Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber: Der Diesel ist sauber. Also, zumindest die neueste Dieselgeneration der Abgasnorm Euro 6d-Temp ist deutlich sauberer als die bisher hergestellten Selbstzündermotoren. Nur: Diese Info wird angesichts der täglichen Negativschlagzeilen kaum noch wahrgenommen.

Schuld daran hat auch die Automobilindustrie selbst. Sie selbst hätte es in der Hand, die Debatte um schmutzige Autos, um drohende Fahrverbote, um Wertverluste der privaten Diesel-Pkw zu beenden. Sie könnte einfach sagen: "Okay, wir haben verstanden – wir werden auf unsere Kosten die Euro-5-Diesel mit Abgasreinigungstechnik nachrüsten; und die Fahrzeuge, bei denen das nicht geht, werden wir gern zurücknehmen, wenn ein Kunde dafür einen neuen Diesel kauft – und dafür bekommt er dann noch ein paar Tausend Euro."

Dann stünde die Branche in einem wesentlich besseren Licht da als jetzt. Doch das ist den Herstellern offenkundig egal. Sie taktieren weiter herum und die Bundesregierung hält ein Dieseltreffen nach dem nächsten ab. Wie auch jetzt wieder.

Bei dem inzwischen fünften Dieselgipfel kam am Donnerstag erneut ein unzureichender Kompromiss heraus. Mal ganz davon abgesehen, dass an den Gesprächen die ausländischen Hersteller wie etwa Renault oder Volvo gar nicht beteiligt sind: Das Ergebnis ist auch für die Besitzer von Dieseln der Marken VW, Audi, BMW oder Mercedes enttäuschend. Zwar haben die Autobauer die Summe, mit der sie betroffene Kunden unterstützen wollen, aufgestockt – aber ob sie reicht, weiß derzeit keiner. Und mit dem nachträglichen Einbau besserer Abgasreinigung ist laut Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nicht vor 2020 zu rechnen.

Hersteller setzen auf Markentreue

Die Regierung vertritt weiter die Ansicht, dass sie die Autohersteller nicht zu solchen technischen Nachrüstungen zwingen kann; deren Sinn ist im Kabinett ohnehin umstritten. Und weil man die Branche nicht verpflichten zu können glaubt – und weil man wohl auch die für Deutschland so wichtige Branche nicht allzu sehr belasten möchte – beschränkt sich Scheuer auf moralische Appelle. Doch nach ethischen Maßstäben agieren die Hersteller ganz offenkundig nicht. Entscheidend ist nur, was am Ende in der Geschäftsbilanz steht.

Wer erwartet, dass Appelle ausreichen, ist naiv. Die Hersteller setzen darauf, dass der Euro-5-Dieselfahrer, selbst wenn er jetzt sauer ist, sich irgendwann auch wieder ein neues Fahrzeug kaufen wird – und dann auch wieder eines der eigenen Marke. Und diese Strategie dürfte sogar erfolgreich sein. Auch ein verärgerter VW-Dieselbesitzer wird sich in ein paar Jahren doch wieder für einen VW entscheiden. Einfach der Qualität wegen. Und es könnte dann wohl auch wieder ein Diesel sein, wenn der Besitzer Vielfahrer ist und von dem günstigeren Sprit profitiert. Tatsächlich ist der Marktanteil von Neuwagen mit Dieselantrieb zwar zurückgegangen, aber weniger stark, als manche befürchtet haben. 

Auch die Regierung hat Schuld an der Krise

Die Hersteller rechnen also damit, dass der Ruf nicht dauerhaft beschädigt ist. Deshalb verweigern sie sich jetzt echter kundenfreundlicher Lösungen. Darum darf sich die Regierung nicht mit halbgaren Angeboten zufrieden geben und muss härter durchgreifen. Zwar gilt seit September das strengere Abgasmessverfahren WLTP und künftig sollen die Abgase auch auf der Straße gemessen werden, nicht mehr nur im Labor. Doch das hilft den Besitzern von Euro-5-Dieseln in den Städten (und dem jeweiligen Umland) nichts, wo Fahrverbote drohen oder schon gerichtlich angeordnet sind. Sie werden weiter im Unklaren gelassen: von den Herstellern, aber auch von einer hilflos agierenden Bundesregierung, die nun fast im Wochenrhythmus mit neuen Fahrverbotsurteilen konfrontiert wird.

Die Regierung handelt aber auch so, weil sie selbst um ihre Mitschuld an der Dieselkrise weiß. Dass die Luft in den Städten seit Jahren schlechter ist, als sie sein könnte, hat auch die Bundespolitik zu verantworten. Weil sie viel zu lang weggeschaut hat. Immer wieder hatten Experten darauf hingewiesen, dass die Autos im realen Straßenverkehr ein Vielfaches an Stickoxiden im Vergleich zum Labor ausstoßen. Das Verkehrsministerium unternahm – nichts. Die Verantwortung dafür hat niemand übernommen. Die Folgen schon: Autobesitzer und Anwohner.