Mehr Radverkehr, mehr Lebensqualität

Entspannter Rad fahren lässt es sich in Hamburg kaum. In der Fahrradstraße, ein paar Dutzend Schritte von der Alster entfernt, rollen die Radlerinnen und Radler zur Mittagszeit gemütlich nebeneinander her. Ganz anders zur Rushhour: Dann sind sie zügig im Pulk unterwegs und überholen einander auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause. Dabei haben sie stets das Wasser und die Silhouette der Stadt im Blick. Dieser Abschnitt der Veloroute 4 im schicken Stadtteil Winterhude ist eine der Lieblingsstrecken von Kirsten Pfaue. Die Juristin ist Hamburgs erste Radverkehrskoordinatorin. Sie soll die Hansestadt fahrradfreundlicher machen.

Keine leichte Aufgabe. Hamburg wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wie viele andere Großstädte zur Autostadt aufgebaut. Die Folgen spürt die Metropole heute. Abgase aus dem Autoverkehr belasten die Luft. Der stetig wachsende Verkehr verursacht Lärm und Stau – zumal Elbe und Alster die Zufahrtsmöglichkeiten ins und im Zentrum begrenzen. Mehr Radverkehr soll nun einen Teil der Probleme lösen: Sein Anteil am Verkehr soll bis in die 2020er-Jahre auf 25 Prozent steigen, hat das rot-grüne Regierungsbündnis 2015 im Koalitionsvertrag festgelegt. Wie hoch der Anteil aktuell ist, lässt sich nicht genau sagen – die letzte offizielle Erhebung stammt aus dem Jahr 2008, damals machte der Radverkehr 12,2 Prozent aus.

Geld und Personal für den Um- und Ausbau hat der Senat eingeplant, für den zügigen Umbau ist nun Kirsten Pfaue zuständig. Die ehemalige ADFC-Landesvorsitzende koordiniert den Ausbau der Infrastruktur und hat dazu das Bündnis für Radverkehr gebildet. 19 Partner, die in Hamburg für den Bau von Radinfrastruktur wichtig sind, machen mit: neben verschiedenen Senatsbehörden etwa auch die sieben Bezirksämter, der Landesbetrieb für Straßen, Brücken und Gewässer, die Hamburger Hafenverwaltung und die HafenCity Hamburg GmbH. Mit ihnen hat Pfaue einen ausführlichen Maßnahmenkatalog erarbeitet.

Fahrradstraße durchs schicke Winterhude

"So viel Radverkehrsförderung gab es noch nie in Hamburg. Wir wollen den Radverkehr mit Wucht und Entschlossenheit ausbauen", sagt Kirsten Pfaue. Zentral ist dabei der Ausbau des Veloroutennetzes. Es ist teils seit Jahren geplant, wurde aber bislang nur zu Bruchteilen umgesetzt. Vereinbart wurde, das Veloroutennetz bis 2020 fertigzustellen. Seine Struktur erinnert an das stadtweite S- und U-Bahnnetz. Wenn es fertig ist, können Menschen auf 14 Strecken über eine Länge von insgesamt rund 280 Kilometer sternförmig ins Zentrum radeln.

Seit 2015 investiert die Stadt rund 13 bis 15 Millionen Euro pro Jahr in den Ausbau der Radinfrastruktur, dazu kommen noch Bundesmittel aus dem Kommunalinvestitionsförderungsgesetz. Mit Bundesmitteln wurde beispielsweise das 1,6 Kilometer lange Teilstück der Veloroute 4 in Winterhude bezahlt; der Leinpfad, eine der feinen Adressen Hamburgs. Hier grenzen große Villen mit schönen Gärten an den Alsterlauf, einen 56 Kilometer langen Nebenfluss der Elbe. An sie schließt der Leinpfad an.

Die Straße wurde im vergangenen Jahr zur anliegerfreien Fahrradstraße umgebaut: Sie wurde neu asphaltiert, die veralteten Radwege wurden zurückgebaut und sämtliche Einmündungen in den Leinpfad wurden aufgepflastert, damit die Autofahrerinnen auch haptisch die Einfahrt in die Fahrradstraße erkennen. Denn hier haben Radfahrer Vorfahrt, Autos sind nur zu Gast. Im Leinpfad dürfen die Radler nebeneinanderfahren, es gilt Tempo 30.

Widerstand beim Wegfall von Parkplätzen

Beim Umbau des Leinpfads in eine Fahrradstraße sind außerdem Parkmöglichkeiten weggefallen. "Der Aufschrei war groß", erinnert sich Kirsten Pfaue. Laut den Planern waren von den 385 Stellplätzen entlang der Straße nur 260 gebraucht, die übrigen sollten wegfallen. Eigentlich. Denn die Bewohner wehrten sich gegen das Vorhaben. "Ich war erstaunt, mit welcher Vehemenz um jeden Parkplatz und die Nichtveränderung gekämpft wurde", sagt sie. "Schließlich wollen wir alle in einer Stadt leben, wo die Lebensqualität hoch ist, die Straßenräume quirlig sind und in der die Menschen gerne unterwegs sind."

Für Pfaue stand aber von Beginn an fest: Die Weiterentwicklung der Stadt funktioniert nur im engen Austausch mit den Bürgern. Deshalb nahm sie die Sorgen und Beschwerden von Fußgängern, Autofahrern und Radfahrern gleichermaßen ernst. Der Kompromiss war: 325 Parkplätze blieben erhalten.

