Wie die meisten Testräder wurde uns auch das Schindelhauer Gustav im großen, schmucklosen Pappkarton angeliefert. Doch auch in diesem Fall ließ die Verpackung keine Schlüsse über den Inhalt zu. Im Gegenteil. Bereits das Herausheben verblüfft, das erstaunlich leichte Bike kann man locker mit einer Hand aus dem Karton hieven.

Diese Hand wird zugleich Zeuge der hohen Verarbeitungs- und Materialqualität. Der graue Lack ist schön gleichmäßig aufgetragen, und auch die kaum sicht- und spürbaren Schweißnähte am Rahmen sowie einige schicke Details vermitteln ein gehobenes Niveau. Das reduzierte Design erfreut das Auge. Hier scheint nichts überflüssig, alles passt gut in- und zueinander. Zugleich bietet das Gustav einige pfiffige Features: den im Schutzblech integrierten LED-Frontscheinwerfer zum Beispiel, glatte und dennoch beidseitig rutschfeste Pedale und den für die Marke typischen Riemenantrieb. Stylish, sauber, elegant – dieses Rad kann sich nicht nur fahren, sondern auch sehen lassen.

Leicht sportlich und zugleich bequem

Bevor wir uns auf Probetour machen, müssen allerdings noch der Frontgepäckträger mit vier Schrauben am Lenkrohr montiert sowie Lenker und Sattel in Position gebracht werden. Zwar sitzt man einigermaßen aufrecht, und die Hände ruhen recht entspannt auf den Lenkergriffen (die sich übrigens selbst nach längerer Fahrzeit angenehm anfühlen). Dennoch hat man zugleich auch das Gefühl, auf einem leicht sportlichen Rad zu sitzen. Diesen Eindruck vermittelt auch der Sattel: schmal, aber trotzdem mit einer nachgiebigen, nicht zu weichen Unterfütterung.

Der Frontscheinwerfer befindet sich auf der Unterseite des Schutzblechs. © SP-X/Max Friedhoff

Man fühlt sich schnell wohl auf dem Gustav. Nichts stört, vor allem keine schlimmen Geräusche. Der Riemenantrieb im Zusammenspiel mit der Achtgang-Nexus-Nabenschaltung arbeitet nahezu lautlos. Lediglich die breiten, voluminösen Horizon-Reifen von WTB sorgen mit ihrer recht glatten Lauffläche je nach Untergrund für leichte, aber keineswegs übertrieben laute Abrollgeräusche. Und sind die Pneus nicht zu prall mit Luft gefüllt, werden viele kleinere Unebenheiten zwischen Fahrbahn und Felge erfreulich geschmeidig abgefedert.

Dem gut 13 Kilogramm schweren Gustav gelingt der Kompromiss aus einer leicht sportlichen und zugleich bequemen Auslegung. Für den Einsatz in der Stadt – und dafür ist das Rad gedacht – ein guter Spagat. Auch Touren sind möglich, allerdings sollte der achte Gang dann eine längere Übersetzung bieten. Wem diese zu kurz ist, kann beim Fahrradhändler oder direkt bei Schindelhauer auch andere Übersetzungen bekommen. Künftig will der Hersteller das Gustav ohnehin grundsätzlich mit einem größeren Riemenrad ausliefern.

Praktisch ist das Gustav auch noch. Zur Serienausstattung gehört ein breiter und solider Frontgepäckträger, der am Lenkrohr verschraubt ist. Er kann bis zu 15 Kilogramm schweres Gepäck aufnehmen. Als Besonderheit bietet Schindelhauer dafür zwei elastische Befestigungsriemen, die sich dank zahlreicher Ösen stramm über Taschen oder Rucksäcke legen lassen. Werden die Riemen nicht benötigt, befestigt man sie einfach um den Trägerrahmen herum. Diese Lösung erlaubt ein sicheres Fixieren von Transportgut. Weiterer Vorteil: Das Gepäck ist stets im Blickfeld des Fahrers.

Ein Riemensystem lässt das sichere Fixieren von Taschen am Frontgepäckträger zu. © SP-X/Max Friedhoff

Ist das Gepäck vorn etwas schwerer, muss man allerdings mit einem etwas nervigen Flattern des Vorderrads und Unruhe in der Lenkung rechnen. Wer mehr oder auch schwereres Gepäck transportieren will, sollte deshalb einen Heckgepäckträger nachrüsten. Sieht man vom Vorderradflattern einmal ab, fährt sich das Gustav aber gut, und man fühlt sich stets sicher. Die mechanischen Scheibenbremsen von TRC überzeugen mit einer ordentlichen Bremsleistung und das Rad steht stabil auf dem serienmäßig montierten zweifüßigen Zentralständer.

Angesichts von Verarbeitung, Design und den Komponenten geht der Preis von gut 1.300 Euro für das Gustav absolut in Ordnung. Allerdings muss man dafür ein paar Abstriche hinnehmen, denn der für ein Schindelhauer-Rad erfreulich niedrige Preis liegt auch an kostenoptimierten Komponenten. So ist – anders als bei teureren Bikes des Herstellers – beim Gustav und seinem Schwestermodell Greta die günstige CDN-Version des Riemenantriebs von Gates verbaut. Bei dieser sind viele Bauteile aus Kunststoff statt aus Metall. Die Folge: Im Vergleich zur Kette bietet der Riemen zwar die doppelte Lebensdauer, die teurere CDX-Variante soll aber viermal so lange halten.

Auch für Sattel und Lenkergriffe des Gustav verwendet Schindelhauer Kunst- statt echtem Leder. Bei den Schaltungen hat man schließlich die Wahl zwischen der günstigen SRAM-Zweigang-Automatik der Basisversion oder der 150 Euro teuren Achtgang-Nabenschaltung von Shimano. Allerdings handelt es sich dabei nicht um das Alfine-, sondern um das günstigere Nexus-Getriebe.

Doch trotz der teilweise günstigeren, einfacheren Komponenten ist das Gustav ein gut gemachtes und gefälliges Alltagsbike. Mit schwerem Herzen aber leichter Hand stecken wir es nach dem Test wieder in den schnöden Karton.

Ein zweifüßiger Ständer sorgt für einen stabilen Stand. © SP-X/Max Friedhoff