Stefan Pierer ist Vorstandsvorsitzender des österreichischen Motorradherstellers KTM. Das Unternehmen wurde vor allem als Hersteller geländegängiger Motorräder bekannt. In Europa ist KTM Marktführer bei Motorrädern. 

ZEIT ONLINE: Herr Pierer, welches Potenzial hat die Elektromobilität?

Stefan Pierer: In leichten Fahrzeugen und auf kurzen Strecken wird sich die individuelle Elektromobilität in der nächsten Dekade durchsetzen. Urbane Mobilität findet künftig elektrisch statt, ob auf zwei, drei oder vier Rädern, im Personentransport oder in der Paketlogistik. Das elektrische Fahrrad ist etabliert, als Nächstes folgen elektrische Roller, Mopeds und Motorräder bis zur jetzigen 125-Kubikzentimeter-Klasse. Es wird – auch von uns – eine Vielzahl neuer Produkte mit Reichweiten bis zu 80 Kilometer geben. Das reicht im städtischen Verkehr völlig aus.

ZEIT ONLINE: Warum ist gerade dieses Segment relevant?

Pierer:Elektrofahrzeuge mit bis zu zwölf Kilowatt (rund 16 PS) Leistung lassen sich technisch einfach mit Niedrigvoltkonzepten bis 48 Volt betreiben. Die Fahrzeuge sind ungefährlich und die Batteriekapazitäten überschaubar. In der Summe entsteht daraus ein rentables Geschäft für die Hersteller. Dieser technologische Trend ist ein globaler und wird wesentlich getrieben von China. Aber alle Fahrzeuge mit Hochvoltkonzepten, vom Auto bis zum Motorrad, sind aus unserer Sicht finanziell unrentabel. Die Autohersteller sind jedoch gezwungen, ihre Antriebe zu elektrifizieren, damit sie die gesetzlich vorgeschriebenen Verbrauchs- und damit Emissionsgrenzwerte für ihre Flotten einhalten. Für Motorräder gibt es dafür kein Gesetz, weil die schon seit Jahren in einem sehr strengen Messverfahren und mit realistischen Ergebnissen geprüft werden.

ZEIT ONLINE: Was Sie sagen, lässt darauf schließen, dass es nie eine große KTM-Maschine mit batterieelektrischem Antrieb geben wird.

Pierer: Es ist keine Kunst, das Produkt technologisch auf die Räder zu stellen. Wir bewerten aber dieses Marktsegment als chancenlos, sowohl bei der Nachfrage als auch beim Gewinn. Hinzu kommen Emotionen: Das Motorrad ist die letzte Insel der individuellen Mobilität, denn all die elektronischen Assistenten aus dem Auto einschließlich automatisierten Fahrens spielen auf dem Zweirad eine unbedeutende Nebenrolle, auch wenn sie technisch möglich sind.

ZEIT ONLINE: Ist Elektromobilität also ein unrentables Geschäft?

Pierer: Ich empfinde für Elon Musk, den Chef von Tesla, Hochachtung dafür, wie er es über ein Jahrzehnt schon schafft, den Leuten das Geld aus den Taschen zu ziehen und es zu verbrennen. Das erinnert mich an den Internethype um die Jahrtausendwende. Die Blase ist bekanntlich geplatzt, weil auf große Versprechen keine Gewinne folgten. Zero, das Pendant zu Tesla bei Motorrädern, macht es wie Musk und lebt vom Geld der Investoren. Und etablierte Hersteller können sich batterieelektrische Fahrzeuge nur deshalb leisten, weil sie die Verluste daraus mit den Gewinnen von den Autos mit Verbrennern ausgleichen können.

ZEIT ONLINE: Wird die Elektromobilität überbewertet?

Pierer: Elektromobilität ist derzeit ein Hype. Aber wie immer, wenn Massen sich für etwas begeistern, siegt irgendwann die Vernunft und das Phänomen verschwindet. Meist, weil es von einer anderen Hysterie verdrängt wird. Bei der Elektromobilität dauert es so lange, bis die Menschen verstehen, dass man physikalische und chemische Grundsätze nicht verändern kann, auch wenn man sich noch so sehr bemüht. Ein Beispiel: Wir übertragen Energie ineffizient in langen Stromleitungen und speichern Energie ebenso ineffizient in Batterien, sodass am Ende nur noch ein Bruchteil von dem zur Verfügung steht, was ursprünglich erzeugt wurde. Und das bisschen wird zum Heilsbringer unserer Umwelt erkoren.

ZEIT ONLINE: Wann hat die Vernunft gesiegt?

Pierer: Wenn wir nur für kurze Strecken Elektrofahrzeuge nutzen.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie die Zukunft für E-Bikes, einen Geschäftsbereich Ihres Unternehmens?

Pierer: Herkömmliche Fahrräder werden zum Nischenprodukt absteigen und E-Bikes werden den Markt beherrschen. Ich gehe davon aus, dass schon in wenigen Jahren der Marktanteil im Verkauf von E-Bikes bei etwa 70 Prozent liegen wird. Heute schon ist das Verhältnis ausgeglichen.

ZEIT ONLINE: Während andere Fahrzeughersteller aus Rennsportserien aussteigen, siehe Mercedes aus der DTM, ist KTM vor zwei Jahren in die MotoGP, das Rennen um die Motorradweltmeisterschaft, eingestiegen …

Pierer: Die MotoGP ist die erfolgreichste Motorsportserie, erfolgreicher als die Formel 1. Weil sie ehrlicher ist: Auf dem Motorrad wird noch selbst gefahren, während im Auto eine Vielzahl an Assistenten um die Runden hilft. Beim Motorradrennen sieht man, wie der Mensch die Maschine beherrscht, im Auto ist es zu nicht unerheblichen Teilen die Technik.

ZEIT ONLINE: Ab nächstem Jahr findet die Moto-E statt, das ist – wie die Formel-E für Rennautos – eine Weltmeisterschaft für Motorräder mit Elektroantrieb. Ist sie interessant für Sie?

Pierer: Beide Serien sind völlig unattraktiv. Mit dem Motorrad kann man fünf Runden fahren, dann müssen die Maschinen in die Box, um die Batterien zu tauschen. In der Formel-E brauchen die Rennautos aus demselben Grund eine Pause zwischen zwei Halbzeiten. Da ist es spannender, an der PlayStation Autorennen zu spielen.