Jacqueline Bächli-Biétry ist promovierte Psychologin mit Fachschwerpunkt Verkehrspsychologie. Die Schweizerin erstellt psychologische Begutachtungen, um die charakterliche Fahreignung zu überprüfen.

ZEIT ONLINE: Frau Bächli-Biétry, Sie haben das Gutachten erstellt über den Haupttäter, der bei einem illegalen Autorennen in Berlin einen Unbeteiligten totgefahren hat. Das Landgericht Berlin verurteilte die beiden Kontrahenten zu lebenslanger Haft – der Bundesgerichtshof hat dieses deutschlandweit erste Mordurteil gegen Raser aber aufgehoben, weil er keinen Vorsatz feststellte, und an das Landgericht zurückgewiesen. Was sagen Sie dazu?

Jacqueline Bächli-Biétry: Ich bin zu wenig rechtskundig, um beurteilen zu können, welches der Gerichte letztendlich recht hat. Um in Deutschland wegen Mordes verurteilt werden zu können, scheint es auszureichen, wenn jemand durch sein Verhalten den Tod eines Menschen billigend in Kauf nimmt. Aus psychologischer Sicht trifft das auf die beiden Fahrer zu.

ZEIT ONLINE: Worauf begründen Sie Ihre Aussage?

Bächli-Biétry: Bei Leuten, die mit 160 Kilometern pro Stunde durch die Stadt rasen, über 17 rote Ampeln fahren und glauben, einen drohenden Unfall durch ihr exzellentes Fahrkönnen verhindern zu können, kann man davon ausgehen, dass sie durch ihr rücksichtsloses Verhalten den Tod anderer in Kauf nehmen. Somit waren aus meiner Sicht die Verurteilungen wegen Mordes durchaus gerechtfertigt.

ZEIT ONLINE: Sie sind Verkehrspsychologin aus der Schweiz. Wie kommt es, dass Sie das Gutachten für ein deutsches Gericht erstellt haben?

Bächli-Biétry: Eine solche Konstellation ist tatsächlich höchst selten. Sie entstand dadurch, dass der Verteidiger des Hauptangeklagten im Internet nach Publikationen zu ähnlichen Fällen gesucht hat. Dort hat er eine Veröffentlichung gefunden, die in Kooperation zwischen einer Juristin und mir über Raser und die strengen Strafen darauf in der Schweiz verfasst wurde. Aufgrund dieses Artikels hat mich der Anwalt als Gutachterin für den Todesfahrer vorgeschlagen, der Richter hat zugestimmt.

ZEIT ONLINE: Beschreiben Sie bitte den Fahrer.

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Bächli-Biétry: Er war 27, als ich ihn vor zwei Jahren kennenlernte, wirkte aber jünger. Der Mann ist mittelgroß, sehr freundlich, mit den Augen betrachtet absolut unauffällig. Optisch entspricht er nicht unbedingt dem typischen Raser. Das sind häufig muskulöse, aufgeblasene und stark tätowierte Typen.

ZEIT ONLINE: Was für einer ist er aus Sicht der Verkehrspsychologin?

Bächli-Biétry: Aus dieser Warte erfüllt er nahezu alle Klischees, die man mit einem Raser verbindet. Er überschätzt sein fahrerisches Können extrem. Seinen Selbstwert zieht er primär aus seinen scheinbaren Rennfahrerqualitäten. Im Wesentlichen definiert er sich über sein Auto. Und er hat eine äußerst belastende Vorgeschichte im Straßenverkehr: Führerscheinentzug schon während der Probezeit, Unfälle, auch mit Personenschaden, Nötigung der Polizei und ungewöhnlich viele Ordnungswidrigkeiten.

ZEIT ONLINE: Gibt es den typischen Raser?

Bächli-Biétry: Den gibt es. Er ist männlich, jung, Migrant. Dies aber weniger wegen der Nationalität als wegen der schwierigen Lebenssituation, in der sich junge Migranten in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter häufig befinden. Gerade für Leute mit schlechten Lebensperspektiven ist das Auto eine gute Möglichkeit, sich nach außen selbst darzustellen. Wer einen geringen Selbstwert hat, sich nicht über Leistungen im Beruf oder Sport definieren kann, für den ist das Auto eine Alternative. Das wird gesehen, wahrgenommen und man kann sich damit positionieren.

ZEIT ONLINE: In der Schweiz werden Autofahrer, die das erlaubte Tempo überschreiten, stärker bestraft als in Deutschland. Wer deutlich zu schnell fährt, ist ein Raser und Verbrecher und damit ein Straftäter. Er bekommt gleich beim ersten Vergehen eine bedingte Gefängnisstrafe und zwei Jahre Fahrverbot. Halten strenge Gesetze vom Rasen ab?

