Als erstes kommunales Verkehrsunternehmen in Deutschland testet die Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG) unter ihrer Marke Mainzer Mobilität einen selbstfahrenden Elektrokleinbus im öffentlichen Raum. Damit will die MVG Erkenntnisse über die Akzeptanz von Nutzerinnen und Nutzern und über Einsatzmöglichkeiten solcher Fahrzeuge zur flexiblen Versorgung urbaner Randgebiete gewinnen. Für die am Projekt beteiligte R+V Versicherung stehen Fragen zur Versicherung autonomer Fahrzeuge im Vordergrund. Der Ökostrom kommt von den Mainzer Stadtwerken.

Der Stromer namens Emma fährt bis Ende August täglich mit 11 bis 13 Kilometern pro Stunde entlang des Mainzer Winterhafens, die Strecke zwischen Ruderverein und Fort Malakoff ist einprogrammiert. Der 4,75 Meter lange und 2,75 Meter hohe E-Bus bietet acht Sitzplätze, Fahrgäste können zwischen 10 bis 13 Uhr sowie 14 bis 17 Uhr kostenlos damit fahren. Emma hat kein Lenkrad, wird aber während der Fahrt von einem Operator überwacht. Denn aus rechtlichen Gründen muss immer ein Mensch an Bord sein, der im Notfall Bremsen und Lenken übernehmen kann.

Emma stammt vom französischen Hersteller Navya. Der hat den Kleinbus mit mehreren Sensorsystemen wie Lidar und Stereokameras ausgerüstet. Mit Hilfe von GNSS-Antennen kann das Fahrzeug außerdem seine Position per Satellitennavigation besonders exakt bestimmen. Kommen andere Verkehrsteilnehmer dem Bus zu nah, verlangsamt er die Fahrt, bleibt nötigenfalls stehen oder übergibt an die Begleitperson. Diese kann auch jederzeit eingreifen, den Nothalteknopf drücken oder den Autopiloten mit Hilfe eines Joysticks übersteuern.

Bahntochter ioki betreibt autonomen Bus in Bayern

"Für uns ist es sehr spannend, Erkenntnisse über die Möglichkeiten und Potenziale dieser Technologie aus erster Hand zu bekommen und wir sind sehr stolz darauf, ein solches Testprojekt hier bei uns in Mainz zu realisieren", sagt Eva Kreienkamp, die Geschäftsführerin der Mainzer Mobilität. Der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Volker Wissing sieht in einem solchen selbstfahrenden Kleinbus insbesondere eine künftige Ergänzung im öffentlichen Personennahverkehr: "Strecken, die sich heute nicht wirtschaftlich betreiben lassen, könnten perspektivisch wieder neu erschlossen werden", sagt Wissing.

Inzwischen werden solch autonome Kleinbusse an einigen Standorten getestet. So hat R+V Ende 2017 einen Testversuch am Frankfurter Flughafen auf gesperrtem Gelände durchgeführt. In Berlin wird das selbstfahrende Kleinbusmodell EZ10 des ebenfalls französischen Herstellers Easymile getestet, auf dem halböffentlichen Euref-Campus im Stadtteil Schöneberg. Zuvor wurde auf dem Euref-Gelände schon ein ähnliches Modell getestet, ein unter dem Namen Olli bekannter autonomer Kleinbus des US-Unternehmens Local Motors.

Ebenfalls einen vier Meter langen EZ10 von Easymile lässt ioki, eine neue Tochterfirma der Deutschen Bahn, seit Herbst 2017 selbstständig durch Bad Birnbach fahren. In dem niederbayerischen Kurort zuckelt der Quader auf Rädern die einprogrammierte Strecke ab, 700 Meter zwischen Ortszentrum und Therme. Im Halbstundentakt nimmt der vier Meter lange Bus Passagiere auf, die wie in Mainz für die Fahrt nichts bezahlen müssen. Maximal fünf sitzende und weitere sechs stehende Menschen finden gleichzeitig Platz im EZ10 des französischen Herstellers Ligier. Bisher haben mehr als 14.000 Fahrgäste das Angebot genutzt.

Auch Sylt will autonomes Fahren ausprobieren

Die Kommune hat in Bad Birnbach Hinweisschilder aufgehängt. © Deutsche Bahn

Auch hier muss ein Aufpasser im Bus mitfahren. Er kann per Joystick das Fahrzeug zur Not anhalten oder um ein Hindernis kurven. Zur Sicherheit hat die Stadt außerdem Schilder aufgestellt, die den übrigen Verkehr auf den selbstfahrenden Bus hinweisen. An sich könnte der EZ10 bis zu 45 Kilometer pro Stunde fahren, in Bad Birnbach sind 15 Kilometer pro Stunde vorgeschrieben. Auch bei ioki sieht man, ähnlich wie der Mainzer Verkehrsminister, in einem solchen Bus die Möglichkeit, langfristig "die Lücken im öffentlichen Nahverkehr zu schließen". Lücken also, die bislang etwa der eigene Pkw, ein Taxi, Chauffeure von Uber oder Carsharing-Anbieter füllen.

Wie ioki hier aktiv werden kann, beweist das Unternehmen bereits in Hamburg: In den westlichen Stadtteilen Osdorf und Lurup kann man sich per Smartphone-App ein elektrisch angetriebenes Sammeltaxi rufen, das einen zur nächsten Bushaltestelle oder Bahnstation bringt. Allerdings noch klassisch mit Fahrer am Steuer. Wenn es nach ioki geht, soll sich das aber bis 2025 ändern.

Derweil ist die nächste Teststrecke für einen selbstfahrenden Elektrokleinbus schon in Planung: Noch in diesem Jahr will die Sylter Verkehrsgesellschaft auf der Nordseeinsel ebenfalls ein solches Gefährt auf öffentlichen Straßen einsetzen – auch hier natürlich mit einem Operator an Bord, der im Notfall eingreifen kann. Der E-Bus ist Teil eines vom Bundesverkehrsministerium geförderten Forschungsprojekts. Dabei geht es vor allem darum, zu testen, ob solche Vehikel zukünftig in ländlichen Regionen eingesetzt werden könnten, etwa zwischen abgelegenen Dörfern fernab von Bus- und Bahnstationen – ohne feste Routen und Fahrpläne, sondern als Rufbus.