Das ist zwei Jahre her. "Jetzt bekommen wir Rückmeldung aus der Bevölkerung, wir hätten mehr Parkplätze wegnehmen können. Sie würden nicht gebraucht und der freie Blick auf die Alster sei so schön", sagt die Radverkehrskoordinatorin. Die positive Resonanz mache die Umsetzung neuer Bauvorhaben leichter. Außerdem habe sich die Diskussionskultur verändert, der Ton sei freundlicher geworden. "Die Konflikte sind zwar die gleichen, aber die Bereitschaft ist größer, den Perspektivwechsel zu wagen", stellt Pfaue fest.

Vorbild Amsterdam

Das ist auch nötig, denn die Hansestadt hat in den vergangenen Jahren im Fahrradklimatest des ADFC wiederholt schlecht abgeschnitten. Bei Kernthemen wie Stellenwert des Radverkehrs und Sicherheit des Radfahrens haben die Hamburger Radfahrer und Radfahrerinnen ihre Stadt mit der Note 4,7 – einem mangelhaft – regelrecht abgewatscht.

Das soll künftig besser werden. Anregungen für den Ausbau holt sich Pfaue im Ausland. Ihr Vorbild ist Amsterdam. "Die Größe und die Komplexität der Stadt mit ihren vielen engen Straßenräumen entspricht Hamburg im Nebennetz", sagt sie – gemeint sind die Nebenstraßen. In der niederländischen Hauptstadt teilen sich Autos und Fahrräder seit Jahrzehnten den Platz in Fahrradstraßen. So soll es auch in Hamburg werden."70 Prozent unseres Veloroutennetzes befindet sich im Nebenstraßennetz", sagt Pfaue. In den Niederlanden funktioniert das Miteinander gut, weil alle die Regeln kennen. In Hamburg soll eine gezielte Öffentlichkeitskampagne ab Ende des Jahres erklären, wie Rad- und Autofahrer miteinander klarkommen.

Die Kampagne soll außerdem das Verkehrsklima in den Straßen verbessern. Auch das ist nötig. Wie eine ADAC-Studie im vergangenem Jahr gezeigt hat, ist der Ton rau in der Hansestadt. "Auf Hamburgs Straßen wird gehupt und gepöbelt", sagte damals der Vorstandsvorsitzende des ADAC Hansa, Ingo Meyer. Die Kampagne soll darum auch die Sicherheit der Radelnden erhöhen.

Moderne Bike+Ride-Anlagen an U-Bahnhöfen

Das Veloroutennetz soll in zwei Jahren eigentlich fertig sein. Doch bislang sind nur etwa 130 Kilometer angelegt, 150 Kilometer müssen noch gebaut werden. Zwar sind für den Lückenschluss bereits 245 Maßnahmen in Planung, doch das Ziel 2020 werden die Radkoordinatorin, ihr Team und die Bündnispartner nicht schaffen. Neben den Velorouten sollen langfristig außerdem Radschnellwege entstehen. Die Hansestadt hat bereits acht Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben. Dabei sind durchaus Pendlerdistanzen mit einer Länge von bis zu 50 Kilometern aus der Metropolregion eingeplant, etwa die Strecke zwischen Lüneburg und Hamburg.

Doch Kirsten Pfaue geht es um mehr als lediglich den Bau guter Radwege. Sie setzt in Hamburg auf eine moderne umweltfreundliche Mobilität und eine kluge Verzahnung aller Verkehrsmittel. Dazu gehören gute Abstellanlagen für Fahrräder an den Start- und Zielorten sowie moderne Bike+Ride-Anlagen an allen S- und U-Bahnstationen.

Projekt mit Langmut

Wie die zukünftig aussehen können, zeigt die neue Anlage, die im Mai an der U-Bahnhaltestelle Hoheluftbrücke im hippen Stadtteil Eimsbüttel eröffnet wurde. Pendlerinnen und Pendler haben die Wahl: Sie können ihre Bikes kostenlos an Bügeln anschließen oder in überdachten Doppelstockparkern abstellen – oder sie mieten für 90 Euro im Jahr einen Platz in einer der beiden Sammelschließanlagen. Aktuell gibt es etwa 20.000 Bike+Ride-Stellplätze in Hamburg, bis 2025 soll ihre Zahl auf 28.000 erhöht werden.

Eine weitere Maßnahme in Pfaues Plan: das städtische Fahrradleihsystem StadtRAD erweitern. In die Bike+Ride-Anlagen an den ÖPNV-Haltestellen soll auch jeweils eine Leihstation integriert werden, damit Pendlerinnen, die mit der Schnellbahn und ohne Fahrrad ankommen, sich dort ein StadtRAD ausleihen können.

Die Hansestadt hat dem Umbau hin zu einer Fahrradstadt begonnen. "Es wird keinen Umsturz geben, sondern viele, viele strategische Schritte", beschreibt Kirsten Pfaue das Vorgehen. "Bei diesem Projekt ist Langmut gefordert." Entscheidend für sie ist: "Schlussendlich steigert mehr Radverkehr die Lebensqualität aller Stadtbewohner." Eine Idee davon bekommen die Pendlerinnen und Pendler, wenn sie auf der Fahrradstraße durch Winterhude zur Arbeit fahren.