Daimler-Chef Dieter Zetsche ist ebenso gelernter Ingenieur wie seine Kollegen Herbert Diess (Volkswagen) oder Harald Krüger (BMW). Auf den Chefsesseln der großen Autokonzerne sitzen meist Techniker, zuweilen auch studierte Kaufleute. Ungewöhnlich ist es da, wenn es ein Designer an die Spitze einer Automarke schafft. Noch dazu eine, die es bisher gar nicht gab.

Thomas Ingenlath sitzt in einem schneeweiß gestrichenen Besprechungsraum eines umgebauten würfelförmigen Gebäudes auf dem Volvo-Werksgelände in Göteborg. Noch ist der moderne Bau mit seinen großen Fensterflächen nicht komplett eingerichtet, aber die Handwerker sind fertig. Der gebürtige Krefelder und frühere Designchef von Škoda ist seit sechs Jahren der oberste Kreative beim einzigen verbliebenen schwedischen Autobauer Volvo. Jetzt ist Ingenlath Chef der neuen Marke Polestar und damit Hausherr im gerade eröffneten Hauptquartier.

Schon mal was von Polestar gehört? Das neue Unternehmen gehört je zur Hälfte Volvo und dessen chinesischem Eigner Geely. Benannt hat es sich nach dem englischen Namen für den Polarstern, der auch im Norden Schwedens den Nachthimmel beherrscht – ein passender Name für eine neue Marke am Autohimmel. "Wir verstehen uns ein Stück weit als Start-up", sagt Ingenlath, "aber als eines, das mit dem Hintergrund und der Erfahrung eines über 90 Jahre alten Unternehmens gesegnet ist."

Erstes reines E-Auto der Marke für Ende 2019 geplant

Im nächsten Jahr will Polestar mit dem ersten Modell auf den Markt kommen. Eine neu gebaute Fabrik steht in China bereit, um 2019 die Serienproduktion zu starten. Dabei geht es nicht um das Althergebrachte, um klassische Autos mit Verbrennungsmotor. "Polestar ist unsere Elektromarke", sagte Volvo-Chef Håkan Samuelsson bei der Eröffnung des Hauptquartiers. "Unter diesem Namen bringen wir auch das erste als rein elektrisches Auto konzipierte Modell der Volvo-Gruppe auf den Markt." Der Polestar 2, eine Limousine, soll Ende 2019 erscheinen und hat dabei den Mittelklasse-Tesla Model 3 im Visier.

Insofern spielt das große Coupé, das im Erdgeschoss des weißen Würfels die Blicke anzieht, die Rolle eines Vorreiters und Markenbotschafters. Es wurde im vergangenen Jahr in Shanghai präsentiert, als die neue Marke aus der Taufe gehoben wurde. Der gut fünf Meter lange Viersitzer basiert auf der großen Volvo-Limousine S90 und soll vor allem die Aufmerksamkeit auf die junge Marke lenken. Denn im Gegensatz zu den künftigen Modellen ist der Polestar 1 (der derzeit auch nur vorbestellbar ist) kein reines Elektroauto, sondern ein Hybridfahrzeug. Sein Vierzylinder-Benziner wird von zwei Elektromotoren unterstützt, die an der Hinterachse platziert sind. Damit kommt das exklusive Coupé auf 441 kW (600 PS). Die rein elektrische Reichweite liegt bei 125 Kilometern nach neuer WLTP-Norm. So weit kommt derzeit kein anderes Auto mit Plug-in-Technik.

Obwohl technisch eng verwandt, findet sich am ganzen Auto kein sichtbarer Hinweis auf die Stammmarke Volvo. Damit gehen die Schweden bewusst einen anderen Weg als Mercedes oder Audi. Beim Mercedes EQC oder Audi e-tron sind die neuen Baureihen untrennbar mit den klangvollen Markennamen verbunden. "Natürlich wird es auch rein elektrische Modelle von Volvo geben, zuerst die entsprechende Version des XC40", erläutert Ingenlath. "Aber der Kunde kann eben wählen, welchen Antrieb er bevorzugt." Das Kompakt-SUV mit Volvo-Logo ist weiterhin mit klassischem Benzinmotor, als Plug-in-Hybrid oder eben auch als reiner Stromer zu haben. "Bei den künftigen Polestar-Modellen wird es nur E-Fahrzeuge geben", sagt der deutsche Chef. Nach dem erwähnten Polestar 2 folgt 2021 ein SUV mit abfallender Dachlinie, der folgerichtig Polestar 3 heißen wird.

Kritik am Wettlauf um die größte Reichweite

Volvo-Chef Håkan Samuelsson (links) und Polestar-Chef Thomas Ingenlath vor dem Polestar 1 © Volvo

Der Schritt, den Volvo und Mutterfirma Geely mit Polestar gehen, ist mutig und sicher auch teuer. Schließlich muss der neue Markenname erst bekannt gemacht werden, auch um die eher konservative Volvo-Kundschaft von einem Auto zu überzeugen, auf dem eben nicht mehr Volvo steht. Für Ingenlath verkörpert Polestar die emotionale Seite der E-Mobilität: "Wir wollen den Begriff Performance anders definieren", sagt der 54-Jährige. "Uns geht es nicht darum, von 0 auf 100 km/h der Schnellste zu sein." Für den Topmanager steht die Faszination des elektrischen Fahrens im Vordergrund, der gekonnte Umgang mit den technischen Möglichkeiten, der Reichweite oder der geschickten Rekuperation, also der Energierückgewinnung.

Dabei zeigt sich Ingenlath von der aktuellen Diskussion über immer kürzere Ladezeiten und immer größere Reichweite etwas genervt. "Es entwickelt sich zu einem regelrechten Sport, neue Superlative anzukündigen", sagt der Polestar-Chef. "Aber was hat es denn für einen Sinn, wenn wir ständig eine schwere und große Batterie mit uns herumschleppen, um dann statt der möglichen Distanz von über 500 Kilometern in der Alltagspraxis nur 200 zu brauchen?" Zwar wird auch Polestar abgestufte Batteriekapazitäten anbieten, je nach den Bedürfnissen der Kunden. Ingenlath hält aber eine Reichweite von 250 Kilometern für realistisch und vernünftig und ist sich sicher: "Dieses Maß wird sich einpendeln, wenn sich die E-Mobilität mehr und mehr durchsetzt und die Menschen ihre Erfahrungen machen."