Jüngst war es im Streit um niedrigere EU-Abgasgrenzwerte nach 2020 wieder soweit: Die deutsche Bundesregierung setzte sich in Brüssel für eine weniger starke Absenkung ein – mit Blick auf die hiesige Automobilindustrie. Diese warnt stets vor zu hohen Belastungen durch in ihren Augen übertrieben strenge Umweltnormen. Kritiker dagegen werfen den Autobauern vor, weiterhin auf ihre schmutzigen Diesel- und Benzinantriebe zu setzen. Die Deutschen verschliefen den Umstieg auf die Elektromobilität, den Hersteller in anderen Teilen der Welt, vor allem in Asien, längst offensiv angingen. Und die Bundesregierung, so die Kritiker, unterstütze die zögerliche deutsche Autoindustrie auch noch.

Doch wie wichtig ist dieser Wirtschaftszweig für Deutschland, und wie stehen die deutschen Automobilhersteller wirklich da? 

1. Arbeitsplätze

Die Autoindustrie erweckt gern den Eindruck, als sei sie der wichtigste Arbeitgeber im Land. Branchenlobbyisten, aber auch Politiker verbreiten regelmäßig, jeder siebte Arbeitsplatz hierzulande hänge direkt oder indirekt von der Branche ab. Das wären – nimmt man die Zahl aller Erwerbstätigen in Deutschland, derzeit rund 44,8 Millionen, als Basisgröße – rund 6,4 Millionen Jobs. Das erscheint viel. Zu viel.

Direkt in der Automobilherstellung beschäftigt waren im vergangenen Jahr knapp 515.000 Menschen, 305.000 weitere waren bei Zulieferern, etwa in der Autoteileherstellung, angestellt. Insgesamt waren damit knapp 820.000 Menschen entweder bei den Autoherstellern selbst oder bei Zulieferern tätig. Das Statistische Bundesamt hat die Gesamtzahl der Beschäftigten im Juli 2018 mit rund 842.000 Menschen beziffert. Das sind so viele wie seit 25 Jahren nicht mehr. Zum Vergleich: In den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes mit 50 und mehr Beschäftigten sind insgesamt 5,6 Millionen Menschen tätig. Damit machen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Automobilbranche immerhin 15 Prozent der Beschäftigten in der gesamten Industrie aus.

Ökonomen schätzen allerdings, dass eigentlich 1,8 Millionen Arbeitsplätze von der Branche abhängig sind. Denn zu den Beschäftigten in der Autoindustrie kommen beispielsweise auch die Mitarbeiter in Autohäusern oder -werkstätten hinzu. Außerdem sind auch Konzerne anderer Industriezweige wichtige Zulieferer für die Autoproduktion, etwa die Chemie- und die Textilbranche. Aber auch viele Mittelständler hängen von der Autoindustrie ab. Am ehesten erreicht der deutsche Maschinenbausektor noch diese Bedeutung für den Arbeitsmarkt.

Diese 1,8 Millionen sind aber, gemessen an der oben genannten Zahl aller Erwerbstätigen, nur jeder 25. Arbeitsplatz. Gewiss, in den Automobilwerken sind viele Tausende Menschen beschäftigt, die alle eine Infrastruktur rund um ihren Job brauchen. Wolfsburg etwa wäre ohne den Volkswagenkonzern und seine vielen Beschäftigten eine reinste Ödnis. Doch Kritiker beklagen seit Langem, dass der Verband der Automobilindustrie (VDA) mit zu hohen Zahlen hausieren geht. Diese beruhen auf einem Rechentrick: Eingerechnet sind etwa auch Straßenbauarbeiter, Taxifahrer und Mitarbeiter in Tankstellen. Nur: Diese Jobs gäbe es auch, wenn in Deutschland gar keine Autos gebaut würden. Denn auch Fahrzeuge von Renault, Toyota oder Hyundai müssen betankt und repariert werden und fahren auf geteerten Straßen.

2. Wirtschaftskraft

Die Automobilindustrie erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von fast 426 Milliarden Euro. Mehr als 152 Milliarden Euro wurden dabei im Inland umgesetzt, der wesentlich größere Teil (fast 274 Milliarden Euro) aber durch Export ins Ausland erwirtschaftet. Das heißt: Etwa jeden vierten Euro setzt die deutsche Industrie im Automobilsektor um. Und rund 7,7 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Deutschlands gehen direkt oder indirekt auf die Autoproduktion zurück.

Aktuell läuft es für die deutschen Autohersteller allerdings nicht mehr ganz so gut. BMW musste Ende September eine Gewinnwarnung veröffentlichen, die erste seit Jahren: In diesem Jahr werde das Unternehmen weniger verdienen als in 2017, teilte BMW mit. Zuvor hatte schon Daimler seine Geschäftsprognose nach unten korrigiert. Auch die Stuttgarter gehen davon aus, dass der Gewinn unter dem Vorjahresniveau liegen wird.

Die Autobauer begründen ihren Pessimismus unter anderem mit den internationalen Handelskonflikten und der Einführung des realitätsnäheren Abgasprüfverfahrens WLTP. Bei Daimler hinterlässt zudem der Dieselskandal Spuren. Leiden müssen die Konzerne trotzdem nicht: BMW etwa verdiente im vergangenen Jahr vor Steuern 10,7 Milliarden Euro und geht jetzt von einem Rückgang auf 10,2 bis 9,6 Milliarden Euro aus. Die Umstellung auf WLTP ist zudem nur ein temporäres Problem, das die Hersteller nicht dauerhaft belasten wird.