Ein Rentnerehepaar mit Gartenzwergen, Staubsauger und Fernsehgerät im sechswöchigen Sommerurlaub an der Ostsee – so sah für viele lange der typische Wohnwagencamper aus. Verreisen mit dem Wohnmobil war in der Vergangenheit eher der Inbegriff des Spießertums. Doch das Image hat sich gewandelt, und das bringt Schwung in die Caravaningbranche.  

Wer das nicht glauben mag, muss nur einmal nach dem Hashtag #vanlife bei Instagram suchen. User posten hier Bilder von Reisen im VW-Bus oder Wohnmobil und befeuern so die Träume vom freien, unabhängigen Leben. Und die der Wohnwagenbranche. 

Die Hersteller leben gut von diesem Trend: Im vergangenen Jahr wurden mehr als 63.000 Reisemobile und Wohnwagen neu zugelassen, das sind so viele Freizeitfahrzeuge in Deutschland wie noch nie in einem Jahr. Dabei kosten schon die günstigsten Modelle ab 40.000 Euro aufwärts. Je nach Größe und Ausstattung kann der Preis auch schnell sechsstellig werden. Die Branche setzte mehr als zehn Milliarden Euro um, Tendenz für dieses Jahr: steigend. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, könnte dieses Jahr das fünfte Wachstumsjahr in Folge werden.

Die Kunden strebten nach "Unabhängigkeit, Flexibilität, Selbstbestimmtheit", sagt Daniel Rätz vom Caravaning Industrie Verband (CIVD). Der CIVD vertritt die Interessen der Branche. Zu seinen Mitgliedern gehören nahezu alle deutschen und europäischen Hersteller von Caravans und Reisemobilen sowie deren Zulieferer und Dienstleister. "Gerade von Deutschland aus sind völlig unterschiedliche Ziele in Europa teils in Stunden zu erreichen. Und wenn es einem nicht gefällt, fährt man eben weiter", sagt Rätz.

Für dieses Alleinstellungsmerkmal steht das Caravaning, also das Verreisen mit Wohnmobil oder -wagen, schon lange. Immerhin gab es auch in den Siebzigerjahren schon Hippies, die mit dem VW-Bus bis nach Indien fuhren. "Aber jetzt merken wir, dass dieses Lebensgefühl auch bei der breiten Masse mehr nachgefragt wird."

Zurück in die Natur – im 100.000-Euro-Gefährt

Und noch etwas prägt den Zeitgeist: der Back-to-nature-Trend. "Viele Leute wohnen heute in den Städten, da ist das Leben oft hektisch und laut. Deshalb wollen sie im Urlaub wieder Natur erleben", sagt Rätz. Auch das komme der Caravaningindustrie zugute. Instagram-Hashtags sind da sowohl Symptome als auch Verstärker dieser Entwicklungen. "Caravaning trifft heute einfach den Nerv der Zeit", sagt Rätz.

Auch die Erwin Hymer Group profitiert von diesen gesellschaftlichen Megatrends. Erst vor wenigen Tagen hat das Unternehmen aus Bad Waldsee, einer der europaweit größten Anbieter für Freizeitfahrzeuge, angekündigt, einen Börsengang zu prüfen. Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen 55.000 Fahrzeuge verkauft – eine Steigerung um 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 

Zu der Firma gehören neben der gleichnamigen Kernmarke auch Dethleffs, Elddis, Eriba und Etrusco sowie Niesmann+Bischoff. Europaweit hatte die Gruppe im vergangenen Jahr bei Reisemobilen einen Marktanteil von 27 und bei Caravans von 20 Prozent, der Umsatz wurde in den letzten Jahren verdoppelt. "Wir planen mit weiterem Wachstum", teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Hierfür soll die Internationalisierung vorangetrieben werden, in neue Technologien investiert und neue Kundengruppen erschlossen werden. Ein Börsengang beziehungsweise die Aufnahme eines neuen Investors sei ein Baustein in der Umsetzung dieser Strategie, heißt es weiter.

Dabei hat sich die Nachfrage in der Caravaningbranche in einem Punkt deutlich verändert: Vor 30 Jahren wurden noch mehr Wohnwagen verkauft. Diese Entwicklung hat sich vor etwa zehn Jahren umgekehrt, heute werden fast doppelt so viele Wohnmobile wie Wohnwagen verkauft. "Der Trend geht zum Reisemobil", sagt Rätz vom CIVD. Trotzdem: Auch bei den Wohnwagen steigen die Verkaufszahlen.