Der Einsturz einer Autobahnbrücke mit vielen Toten im italienischen Genua lenkt den Blick auch auf die Sicherheit der Brücken in Deutschland. Ein Experte warnt vor dem schlechten Zustand vieler deutscher Autobahnbrücken. "Unsere Brücken verrotten gefährlich, ein Einsturzrisiko kann inzwischen nicht mehr ausgeschlossen werden", sagte der Bauingenieur und Architekt Richard Dietrich dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Die Probleme liegen demnach auch an der Verwendung von Beton als Werkstoff. Schäden würden hier erst spät, wenn nicht gar zu spät sichtbar, sagte Dietrich, der dem Bericht zufolge selbst zahlreiche Brückenbauten verantwortet. "Wenn der Beton Risse hat, durch die Feuchtigkeit eindringt, löst sich irgendwann der Zement auf, dadurch rostet die freigelegte Stahlbewehrung, und spätestens dann leidet die Stabilität." Dietrich sprach sich daher für die Rückkehr zu Stahlbrücken aus. Diese seien deutlich langlebiger und weniger anfällig für Schäden. "Aber die Betonindustrie ist ein gut funktionierendes Kartell in Deutschland, das sich sogar an den Universitäten durchgesetzt hat – dort lernen die angehenden Ingenieure, nur noch mit diesem Werkstoff zu bauen", sagte Dietrich. Dieses System zu revidieren brauche Zeit und ein Umdenken bei vielen, die daran nicht sonderlich interessiert seien.

Auch der Zustand von Eisenbahnbrücken in Deutschland ist bedenklich, wie Recherchen von ZEIT ONLINE zeigten. Im Jahr 2014 waren etwa ein Drittel aller Eisenbahnbrücken in einem sehr schlechten Zustand oder gar nicht mehr sanierungsfähig. Relativ gesehen war zu dem Zeitpunkt der Zustand der Brücken im Saarland am schlechtesten, den größten Sanierungsbedarf in absoluten Zahlen hatte Nordrhein-Westfalen.

Jede achte Brücke in schlechtem Zustand

In Deutschland gibt es nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen etwa 39.600 Brücken an Autobahnen und anderen Fernstraßen. Ein Großteil der Brücken des Bundes ist mehr als 40 Jahre alt. Nach aktuellen Zahlen des Bundesverkehrsministeriums befinden sich 12,2 Prozent der Brücken in einem "nicht ausreichenden beziehungsweise ungenügenden Bauwerkszustand". Damit ist rund jede achte Brücke marode. Ebenfalls ein Achtel der Brücken ist in einem sehr guten oder guten Zustand, der Großteil liegt im Mittelfeld.

Auch der Verband der Deutschen Bauindustrie hat eine warnende Studie zum Zustand der Brücken in Deutschland herausgegeben. Seit 2000 hat sich demnach die Zahl der Brücken mit gutem oder sehr gutem Zustand halbiert. Der Anteil der Brücken mit gerade noch ausreichendem Zustand habe sich dagegen beinahe verdoppelt. Auch viele kommunale Brücken sind laut dem Verband marode, bis 2030 müssen über 10.000 ersetzt werden. Bei einem ADAC-Test von 2014 fielen sieben der 30 untersuchten kommunalen Brücken in zehn deutschen Städten durch. Nur vier Bauwerke erhielten ein gutes Urteil.

Bei einer Brücke mit ungenügendem Zustand ist die Sicherheit "erheblich beeinträchtigt oder nicht mehr gegeben". Auch bei Brücken mit der Bewertung "ausreichend" sind Instandsetzungsmaßnahmen nötig. Die Straßen- und Autobahnmeistereien in den Ländern kontrollieren regelmäßig den Zustand der Brücken. Untersucht werden etwa Standsicherheit, Verkehrssicherheit und Dauerhaftigkeit der Bauwerke. Schäden kündigen sich jedoch oft in nicht einsehbaren Bereichen im Inneren der Struktur an. Der Bund unterstützt daher unter anderem das Projekt Intelligente Brücke, bei dem Sensoren frühzeitig Schäden melden sollen.