Nach dem Einsturz einer Autobahnbrücke in Italien fragen sich viele: Kann das in Deutschland auch passieren? In welchem Zustand sind die deutschen Straßenbrücken und wie werden sie kontrolliert? Experten halten ein Unglück wie in Genua bei uns für schwer vorstellbar. "Wir haben ein sehr solides System der regelmäßigen Inspektion und Überwachung", sagt Manfred Tiedemann, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Prüfingenieure.

Grundlage dafür ist eine eigene Deutsche Industrie-Norm (DIN), die die Art und Häufigkeit der Brückenprüfungen exakt regelt. Wir beantworten dazu die wichtigsten Fragen.

Wie alt sind die Straßenbrücken in Deutschland?

Allein im deutschen Fernstraßennetz, für das der Bund zuständig ist, gibt es rund 39.600 Brücken. Fast jede zweite stammt aus dem Zeitraum von 1965 bis 1984, darunter nahezu alle großen Talbrücken in den alten Bundesländern. Dazu kommen mehr als 26.000 Brücken, die in der Baulast der Bundesländer liegen, sowie Brücken in der Verantwortung der Kommunen. Insgesamt soll es in Deutschland rund 120.000 Straßenbrücken geben.

Der Großteil der Fernstraßenbrücken – mehr als zwei Drittel – besteht aus Spannbeton, dem typischen Material seit vielen Jahrzehnten. Experten sind sich uneins, ob Spannbeton ein guter Baustoff für solche Brücken ist – mit dem Alter verschlechtere sich das Material. Der an zahlreichen Brückenprojekten beteiligte Architekt und Ingenieur Richard Dietrich hält das Spannbetonverfahren für riskant und plädiert für eine Rückkehr zu reinen Stahlbrücken.

Ein Problem ist, dass über viele der älteren Brücken heute viel mehr Verkehr rollt, als für das Bauwerk eigentlich geplant war. Insbesondere die Belastung durch den Schwerlastverkehr hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Darauf weist etwa der Verband Pro Mobilität hin, der sich für eine leistungs- und zukunftsfähige Infrastruktur in Deutschland einsetzt. Laut Pro Mobilität wurde etwa die Rheinbrücke der Autobahn A1 bei Leverkusen einst für 40.000 Fahrzeuge pro Tag konzipiert, heute rollten aber mehr als dreimal so viele darüber. Inzwischen ist sie für schwere Lkw gesperrt und es wird eine neue Brücke errichtet.

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Wie werden die Brücken kontrolliert?

Wie und mit welchem Aufwand der Zustand der Brücken geprüft wird und in welchem zeitlichen Rhythmus, ist genau geregelt. Der Sicherheitsstandard sei "sehr hoch", heißt es etwa beim Bauindustrieverband. Grundlage sind die DIN 1076 Ingenieurbauwerke im Zuge von Straßen und Wegen – Überwachung und Prüfung und die dazugehörige Richtlinie; die Länder haben die DIN für die in ihrer Verantwortung liegenden Bauwerke ebenfalls übernommen. Die Pflicht gelte auch für Autobahnabschnitte, die von privaten Investoren betrieben werden, erläutert das Bundesverkehrsministerium. Für Brücken der Kommunen ist die Verwaltungsvorschrift nicht bindend; dem Ministerium zufolge gilt die DIN aber als "allgemein anerkannte Regel der Technik".

Der Bund vergibt die Kontrollen häufig an Dritte, zum Beispiel den TÜV Rheinland. Üblicherweise wird für die Prüfung ein kleines Team gebildet, in aller Regel aus einem speziell ausgebildeten Bauwerksprüfingenieur und ein bis zwei Technikern sowie eventuell den örtlich zuständigen Meistereien.

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Wie oft wird geprüft?

Die DIN schreibt vor, dass die Brücken und alle anderen Bauwerke der Bundesfernstraßen alle sechs Jahre einer sogenannten Hauptprüfung und alle drei Jahre einer einfachen Prüfung unterzogen werden müssen. Daneben gibt es Sonderprüfungen aus besonderem Anlass, bei Brücken über Flüssen etwa nach einem Hochwasser oder wenn ein Schiff das Bauwerk gerammt hat. Außerdem muss in den Jahren, in denen keine einfache oder Hauptprüfung stattfindet, die Brücke einmal jährlich "auf offensichtliche Mängel oder Schäden hin" besichtigt werden; die DIN 1076 schreibt ferner eine laufende Beobachtung durch die zuständigen Straßen- und Autobahnmeistereien vor.