Bächli-Biétry: Dem Todesfahrer aus Berlin wäre in der Schweiz aufgrund seiner Vorgeschichte der Führerschein längst und wahrscheinlich dauerhaft entzogen worden. Es sind allerdings nicht die strengen Gesetze, die vom Rasen abhalten. Aus psychologischer Sicht hält die alleinige Androhung einer Strafe nicht von einer Tat ab. Allein Kontrollen führen zu richtigem Verhalten. Auf Schweizer Straßen wird häufig kontrolliert, ergo wissen die Fahrerinnen und Fahrer: "Wenn ich mich falsch verhalte, ist das Risiko hoch, erwischt zu werden. Deshalb lasse ich es besser bleiben." Das strenge Regime hat uns eine gute Bilanz beschert: Wir sind in der westlichen Welt, was die Verkehrstoten pro gefahrenem Kilometer betrifft, in der Spitzengruppe.

"Bei Rasern schwingt ein asoziales Element mit"

ZEIT ONLINE: Und wenn die Schweizer mal ordentlich Gas geben wollen, fahren sie über die Grenze nach Deutschland…

Bächli-Biétry: … und lassen dort die Sau raus. Wir wissen selbstverständlich, dass diese gebotene Möglichkeit genutzt wird. In Deutschland gibt es Autobahnstrecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Die Pisten sind breit und über lange Strecken gerade. Das lädt zum Rasen ein und führt zu einer anderen Sozialisierung im Verkehr, als wenn es Obergrenzen gibt und die Linienführung der Straßen vom schnellen Fahren abhält.

ZEIT ONLINE: Ist jeder ein Raser, der schneller fährt als erlaubt?

Bächli-Biétry: Nein, dafür muss die Geschwindigkeit deutlich überschritten sein. Und das Verhalten muss richtig rücksichtslos sein. Bei solchen Menschen schwingt ein asoziales Element mit.

ZEIT ONLINE: Das macht sie gefährlich für die Mitmenschen?

Bächli-Biétry: Natürlich. Wer sich keine Gedanken macht über die Konsequenzen seines Verhaltens, wer keine Empathie empfindet, der gefährdet andere. So jemand sollte therapiert und sanktioniert werden.

ZEIT ONLINE: In Ihren Gutachten geht es immer darum, ob der Führerschein wieder erteilt werden kann und falls ja, unter welchen Bedingungen. Woran machen Sie eine positive Prognose fest?

Bächli-Biétry: Für ein Gutachten habe ich zweieinhalb Stunden Zeit. Das reicht bei Weitem nicht, um jemandem in den Kopf zu schauen. Aber: Wir Verkehrspsychologen kennen die Risikofaktoren auf der Persönlichkeits- und Einstellungsebene aus der Erfahrung und Forschung. Diese Faktoren prüfe ich in Tests mit Fragebogen und im Interview ab. Wenn es um die Deliktverarbeitung geht, ist ein entscheidender Faktor, ob der Klient seinen Anteil am Geschehen erkennt. Wer die Umstände dafür verantwortlich macht, hat keine gute Prognose. Die häufigsten Ausreden sind nämlich die, dass nicht auf den Tacho geschaut worden sei oder dass die Situation völlig ungefährlich gewesen wäre. Wir Psychologen nennen das Externalisierung. Damit wollen wir ausdrücken, dass die Person nicht sich selbst, sondern die Umstände als Ursache für ihr Fehlverhalten ansieht.

ZEIT ONLINE: Macht Rasen ähnlich wie Alkohol- und Drogenkonsum süchtig?

Bächli-Biétry: Wenn Klienten nach Therapien kommen, reden sie meistens offener über ihre Delikte. Manche haben davon erzählt, dass dieser Nervenkitzel, der beim schnellen Fahren entsteht, durchaus süchtig macht.

ZEIT ONLINE: In der Schweiz und in Deutschland werden Kurse angeboten, die auf Begutachtungen oder die medizinisch-psychologische Untersuchung vorbereiten. Bringen Therapien tatsächlich etwas – oder sind es letztlich diese Seminare, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern helfen, die richtigen Antworten zu geben, damit sie wieder fahren dürfen?

Bächli-Biétry: Das ist eine hochinteressante Frage, über die wir Verkehrspsychologen uns den Kopf zerbrechen. Aus psychologischer Sicht ist es sicher günstig, weil die Personen mit der Vorbereitung beginnen, über ihre Vergehen nachzudenken. Die Frage ist: Wie tief geht dieser Prozess? Zu mir kommen für das Gutachten häufig Leute, die sehr plakativ antworten. Man merkt, dass sie etwas auswendig gelernt haben und auch wissen, was sie nicht sagen dürfen. Aufgesetzte Antworten erkennt man unter anderem daran, dass die Konsistenz zwischen den verschiedenen Aussagen mangelhaft ist. Ein solcher Kurs kann aber einen Prozess anregen, der das eigene Verhalten tatsächlich reflektieren lässt. Somit kann er durchaus Positives bewirken.