Vielleicht würde mein Sohn nicht mehr leben, wenn ihn der hinter ihm stehende Rentner nicht am Gurt seiner Sporttasche zurückgerissen hätte. Auf dem Weg zur Schwimmhalle musste der Achtjährige an einer Ampelkreuzung über die Straße. Die wartenden Fußgänger bekamen Grün – und von rechts schoss ein dunkler BMW vorbei. Fußgänger sind da gut beraten, noch einmal nach rechts und links zu schauen, statt starr dem Ampelgrün zu folgen. Denn auch BMW-Fahrer machen Fehler.

Man hätte diesen Rotfahrer anzeigen können. Man hätte.

Denn Kennzeichen machen Autofahrer identifizierbar. Zu schnell gefahren, bei Rot über die Ampel, Parkplatzrempler oder -sünder, Fahrerflucht – all das lässt sich dem Fahrzeughalter anlasten, per Blitzgerät oder polizeilicher Anzeige durch den aufmerksamen Bürger. Will er nicht selbst zahlen, muss der Halter offenlegen, wer am Steuer saß. Abgesehen von Bagatelldelikten ist das völlig in Ordnung so.

Aber künftig auch Fahrräder mit Nummernschild? Wozu soll das dienen? Um einem Radfahrer anzulasten, dass er auf dem Radweg rechts überholt hat? Dass er zwischen den Autos hindurch vor zur Ampel rollt? Kennzeichen dienen schnell der Denunziation. Es gibt Fälle, in denen Kennzeichen sinnvoll sind, etwa um staatliches Handeln überprüfbar zu machen, oder um den Schwachen vor dem Stärkeren zu schützen. So gibt es Polizisten, die Nummern an der Uniform tragen müssen. Die Identifikation soll Willkür vorbeugen.

Überlebenskampf auf die Spitze treiben

Polizisten sind die Staatsgewalt, sie sind in privilegierter Situation, zu Recht gekennzeichnet. Privilegiert wie die Fahrer von Autos, deren Masse und Motorkraft großen Schaden anrichten kann und die sich dabei selbst weit weniger gefährden als die verletzlichen Radfahrer. Wer das nicht gelten lässt, sollte sich vergegenwärtigen, wie manche Menschen den vermeintlichen Überlebenskampf im Verkehr auf die Spitze treiben: Sie kaufen eins dieser panzerähnlichen Großraum-SUV, die einen Kleinwagen locker von der Straße fegen können, ohne aus der Spur zu geraten. In diesen Ungetümen überlebt man auch einen Überschlag mit Autobahngeschwindigkeit.

Ein Fahrrad hingegen hat weder Knautschzone noch Airbag. Der Radler muss selbst sehen, wie er sicher ankommt. Er berücksichtigt die eigene Verletzlichkeit bei seinem Verhalten. Es gehört zur Kultur des Stadtverkehrs, dass Radfahrerinnen die sich ihnen bietenden Spielräume nutzen, um voranzukommen: auch mal durchschlängeln, mal über den Gehweg abkürzen, auch mal bei Rot fahren, wenn wirklich keiner gefährdet wird. Diese Möglichkeiten sollten Radler weiter haben.

Die autofreie Innenstadt ist Illusion

Und der von meiner Kollegin vorgeschlagene Deal? Ich soll meine Anonymität aufgeben, um dafür radfreundliche Verkehrsinfrastruktur zu bekommen? Nein, danke. Denn genau das ist das Google-Prinzip: Meine persönlichen Daten im Tausch gegen kostenlose Mailadressen oder so praktische Dinge wie Google Maps (für den Weg zur nächsten Fahrradwerkstatt). Dieser Preis ist mir zu hoch. Für Radwege ist der Staat zuständig.

Ohnehin steckt in der Idee einer Infrastruktur, bei der Radfahrerinnen und Radfahrer absoluten Vorrang haben und Autos nur noch geduldet sind, viel Träumerei. Von der Illusion einer autofreien Innenstadt sind wir so weit entfernt wie vom papierlosen Büro. Auch Radfahrer bestellen bei Zalando und Amazon. Und es sind auch die Kleinlaster, die die Straßen verstopfen und die Radfahrspur zuparken, wenn sie Schuhe, Mineralwasser oder Hundefutter ausliefern, weil der Radfahrer mangels Auto nicht mehr selbst einkaufen fährt.
Darum wird auch der Dauerkleinkrieg zwischen Zwei- und Vierradfahrern bleiben, inklusive Perspektivwechsel: Sitzt man auf dem Rad, nerven die überbreiten Protzlimousinen, der stinkende Opel Omega aus den frühen Neunzigern und die nagelnden Kleintransporter, die immer Vollgas fahren, weil die Zeit drängt und die Firma den Diesel zahlt. Sitze ich selbst im Auto, nerven die Radfahrer, wegen deren Trägheit ich an der Kreuzung drei Grünphasen warten muss, bevor ich rechts abbiegen darf.

Radfahrern Vorschriften zu machen oder sie zu gängeln, hat schon beim Helm nicht funktioniert: Überzeugen ist besser als verpflichten. Statt also Radfahrer durch Kennzeichen disziplinieren zu wollen, sollten wir uns vergessener Tugenden besinnen: Vorsicht, Rücksichtnahme, hinsehen, verantwortlich handeln. Ich nenne es das Prinzip Kreisverkehr.

Gebraucht eure Sinne und den Verstand!

In unserem überregulierten Land ist es beruhigend, dass es Sektoren des Zusammenlebens gibt, die dem gesunden Menschenverstand eine Chance lassen. Wenn eine Kommune etwa einen Kreisverkehr bauen lässt, statt der Neigung von Verkehrsplanern zu millionenteuren Ampelanlagen nachzugeben. An der Ampel besteht jeder nur auf seinem Recht: Ich habe Grün, ich darf fahren. Du da stehst im Weg, weg mit dir! Bist du farbenblind? Wo hast du deinen Führerschein gemacht? Und dann den Mittelfinger gereckt. Man kennt den Krieg der Straße, in dem sich Menschen duzen, die sich nie zuvor begegnet sind. Am Kreisverkehr dagegen hat der menschliche Verstand, und damit Vernunft, Mitmenschlichkeit, Anstand, Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme, eine Chance. Gebrauchen alle ihre Sinne, fließt es. Sogar die Fußgänger kommen unversehrt über die Straße.

Das Prinzip, den anderen auf der Straße als Gegner, als Feind zu betrachten, bringt uns nicht weiter. Mittels Nummernschild eine Waffengleichheit zwischen Auto- und Radfahrer zu schaffen, ist Unsinn. Die Soft Skills der Zukunft sind: gegenseitige Toleranz und Akzeptanz, Mitdenken, Hinsehen – mit und ohne Kennzeichen.