Kontrolliert werden drei Eigenschaften: die Standsicherheit des Bauwerks, die Verkehrssicherheit und die Dauerhaftigkeit, also wie widerstandsfähig die Brücke gegenüber äußeren Einwirkungen ist. Es wird jeweils geprüft, ob die Eigenschaft erfüllt ist – und dann erstellen die Prüfer für das Bauwerk einen Bericht mit einer nach einem genau festgelegten Algorithmus ermittelten Zustandsnote.

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Wie sehen die Noten für die deutschen Brücken aus?

Die Notenspanne reicht von der Bestnote 1,0 bis zu 4,0. Insgesamt gibt es sechs Notenbereiche:

  • 1,0–1,4 ("sehr guter Bauwerkszustand")
  • 1,5–1,9 ("guter Bauwerkszustand")
  • 2,0–2,4 ("befriedigender Bauwerkszustand")
  • 2,5–2,9 ("noch ausreichender Bauwerkszustand")
  • 3,0–3,4 ("nicht ausreichender Bauwerkszustand")
  • 3,5–4,0 ("ungenügender Bauwerkszustand")

Die folgende Grafik zeigt die aktuelle Notenverteilung (Stand März 2018) auf die fast 40.000 Brücken im Fernstraßennetz. Da der Bund in den letzten Jahren mehr Geld für den Brückenerhalt ausgegeben hat, ist der Anteil der Brücken im Notenspektrum 3,0 bis 4,0 gesunken, von etwa 15 Prozent im Jahr 2008 auf aktuell 12,2 Prozent. Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) hat eine Liste aller Fernstraßenbrücken mit der jeweiligen aktuellen Zustandsnote veröffentlicht.

Die Note selbst sagt allerdings nur etwas über die Dringlichkeit notwendiger Maßnahmen aus, nichts aber über Art und Umfang der Schäden.

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Was passiert, wenn Mängel festgestellt werden?

Je nach Schwere des Schadens legt das Prüfteam fest, wie schnell er beseitigt werden muss – ob kurz- oder mittelfristig – und ob gegebenenfalls die Nutzung der Brücke eingeschränkt werden muss. Vor einer kompletten Sperrung einer Brücke scheuen die Behörden oft, weil das den Verkehr enorm stören kann. Darum wird eine mangelhafte Brücke bisweilen etwa für Lkw gesperrt oder die erlaubte Höchstgeschwindigkeit zum Überfahren der Brücke gesenkt.

In ganz schweren Fällen können die Prüfer auch zu dem Urteil gelangen, dass umgehend eine Instandsetzung oder Erneuerung einzuleiten ist. Das gilt vor allem für Brücken mit den Zustandsnoten 3,5–4,0. Allerdings bedeute auch diese Bewertung keine Einsturzgefahr, betont das Verkehrsministerium – eine solche Note könne sich etwa auch auf fehlende Stäbe im Geländer oder abgeplatzten Beton auf der Fahrbahn beziehen.

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Wie viel gibt der Bund für den Erhalt der Brücken aus?

Die Bundesregierung hat die Instandhaltung und -setzung der Brücken im Fernstraßennetz als einen Schwerpunkt ausgemacht. Allein in diesem Jahr sind im Bundeshaushalt 1,4 Milliarden Euro für die Brückenerhaltung eingeplant. Insgesamt gibt der Bund inzwischen erheblich mehr für die Brückensanierung aus als früher: Bis 2009 wurden im Schnitt nur 330 Millionen Euro pro Jahr in die Brückenreparatur investiert. Experten schätzen den gesamten Sanierungsbedarf aber auf zehn Milliarden Euro.

Allerdings beklagt das Verkehrsministerium seit Längerem, dass in Deutschland die Planungs- und Genehmigungsverfahren zu kompliziert seien und deshalb zu lange dauerten – insbesondere im europäischen Vergleich. Mitte Juli hat das Bundeskabinett einen von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) eingebrachten Entwurf für ein Planungsbeschleunigungsgesetz beschlossen, damit die Verfahren künftig einfacher, effizienter und schneller werden.

Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass die schleppende Instandsetzung nicht allein an den komplexen Verfahren liege, sondern auch an Fachkräftemangel. In vielen Unternehmen der Betoninstandsetzung blieben Vollzeit- und Ausbildungsstellen frei, beklagt der zuständige Firmenverband.

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