Haben Sie schon mal von Sonnenbrandtoten gehört? Oder von Menschen, die an extrem hohem Übergewicht gestorben sind? Natürlich nicht. Trotzdem würden Wissenschaftler nicht daran zweifeln, dass zu viel Gewicht und UV-Strahlung gesundheitsschädlich sind – die Todesursachen selbst sind andere, zu denen aber UV-Strahlung (Hautkrebs) und deutliches Übergewicht (Herzinfarkt) beitragen.

Ähnlich ist es beim jetzt so viel diskutierten Stickstoffdioxid (NO2). Die jüngste Debatte wurde von gerade einmal gut hundert Lungenfachärzten initiiert – weniger als drei Prozent der Mitglieder in der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Deren früherer Präsident Dieter Köhler schrieb in einem Positionspapier, es gebe derzeit "keine wissenschaftliche Begründung" für die geltenden NO2-Grenzwerte. Dem widersprechen andere Lungenexperten vehement, zuletzt das Forum der Internationalen Lungengesellschaften (Firs). Auch die DGP selbst vertritt die gegenteilige Position zu ihrem Ex-Präsidenten.

Man könnte das als Diskussion unter Wissenschaftlern abhaken. Grundsätzlich ist es sinnvoll – und Wesenskern von Wissenschaft –, Bewertungen infrage zu stellen und angebliche Fakten zu falsifizieren. Und natürlich muss nicht eine kleine Gruppe unrecht und die weitaus größere Gruppe zwingend recht haben. Das galt vor mehr als 500 Jahren auch bei der Frage, ob die Sonne sich um die Erde dreht. Im NO2-Streit spricht aber auch die Faktenlage eher gegen Köhler und seine Anhänger.

Verkehrspolitik - Bundesregierung streitet über Grenzwerte Umweltministerin Svenja Schulze spricht von einer Scheindebatte um Grenzwerte der Luftqualität. Auch das Umweltbundesamt widerspricht Verkehrsminister Andreas Scheuer. © Foto: Michael Kappeler/dpa

Mit seinem Einwurf hat Köhler die öffentliche Debatte in eine gefährliche Richtung gelenkt. Besonders ärgerlich ist dabei, mal wieder, das Agieren von Andreas Scheuer (CSU). Er ignoriert den Widerspruch komplett: Der Vorstoß bringe "Fakten in die Dieseldebatte", sagt er. Zugleich übertreibt er maßlos und schlägt sich auf die falsche Seite, denn er spricht von einer "masochistischen Debatte", und davon, dass "wir uns in Deutschland mit immer schärferen Grenzwerten selbst schaden und belasten können".

Daran sind gleich mehrere Punkte zu kritisieren. Zum einen: Aktuell gibt es, anders als Scheuer suggeriert, gar keine Diskussion darüber, den NO2-Grenzwert zu verschärfen. Die Dieselfahrverbote und die Debatte um Nachrüstung älterer Fahrzeuge entstanden lediglich dadurch, dass der geltende Grenzwert seit Jahren in vielen deutschen Innenstädten nicht eingehalten wird und deshalb Gerichte nachvollziehbar im Sinne der Umwelthilfe entschieden.

Viel schlimmer aber: Wer sind diese "wir", von denen Scheuer hier spricht und die sich in seinen Augen "selbst schaden"? Die Gruppe der Asthmatiker, der Älteren und Kinder zählt er offensichtlich jedenfalls nicht dazu – denn die würden von einer Einhaltung der Grenzwerte profitieren. Potenzielle Nachteile hätten letztlich die Dieselfahrerinnen und -fahrer oder die Automobilindustrie.

