Mitunter so viel, dass die Netzbetreiber nicht den ganzen erzeugten Strom transportieren können. Dann werden Windräder abgeschaltet, um das Netz stabil zu halten. An anderen Tagen ist Flaute – damit am Ende der Leitungen nicht zu wenig Strom ankommt, muss zusätzlich Energie eingespeist werden. Für beide Fälle suchen Netzbetreiber Lösungen.

Eine Idee dafür: die Nutzung von Elektroautos als Zwischenspeicher. In einem Pilotprojekt setzt Tennet Exemplare des batterieelektrischen Nissan Leaf ein, um Strom zu speichern und wieder einzuspeisen. Tennet ist einer von vier Übertragungsnetzanbietern in Deutschland, die Hochspannung über lange Leitungen transportieren. Aus diesem Quartett befördert das niederländische Unternehmen den höchsten Anteil regenerativ erzeugter Energien, der transportierte Strom stammt jeweils zu 40 Prozent aus Wind-oder Solarparks. Die Übertragungsnetze sind die Stromautobahnen. Darüber fließt der Strom von den Erzeugern bis zu den Umspannwerken, von dort geht es in Leitungen der Energiekonzerne wie EnBW weiter, um schließlich in den Netzen regionaler Energieunternehmen beim Kunden anzukommen.

Die Elektroautos von Nissan sollen helfen, das Netz zu stabilisieren. Außerdem muss auch tatsächlich die Menge an Strom transportiert werden, die tags zuvor an der Strombörse in Leipzig gekauft wurde. Das Besondere an den Leaf: Die Batterien funktionieren bidirektional, das heißt, sie können geladen und entladen werden. "Diese Möglichkeit nutzen wir für unser Redispath, also um Transportengpässe im Netz aufzulösen", sagt Lex Hartman, Geschäftsführer von Tennet.

Auch die Fahrzeughalter sollen etwas davon haben

Das Projekt läuft seit Anfang Mai mit acht Fahrzeugen. Vier davon werden an zwei Standorten im Norden von Servicemitarbeitern des Unternehmens gefahren, die anderen vier an zwei Standorten im Süden. "Die scheinbar geringe Anzahl an Autos reicht uns völlig aus, weil wir deren Batteriekapazität zwar in unseren Schaltleitungen sehen und nutzen können, sie aber so gering ist, dass der Betrieb während der Testphase nicht gestört wird", erläutert Hartman. Getestet wird mit echten Nutzern.

Wenn die Autos nicht gefahren werden, hängen sie an Ladesäulen von The Mobility House, dem Energiedienstleister, mit dem Tennet in dem Pilotprojekt zusammenarbeitet. "Über eine Anbindung an die Cloud von Nissan können wir den Batteriezustand des Autos abfragen und diese nach Bedarf be- und entladen", sagt Thomas Raffeiner, CEO der Firma. Der Fahrer stellt vorab ein, wie groß die Mindestmenge in der Batterie seines Wagens sein soll, der Rest steht dem Netzbetreiber zur Disposition. Bei starkem Wind im Norden werden dort die Akkus der Leaf geladen, um Spannung aus dem Netz zu nehmen, bei Flauten speisen die Autos im Süden Energie ins Netz ein, um die bestellte Strommenge zu liefern.

"Elektrofahrzeuge bringen dem Energiesystem Flexibilität, mit der sich erneuerbare Energien besser organisieren lassen", sagt Raffeiner. Sein Unternehmen agiert als Schwarmmanager, nimmt bei Bedarf Energie auf und gibt sie bei Bedarf ab; die Autobatterien als Zwischenspeicher sind ins Energiesystem integriert. Somit ist The Mobility House Kraftwerk und Speicher zugleich. "Mit unserem System lassen sich die Anschaffungskosten für Elektroautos senken", so Raffeiner. Schließlich soll es für die Eigentümer lohnen, die Batterien ihrer Wagen zur Verfügung zu stellen – das Elektroauto wird zur Einnahmequelle.

Auch Tennet macht sich Gedanken darüber, wie die Fahrzeughalter entlohnt werden können. Eine Idee ist, für sie die Kfz-Steuer zu reduzieren. Bislang gilt grundsätzlich: Wer bis zum Jahr 2020 ein Elektroauto erwirbt, wird für zehn Jahre von der Kfz Steuer befreit.

Elektroautos sollen Frequenz im Netz stabil halten

Ein ähnliches Projekt von Tennet läuft seit vergangenem Jahr in den Niederlanden. Das Unternehmen nutzt dort Elektroautos dafür, Frequenzschwankungen im Stromnetz auszugleichen. Wenn Erzeugung und Verbrauch in etwa im Gleichgewicht ist, liegt die Frequenz um die 50 Hertz. Das heißt, pro Sekunde wechselt die Polarität 50-mal. Nur dann funktionieren stromverbrauchende Geräte problemlos. Mit konventionellen Kraftwerken ist das gesichert, denn sie erzeugen Strom gleichmäßig rund um die Uhr.

Bei Windrädern und Solaranlagen gibt es hingegen mitunter starke Schwankungen, was sich auf die Frequenz auswirkt. Tennet testet, ob sich die Frequenzspannung mit Elektroautos regulieren lässt. Hier arbeitet das Unternehmen mit dem Energiedienstleister Von de Bronn zusammen, der Ladesäulen für Tesla-Fahrzeuge in den Niederlanden betreibt.

Altakkus aus Elektroautos im Stadion

Dort ist auch The Mobility House in einem weiteren Projekt mit Nissan aktiv, in dem ausgediente Batterien von Elektroautos die Hauptrolle spielen. 280 Akkus der ersten Leaf-Generation wurden im Fußballstadion von Amsterdam als stationärer Speicher aufgebaut. Sie sollen die Energie aufnehmen, die aus der Solaranlage auf dem Dach der Arena kommt. Vorher wurde der Strom, den die Anlage erzeugt, nur dann genutzt, wenn im Stadion eine Veranstaltung stattfand – häufig schien gerade dann nicht die Sonne, weil schlechtes Wetter oder es abends war. Sprich: Sinnvoll genutzt wurde die Solarenergie selten. Jetzt wird sie in den alten Autobatterien gespeichert und bei Veranstaltungen genutzt oder verkauft.

Die Akkus haben eine Gesamtkapazität von vier Megawatt – damit lassen sich gut 2.000 Haushalte mit Strom versorgen. In einem weiteren Schritt baut The Mobility House rund ums Stadion etwa 100 Ladestationen auf. Dort könnten, wie im Projekt mit Tennet, die Batterien von Elektroautos als mobile Zwischenspeicher dienen. Wer mitmacht, bekommt die Eintrittskarten billiger – so ist eine der Ideen, die Anreize zum Mitmachen schaffen sollen. Denn ohne solche werden die Projekte nicht funktionieren.

Auch nicht das auf der kleinen Insel Porto Santo vor Madeira. Dort testet The Mobility House seit drei Monaten die Möglichkeiten, Energie aus regenerativen Quellen zu speichern und abzugeben, in 20 Elektroautos von Renault.