Haben Sie schon mal von Sonnenbrandtoten gehört? Oder von Menschen, die an extrem hohem Übergewicht gestorben sind? Natürlich nicht. Trotzdem würden Wissenschaftler nicht daran zweifeln, dass zu viel Gewicht und UV-Strahlung gesundheitsschädlich sind – die Todesursachen selbst sind andere, zu denen aber UV-Strahlung (Hautkrebs) und deutliches Übergewicht (Herzinfarkt) beitragen.

Ähnlich ist es beim jetzt so viel diskutierten Stickstoffdioxid (NO2). Die jüngste Debatte wurde von gerade einmal gut hundert Lungenfachärzten initiiert – weniger als drei Prozent der Mitglieder in der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Deren früherer Präsident Dieter Köhler schrieb in einem Positionspapier, es gebe derzeit "keine wissenschaftliche Begründung" für die geltenden NO2-Grenzwerte. Dem widersprechen andere Lungenexperten vehement, zuletzt das Forum der Internationalen Lungengesellschaften (Firs). Auch die DGP selbst vertritt die gegenteilige Position zu ihrem Ex-Präsidenten.

Man könnte das als Diskussion unter Wissenschaftlern abhaken. Grundsätzlich ist es sinnvoll – und Wesenskern von Wissenschaft –, Bewertungen infrage zu stellen und angebliche Fakten zu falsifizieren. Und natürlich muss nicht eine kleine Gruppe unrecht und die weitaus größere Gruppe zwingend recht haben. Das galt vor mehr als 500 Jahren auch bei der Frage, ob die Sonne sich um die Erde dreht. Im NO2-Streit spricht aber auch die Faktenlage eher gegen Köhler und seine Anhänger.

Mit seinem Einwurf hat Köhler die öffentliche Debatte in eine gefährliche Richtung gelenkt. Besonders ärgerlich ist dabei, mal wieder, das Agieren von Andreas Scheuer (CSU). Er ignoriert den Widerspruch komplett: Der Vorstoß bringe "Fakten in die Dieseldebatte", sagt er. Zugleich übertreibt er maßlos und schlägt sich auf die falsche Seite, denn er spricht von einer "masochistischen Debatte", und davon, dass "wir uns in Deutschland mit immer schärferen Grenzwerten selbst schaden und belasten können".

Daran sind gleich mehrere Punkte zu kritisieren. Zum einen: Aktuell gibt es, anders als Scheuer suggeriert, gar keine Diskussion darüber, den NO2-Grenzwert zu verschärfen. Die Dieselfahrverbote und die Debatte um Nachrüstung älterer Fahrzeuge entstanden lediglich dadurch, dass der geltende Grenzwert seit Jahren in vielen deutschen Innenstädten nicht eingehalten wird und deshalb Gerichte nachvollziehbar im Sinne der Umwelthilfe entschieden.

Viel schlimmer aber: Wer sind diese "wir", von denen Scheuer hier spricht und die sich in seinen Augen "selbst schaden"? Die Gruppe der Asthmatiker, der Älteren und Kinder zählt er offensichtlich jedenfalls nicht dazu – denn die würden von einer Einhaltung der Grenzwerte profitieren. Potenzielle Nachteile hätten letztlich die Dieselfahrerinnen und -fahrer oder die Automobilindustrie.