Elon Musk, der Chef des E-Autoherstellers Tesla, hat am Samstagabend seinen Posten als Vorsitzender des Verwaltungsrats abgegeben. Zuvor hatte die US-Börsenaufsicht SEC ein Verfahren gegen Tesla eingeleitet, weil Musk in irritierenden Tweets angekündigt hatte, das Unternehmen von der Börse zu nehmen. Eine außergerichtliche Einigung in dem Fall sieht neben einer Geldstrafe auch einen Personalwechsel in Teslas Verwaltungsrat vor. Stefan Bratzel ist Direktor des unabhängigen Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach und erklärt, welche Konsequenzen die Personalaffäre für Tesla hat.

ZEIT ONLINE: Ist der Rückzug von Elon Musk aus dem Verwaltungsrat eine schlechte oder eine gute Nachricht für Tesla?

Stefan Bratzel: Bei börsennotierten Unternehmen muss man sich an Regeln halten, es geht ja um viel Geld und entsprechenden Schaden für Investoren. Ein Elon Musk braucht aber viel Spielraum, um Themen voranzubringen. Unterm Strich ist der Wechsel im Verwaltungsrat für Tesla eher eine gute Nachricht: Man kann Musk jetzt ein bisschen kontrollieren.

ZEIT ONLINE: Musk bleibt Geschäftsführer des Unternehmens. Wie groß kann die Veränderung also überhaupt sein?

Bratzel: Es ist vor allem eine formale Schranke. Musk wird vielleicht etwas stärker gebremst. Aber: Tesla ist Elon Musk. Und ohne diese Figur an der Spitze, die die Geschicke lenkt, wäre Tesla nicht das, was es ist. Große Veränderungen sehe ich also nicht. Musk braucht natürlich die Unterstützung des Verwaltungsrats, aber das sind für ihn Vertraute. In der Praxis wird sich nicht viel ändern.

ZEIT ONLINE: Musk und Tesla müssen jeweils 20 Millionen Dollar Strafe zahlen. Wie kritisch ist das für den Konzern?

Bratzel: Diese Summen sind nicht relevant, wenn man bedenkt, dass Tesla im letzten Quartal 430 Millionen Verlust gemacht hat. Eine Strafe ist immer gut, wenn man Regeln bricht. Aus der Bahn werfen wird Tesla das nicht.

"Innovatoren müssen Grenzen überschreiten"

ZEIT ONLINE: Die Ankündigung, Tesla von der Börse zu nehmen, war nicht die erste Äußerung Musks, die zumindest für Verwirrung gesorgt hat. Ist sein Sympathiebonus jetzt aufgebraucht?

Bratzel: Musk hat nach wie vor riesige Sympathien – teilweise ja auch zurecht, für das, was er geleistet hat. Zwischen Genie und Wahnsinn liegt häufig ein schmaler Grat. Und das merkt man auch bei Elon Musk. Er muss aufpassen, dass er sich nicht übernimmt. Aber Innovatoren müssen Grenzen überschreiten. Musks Grenzüberschreitungen haben dazu geführt, dass es jetzt das private Raumfahrtunternehmen SpaceX gibt und dass Tesla mehr wert ist als BMW*. Und dabei wurde Tesla ja erst 2003 gegründet. Wenn Elon Musk normal wäre, gäbe es Tesla nicht.

ZEIT ONLINE: Musk hatte für Teslas "Model 3" Produktionszahlen von 6.000 Fahrzeugen pro Woche versprochen. Warum klappt das nicht?

Bratzel: Eine klassische Kompetenz der alten Automobilwelt und der etablierten Hersteller ist die Produktion. Das hat Musk furchtbar unterschätzt. Er wollte auch die Produktion revolutionieren, musste aber feststellen, dass er mit seinen Ideen an Grenzen stößt. Das muss er korrigieren – und das tut weh und kostet viel Geld. Ich halte das "Model 3" für einen Lackmustest für Tesla, der zeigen wird, ob das Unternehmen langfristig überleben kann. Natürlich birgt die Herstellung eines Massenmodells Schwierigkeiten: Es sind nur geringe Margen zu erzielen. Damit man erfolgreich wird, muss es also hohe Produktionszahlen geben. Und das ist eine neue Dimension für Tesla. Aber man kann sich die Verkaufszahlen ansehen: Im August hat Tesla mehr Autos in den USA verkauft als BMW* – und zwar inklusive aller Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. Daran ist die Größenordnung, die Tesla mittlerweile erreicht hat, gut zu erkennen.

ZEIT ONLINE: Bergen die Produktionsschwierigkeiten und Personalaffären bei Tesla Chancen für deutsche Autobauer?

Bratzel: Erfreulich ist, dass Interessenten mittlerweile eine Auswahl an attraktiveren E-Autos bei deutschen Herstellern haben. Ich glaube allerdings nicht, dass Kunden jetzt massenweise von Tesla Abstand halten. Ich würde eher sagen, Tesla bekommt langsam Wettbewerber, die es vorher nicht gab.

ZEIT ONLINE: Ist der Erfolg von Tesla zu eng an die Person Elon Musk geknüpft?

Bratzel: Ohne Musk wäre der Erfolg von Tesla nicht denkbar gewesen. Tesla ist mittlerweile als innovative Marke stark etabliert, auch wenn das Unternehmen damit noch kein Geld verdient. Es kann sein, dass die Marke Tesla in ein paar Jahren auch ohne Elon Musk besteht. Ob sie dann weiter innovativ bleibt, ist die Frage. Das Unternehmen muss jetzt beweisen, dass es mit dem, was es tut, auch Geld verdienen kann. Wenn das klappt, müssen sich die etablierten Hersteller warm anziehen, um nicht noch weitere Marktanteile bei der Elektromobilität zu verlieren.


*Börsenwert und Absatzzahlen der Unternehmen ändern sich ständig. Tesla war in der Vergangenheit zeitweise wertvoller als BMW, der US-Absatz der gesamten BMW-Gruppe war im August nach ersten Zahlen höher als der von Tesla.