Auch die Gesundheitsschäden kosten die Allgemeinheit

Genau auf deren Seite schlägt sich Andreas Scheuer auch in diesem Streit. Das Positionspapier der Lungenärzte kommt ihm darum zupass. Der Grund ist simpel: Gelingt es Scheuer, in der breiten Öffentlichkeit Köhlers Sichtweise zu etablieren, ist er als Verkehrsminister fein raus. Wäre die NO2-Belastung wirklich nicht so schlimm und der Grenzwert völlig übertrieben, dann könnte man auf die Dieselfahrverbote verzichten. Auch die strittigen Nachrüstungen wären vom Tisch – inklusive des Streits, ob die Bundesregierung die Autoindustrie zum nachträglichen Einbau von Abgaskatalysatoren oder zumindest zur Kostenübernahme zwingen müsse. Denn damit, den Herstellern etwas aufzuerlegen, tut sich die Regierung immer schwer.

Für Scheuer wäre also am besten, wenn alles so bliebe, wie es ist. Und dafür leisten Köhler und die Unterzeichner seines Schreibens beste Schützenhilfe. Da wundert es auch nicht, dass sich unter den Initiatoren des Papiers auch ein einstiger Motorenentwickler für Daimler findet.

Eines ist in der ganzen Debatte klar: Giftig ist NO2 in der Luft in jedem Fall. Es reizt die Schleimhäute in Luftröhre und Lunge, kann insbesondere Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen zusätzlich beeinträchtigen und langfristig zu Bronchitis führen oder Asthma verstärken. Aber es ist nicht so, dass bei 39 Mikrogramm NO2 in einem Kubikmeter Luft alles in Ordnung ist und bei 41 Mikrogramm die Menschen bleibende Schäden davontragen. Der von der EU gesetzte Jahresmittel-Grenzwert von 40 Mikrogramm ist ein politischer Kompromiss, der aber natürlich eine wissenschaftliche Basis hat.

Stickoxide lassen sich leicht verringern

Letztlich muss Politik beiden Seiten gerecht werden – den Menschen (vor allem den Anwohnern an stark befahrenen Straßen), die Anspruch auf eine nicht gesundheitsschädliche Atemluft haben, aber auch den Autofahrern, die weiterhin ohne Einschränkungen durch die Innenstädte fahren möchten. Letztlich müssen Interessen abgewogen und in einen Grenzwert gegossen werden. Ähnlich wie etwa bei Glyphosat oder Nitrat im Grundwasser.

Der EU-Grenzwert für die NO2-Konzentration in der Luft beruht auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO und ist so gewählt, dass selbst für chronisch Kranke wesentliche negative Effekte auf die Gesundheit ausgeschlossen werden können. Das heißt: Grundsätzlich könnte die Politik auch einen Jahresmittelwert von, sagen wir mal, 50 Mikrogramm erlauben. Aber zur Gesundheitsförderung auch der Schwächsten ist der heutige Grenzwert besser, womöglich gar ein niedrigerer, für den etwa die Umweltmedizinerin Barbara Hoffmann kürzlich auf ZEIT ONLINE plädierte. In der Schweiz etwa liegt der Grenzwert bei 30 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, in Kalifornien hingegen bei 0,03 ppm (Anteile pro Million), was 57 Mikrogramm entspricht.

An einer solchen Interessenabwägung hat Verkehrsminister Scheuer offenkundig kein Interesse. Das ist ein schwerer Fehler, gerade im Streit ums Stickoxid. Der NO2-Ausstoß lässt sich vergleichsweise einfach reduzieren, nämlich mit Katalysatoren – und Scheuer hat inzwischen auch die Nachrüstung älterer Dieselautos damit auf den Weg gebracht. Das mag zwar Geld kosten. Aber die dauerhafte Schädigung von Menschen löst, nüchtern betrachtet, ebenso Kosten für die Allgemeinheit aus. Und im schlimmsten Fall sind solche Gesundheitsschäden bei Betroffenen unumkehrbar. Was ist dagegen der Einbau eines Kats? 

Korrektur: Im Text wurde ursprünglich suggeriert, vor 500 Jahren sei über die Frage diskutiert worden, ob die Erde eine Scheibe sei. Darüber bestanden im späten Mittelalter aber kaum noch Zweifel. Tatsächlich ging es darum, ob die Sonne sich um die Erde drehe. Wir haben außerdem den NOx-Grenzwert in Kalifornien korrigiert. Wir danken für die Leserhinweise. Die Red./mbr