"Ich bin eigentlich kein Radfahrer", sagt Sven Marx. Das klingt paradox – schließlich fährt er in diesen Wochen über Portugal, Spanien, Frankreich und Nordeuropa zurück nach Deutschland. Dorthin, wo er im April 2017 am Brandenburger Tor in Berlin zu seiner globalen Radreise aufbrach: über Polen, Finnland, Russland nach Japan; durch Asien über Singapur nach Australien, von dort nach Neuseeland und danach durch die USA und Kanada. Via Marokko kehrte er nach Europa zurück.

Die Weltreise war in den vergangenen Jahren Marx' Anker. "Wenn ich 50 Jahre alt werde, fahre ich mit dem Fahrrad um die Welt", hatte er immer wieder seinen Freunden und seiner Familie gesagt. Dass er das schafft, glaubte lange Zeit niemand, auch seine Frau nicht.

Denn vor neun Jahren – Marx lebte damals als Tauchlehrer in Ägypten – stellten die Ärzte einen seltenen Tumor an seinem Hirnstamm fest. Eine niederschmetternde Diagnose, die Krankheit verläuft oft tödlich. Während der Operation kam es außerdem zu Komplikationen. Dreimal mussten die Ärzte ihn wiederbeleben. Sie konnten den Tumor nur zur Hälfte entfernen, und nach der OP hatte Marx eine Einblutung im Gehirn. "Ich lag drei Monate auf der Intensivstation, war halbseitig gelähmt, wurde künstlich ernährt und beatmet", sagt Marx.

Nach Einschätzung der Ärzte ist er 2009 ein Pflegefall. Der damals 42-Jährige muss alles neu erlernen: sitzen, essen, gehen. Doch Marx will sein Leben zurück. Dafür trainiert er täglich. Erst lernt er mühsam das Laufen am Rollator. Dabei fällt er ständig hin, immer wieder aufs Gesicht. Dann übt er Schwimmen, danach Radfahren. Die Erfolge sind klein, aber Marx gibt nicht auf. Weiter üben!, ermahnt ihn sein Therapeut beim Abschied, gleichzeitig warnt er ihn: "Fahr bloß nicht auf der Straße."

"Ich will nicht auf andere Rücksicht nehmen"

Heute funktioniert Radfahren für Marx besser als Laufen. Wer ihm beim Gehen zusieht, denkt schnell, er wäre betrunken. Wie ein Seemann auf Landgang schwankt er die wenigen Meter zu seinem Fahrrad. Das hat einen Grund: Marx sieht die Welt in zwei versetzten Bildern, eines ist verschwommen, das andere etwas klarer. Zu Fuß muss er jeden Schritt ausbalancieren.

Auf seinem sportlichen Trekkingrad hingegen ist sein Blickfeld dank der leicht vorgebeugten Sitzposition deutlich klarer, sodass er im Verkehr gut zurechtkommt. Und wenn das Bike erst mal rollt, hält es für ihn die Balance. Es ersetzt den Krückstock. "Meine Tiefenwahrnehmung funktioniert nicht. Ich kann nicht einschätzen, wie steil ein Gefälle ist oder wie tief eine Stufe", erklärt Marx. Deshalb schiebt er sein Fahrrad stets am Vorbau durch die Stadt. So spürt er beispielsweise, wie hoch eine Bordsteinkante ist.

Auf der Weltreise hilft ihm diese Technik täglich – etwa um bei der Zeltplatzsuche Stolperfallen auszuweichen. Manchmal schlägt er sein Kuppelzelt in der Nähe der Straße auf. "Wenn ich mein Rad die Böschung hinunter schiebe, merke ich, wie steil der Hang ist oder ob der Untergrund sumpfig ist", sagt er. Das ist wichtig, denn er ist allein auf Tour, allein mit dem kleinen Tumor im Hirn.

Das Fahrrad hilft Marx, selbstbestimmt leben zu können, trotz seiner Behinderung. "Ich will nicht auf andere Rücksicht nehmen. Ich habe mit mir selbst genug zu tun", sagt er. Wie mühsam sein Alltag ist, ahnt man, wenn man ihn auf dem Rad begleitet. Manche seiner Bewegungen passen eher zu einem alten Mann als zu einem 51-Jährigen. Sehr bedächtig schließt Marx sein Faltschloss auf. Auf den ersten Metern wirkt sein Fahren wackelig, bis er in die Pedale tritt und das Rad Tempo macht. Muss er an einer Kreuzung anhalten, ist ein schneller Blick nach rechts und links für ihn nicht drin. Er dreht seine Schultern langsam nach rechts, dann langsam nach links – sonst sieht er nichts.

Marx stört das nicht, er ist pragmatisch. "Ich fahre viel nach Gehör", sagt er, und im Berliner Stadtverkehr fühle er sich sowieso sicher.