Scootergeddon kam Ende März nach San Francisco. Gleich mehrere Firmen hatten über Nacht ihre kleinen batteriebetriebenen Elektrotretroller auf den Straßen der Stadt verteilt. Die Stadtoberen waren genauso überrascht wie die Bewohnerinnen und Bewohner. Innerhalb von Stunden gingen Anrufe bei der Stadt ein, in denen sich Bürger über Roller beschwerten, die achtlos auf Gehwegen abgelegt worden waren oder Bushaltestellen blockierten; sie meldeten Fahrer, die mit hohen Geschwindigkeiten und ohne Rücksicht auf Passanten über die Bürgersteige rasten. Bei einem eilig einberufenen Treffen in der Stadthalle wollten so viele Anwohner ihrem Ärger Luft machen, dass die Redezeit pro Person auf eine Minute begrenzt werden musste.

Aus San Francisco sind die E-Tretroller ein knappes halbes Jahr später vorerst verschwunden. Derzeit berät die Stadt über Anträge von zwölf Firmen, die hoffen, bald mit offizieller Genehmigung wieder an den Start gehen zu dürfen. Landesweit aber hat der Fehlstart an der Westküste dem Siegeszug der Scooter nicht geschadet. Und keine Firma ist derzeit erfolgreicher als Bird, der mit Abstand größte Anbieter am Markt. Jetzt expandiert das Unternehmen nach Europa.

Bird wurde erst 2017 gegründet. Nicht einmal ein Jahr später sind die Roller in mehr als 20 US-Städten zu finden, die Bewertung des Anbieters am privaten Investorenmarkt hat vor Kurzem die Marke von zwei Milliarden Dollar überschritten. Ob die Firma profitabel ist, verrät sie nicht, aber an Selbstbewusstsein mangelt es den Managern kaum. Sein Ziel sei es, so viele Autos wie möglich von der Straße zu kriegen, erklärt Gründer Travis VanderZanden in Interviews gerne. "Wir werden nicht zufrieden sein, bis es mehr Birds als Autos gibt", sagte der 39-Jährige der New York Times.

Mit dem E-Tretroller die letzte Meile überbrücken

Die Elektroroller können für einen Dollar ausgeliehen werden; die Nutzung selbst kostet dann 15 Cent pro Minute. Die Kunden können die Scooter jederzeit und überall abstellen, ohne erst umständlich eine designierte Stelle suchen zu müssen. Eine Batterieladung reicht für gut 24 Kilometer. Jeden Abend werden die Roller eingesammelt und über Nacht aufgeladen, um am nächsten Morgen wieder auf die Straße zu kommen. Wer will, kann dabei helfen und sich so ein paar Dollar dazuverdienen.

VanderZandens erste Firma Cherry, die Autowäschen per App versprach, wurde 2013 vom Fahrdienst Lyft gekauft, VanderZanden selbst übernahm daraufhin die Rolle des Geschäftsführers. Ein Jahr später wechselte er zu Uber. Ein Streit mit seinem alten Arbeitgeber, der ihm den Diebstahl von Firmengeheimnissen vorwarf, wurde 2016 beigelegt. Die Begeisterung für Transport habe er seit der Kindheit gehabt, sagt VanderZanden in Interviews. Die Mutter war Busfahrerin in Wisconsin, er selbst habe mitbekommen, wie umständlich es für die Fahrgäste gewesen sei, vom Bus nach Hause zu kommen – Jahre später will er das Problem der letzten Meile mit seinem Mikrotransportmittel nun lösen.

Mit Uber-Gründer Travis Kalanick teilt er dabei nicht nur den Vornamen. Kritiker sagen, die Firma bitte – wie der übermächtige Fahrdienst – erst um Entschuldigung für das Chaos, das sie anrichte, wenn sie bereits vor Ort sei, anstatt im Vorfeld eine Genehmigung zu beantragen. Bird verteile Hunderte von Rollern in einer Stadt, um für Nachfrage und öffentliche Aufmerksamkeit zu sorgen, mache dann einen Schritt zurück und schaue zu, wie die Verantwortlichen verzweifelt versuchten, auf die Rollerinvasion zu reagieren, beschrieb die Seite The Verge die Strategie.