Neu ist das Problem der oft tödlichen Unfälle von abbiegenden Lastwagen mit Radfahrern nicht. Doch derzeit steht es im Mittelpunkt öffentlicher Diskussionen. Der Druck auf Politik und Wirtschaft wächst, den Einbau von lebensrettenden Abbiegeassistenten zur Pflicht zu machen. Der Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD sieht zwar eine rasche Einführung vor, doch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) verweist auf die EU-Ebene – eine entsprechende Vorgabe aus Brüssel wird allerdings wohl erst 2022 kommen.

Vorläufig kann also nur eine freiwillige Nachrüstung vonseiten der Logistikunternehmer für eine schnellere Verbreitung sorgen. Dieses Ziel verfolgt auch die im Juli von Scheuer ins Leben gerufene Aktion Abbiegeassistent, die vor allem Supermarktketten dazu gebracht hat, ihre Fahrzeuge mit der Technik auszustatten.

Große Beteiligung an Aktion Abbiegeassistent

Zu den Vorreitern gehört Edeka Südbayern. Schon 2015 hatte das Unternehmen einen eigenen Assistenten entwickelt und damit begonnen, seine gut 150 Lkw mit einem kamera- und sensorbasierten Warnsystem auszustatten. Inzwischen sollen alle Fahrzeuge über die nur rund 1.000 Euro teure Technik verfügen.

Seit 2017 baut auch Netto Abbiegeassistenten in alle neuen Lkw ein. Mittlerweile sind laut dem Discounter gut 150 der rund 500 Lastwagen im Fuhrpark mit der Warntechnik ausgestattet, bis spätestens 2019 soll die Umrüstaktion abgeschlossen sein. Aldi hat nach eigenen Angaben bereits 700 mit Abbiegeassistenten ausgerüstete Lkw im Fuhrpark. Ab kommendem Jahr sollen bei beiden Aldi-Gesellschaften alle Neuanschaffungen damit versehen sein.

Die Handelskette Norma hat angekündigt, mit sofortiger Wirkung alle neuen Lkw mit Abbiegeassistenten auszustatten, ohne jedoch einen genauen Zeitplan zu nennen. Ein weiterer Vorstoß kommt von Edeka Hannover Minden: Hier sollen in naher Zukunft zwölf Lkw für einen Testbetrieb zwei unterschiedliche Warnsysteme erhalten. Am Ende der Testphase will sich das Unternehmen für einen der beiden Assistenten entscheiden, mit dem dann alle ab 2019 neu angeschafften Lkw ausgerüstet werden.

Technik warnt nur, greift aber nicht ein

Der jüngste Vorstoß kommt von der Handelsgruppe Rewe: Sie verfügt nach eigenen Angaben über 70 Lkw mit Abbiegeassistent und will ab sofort alle Neuanschaffungen mit dem Warnsystem ausstatten. Darüber hinaus haben auch Lidl, DB Schenker sowie einige Kommunen die Einführung solcher Sicherheitstechniken angekündigt. Letztere wollen vor allem Müllfahrzeuge mit Abbiegeassistenten nachrüsten. Gelsenkirchen hat dies bereits getan, Frankfurt ist dabei, Bochum testet, unter anderem Gladbeck und Herne planen.

Bei der Nachrüstung werden in der Regel kamera- und/oder sensorbasierte Assistenten montiert, die Fußgängerinnen und Radfahrer im gefährlichen toten Winkel erkennen können. Allerdings warnt die Technik den Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer nur vor der Gefahr, akustisch und mit einem aufleuchtenden Lämpchen – das heißt, sie greift nicht aktiv ins Geschehen ein. Ein solches System bietet Mercedes als bislang einziger Hersteller seit 2016 unter anderem für seine Baureihen Actros und Arocs an. Allerdings wird dort nur bei etwa jedem dritten verkauften Lkw das System tatsächlich eingebaut.

In einem nächsten Schritt sollen aber auch Abbiegeassistenten Serienreife erlangen, die in Gefahrensituationen eine automatische Notbremsung einleiten, um einen Crash zu verhindern. Noch ist unklar, ob auch diese weitergehende Variante verpflichtend werden könnte. Bei Lastwagenfahrern und Logistikunternehmen gibt es jedenfalls noch große Vorbehalte.