ZEIT ONLINE: Alles in allem erzielt der Konzern trotzdem einen enormen Gewinn – Sie schätzen diesen für das Gesamtjahr 2018 auf um die 1,7 Milliarden Euro. Warum reicht das nicht?

Böttger: Die Bahn zahlt schon fast eine Milliarde Euro Zinsen. Somit bleiben etwa 700 Millionen Euro. Der Bund als Eigentümer hat seine Dividendenforderung inzwischen aufgegeben, trotzdem reichen der Bahn die 700 Millionen nicht, um die anstehenden Investitionen zu finanzieren. In den vergangenen Jahren ist die Bahn im Fernverkehr mit einer weitgehend abgeschriebenen, veralteten Flotte gefahren. Doch inzwischen hat die Bahn neue ICE4 in einem Volumen von rund fünf Milliarden Euro bestellt, dazu kommen neue Doppelstock-IC. Hinzu kommen Kostensteigerungen aus dem Projekt Stuttgart 21. Wir sprechen insgesamt also über Investitionen von mehr als sechs Milliarden Euro. Die kann die Bahn aus ihrem Geschäft heraus nicht aufbringen. Also muss sie weiter Schulden machen. Dabei haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, dass die Bundesregierung den Schienenverkehr bis 2030 eigentlich verdoppeln will. Für den dafür notwendigen Ausbau ist erst recht kein Geld da.

ZEIT ONLINE: Die DB könnte ja auch Geschäftsbereiche abstoßen. Offenbar erwägt sie, ihre europäische Regionalverkehrstochter Arriva zu verkaufen. Die bringt aber wenigstens Geld ein. Ist es da klug, sich von ihr zu trennen?

Böttger: Es ist Unsinn, zu glauben, Arriva wäre die Ertragsperle des Konzerns, die man nicht verkaufen sollte. Arriva hat seit dem Kauf die Kapitalkosten nie verdient, der Gewinn war immer niedriger. Es wäre in Ordnung, wenn die Geschäfte außerhalb Deutschlands ordentlich Geld hereinbrächten, um die Eisenbahn in Deutschland voranzubringen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um Arriva zu verkaufen. Die Bahn würde einen guten Preis erzielen. Das Gleiche gilt für die Logistiktochter Schenker. Sie verdient zwar in guten Jahren gerade so die Kapitalkosten, aber man muss schon fragen, warum die Bahn Minenlogistik in Australien oder Weinlogistik in Südafrika betreibt. Jetzt könnte sie auch damit gutes Geld erlösen.

ZEIT ONLINE: Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD vereinbart, dass der Bahnvorstand sich wieder auf Ziele wie die Stärkung des Schienenverkehrs in Deutschland verpflichten soll und die Gewinnmaximierung nicht mehr das alles Entscheidende sein soll.

Im Vorstand sitzen kaum noch richtige Bahner, die das System Eisenbahn verstehen.
Christian Böttger

Böttger: Das finde ich grundsätzlich richtig, aber dazu bräuchte es auch einen vernünftig besetzten Aufsichtsrat. Außerdem sitzen im Vorstand kaum noch richtige Bahner, die das System Eisenbahn verstehen. In jedem Fall braucht das Unternehmen Zielgrößen, sonst funktioniert es nicht. Sicherlich nicht die Gewinnmaximierung und Kapitalmarktfähigkeit, aber klare Zielvorgaben, zum Beispiel die schwarze Null als finanzielles Mittelziel. Und als Hauptziel: mehr Verkehr auf die Schiene bringen. Das aber wird man ohne deutlich mehr Geld nicht erreichen können. Und dieses Geld will der Bund offenbar nicht bereitstellen.

ZEIT ONLINE: Eine schlimme Lage für die Bahn.

Böttger: Eigentlich ist sie relativ komfortabel.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das denn?

Böttger: Würde Herr Lutz jetzt hinwerfen, hätte der Bund als Eigentümer wohl große Probleme, den Posten adäquat zu besetzen. Für diese Position braucht man jemanden, der oder die auch einen Dax-Konzern führen könnte. Solche Kandidaten und Kandidatinnen werden aber abgeschreckt von der unklaren politischen Steuerung und einem Aufsichtsrat, der zuletzt in Personalfragen sehr unprofessionell agiert hat. Ronald Pofalla, aus dem Kanzleramt in den Bahnvorstand gewechselt, stünde wohl zur Verfügung, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er politisch durchsetzbar ist. Darum kann Herrn Lutz im Grunde wenig passieren.

ZEIT ONLINE: Warum dann jetzt der veröffentlichte Brief?

Böttger: Ich gehe davon aus, dass er – auch wenn er formal an Führungskräfte gerichtet war – eigentlich die Politik als Adressat hatte. Dass das Scheiben so schnell und so breit an die Medien gelangt ist, ist kein Zufall. Mein Eindruck ist, dass die Bahn gegenüber den Politikern damit deutlich die weiße Fahne gehisst hat. Lutz wird beim Bund die Hand aufhalten – der muss die Finanzierungslücke stopfen. Und das wird er auch tun.