Eine knappe Mehrheit der Deutschen ist dafür, auf Autobahnen Tempolimits einzuführen. Verkehrstote, Klimawandel – Rasen gilt ihnen als gefährlich und umweltschädlich. Doch verhalten sich die Fahrerinnen und Fahrer auch so? Exklusive Daten, die ZEIT ONLINE vom Navigationsgerätehersteller TomTom zur Verfügung gestellt wurden, ermöglichen einen Blick darauf, wie schnell wirklich auf deutschen Autobahnen gefahren wird. Sie zeigen: Deutsche wollen nicht langsam fahren. Je niedriger die vorgeschriebene Geschwindigkeit, desto mehr Menschen ignorieren sie. Gleichzeitig will jedoch nur eine Minderheit mit mehr als 130 Stundenkilometern schnell unterwegs sein.

Auf 30 Prozent der deutschen Autobahnen gilt eine vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit. Liegt diese bei Tempo 60, fahren drei Viertel der gemessenen Fahrzeuge schneller als erlaubt. Sind maximal 100 Kilometer in der Stunde gestattet, fährt noch gut die Hälfte der Fahrzeuge schneller als vorgegeben. Liegt die Geschwindigkeitsbegrenzung bei 120, wird sie immerhin noch von 38 Prozent der Fahrerinnen und Fahrer überschritten.

Sobald das Tempolimit aufgehoben ist, tritt eine Minderheit dann richtig aufs Gas. Deutschland hat ungefähr 13.000 Kilometer Autobahn. Wird jede Fahrtrichtung einzeln gezählt, so wie es das Bundesverkehrsministerium (BMVI) tut, sind es rund 26.000 Kilometer. Auf 70 Prozent davon kann man nach Aussage des BMVI unbegrenzt schnell fahren. Die schnellsten zehn Prozent aller gemessenen Pkw (Lastwagen wurden aus den Daten herausgerechnet) kommen auf Strecken, auf denen 130 km/h gefahren werden darf oder gar kein Tempolimit gilt, auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 185 Kilometern in der Stunde.

Der Datensatz –  der zwischen dem 18. und dem 24. März 2019 erhoben wurde – belegt aber auch, dass die meisten Autofahrer so schnell gar nicht fahren wollen: Selbst auf den freien Strecken ohne Tempolimit liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit aller Pkw bei 122 Stundenkilometern. Nur 30 Prozent der gemessenen Fahrzeuge hatten eine Geschwindigkeit von mehr als 130 Kilometern in der Stunde drauf, nur zwölf Prozent waren mit mehr als 150 unterwegs. Die Mehrheit der Messungen zeigt ein eher moderates Tempo zwischen 110 und 130 – natürlich auch, weil Staus und Baustellen die Fahrerinnen und Fahrer dazu zwingen. 

Es gibt jedoch einige Autobahnabschnitte, die geradezu Rennstrecken sind. Beispielsweise die A8 zwischen Augsburg und dem Autobahnkreuz Ulm/Elchingen. Dort passieren die schnellsten zehn Prozent der Pkw die Anschlussstelle Burgau mit 204 Stundenkilometern. Aber auch das ist nur ein Durchschnittswert. Einige müssen dort also noch sehr viel schneller unterwegs sein.

Auch auf der A19 in Mecklenburg-Vorpommern wird sehr schnell gefahren. Diejenigen, die ihre Wagen dort auf 180 Stundenkilometer und mehr treiben, schaffen das sogar auf 75 Prozent der Strecke dieser Autobahn. Das entspricht einer Länge von 92 Kilometern.

Wird der Durchschnitt nicht nur der Raser, sondern aller gemessenen Pkw ermittelt, dann gehört die A9 zwischen Nürnberg und Ingolstadt zu den Strecken mit der höchsten Geschwindigkeit. Auf der dreispurigen Autobahn wird auf Höhe des Örtchens Lohen ein Schnitt von 160 Stundenkilometern erreicht. Es ist die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit aller Autobahnen.

Zum Vergleich: Die Gesamtdurchschnittsgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen liegt bei 125 Kilometern in der Stunde.

Raserstrecken auf der Autobahn

Auf diesen Streckenabschnitten fahren die schnellsten zehn Prozent der Fahrzeuge 180 Stundenkilometer und mehr.

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Seit Jahren gibt es die Forderung, die Autobahn-Höchstgeschwindigkeit auf 120 oder 130 zu begrenzen. Die Befürworter eines solchen Tempolimits argumentieren inzwischen vor allem mit dem Klimaschutz. Ab Tempo 130 steigen Kraftstoffverbrauch und der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid stark an. Verkehrsforscher schätzen, dass mit einem grundsätzlichen Tempolimit von 130 schnell und billig 1,1 bis 1,6 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid eingespart werden könnten.

Die Gegner hingegen sind überzeugt, schon heute würde insgesamt kaum schneller als 130 Kilometer in der Stunde gefahren, eine Begrenzung habe daher kaum messbare Effekte für das Klima. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hält Tempolimits sogar für eine unnötige "Gängelung" der Autofahrer.

Die vorliegenden Daten erlauben es nun, die Wirkung solcher Tempolimits zu beobachten. Bremsen Geschwindigkeitsbeschränkungen wirklich den Verkehr, halten sich die Fahrerinnen und Fahrer überhaupt an die Verbote? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an. Je niedriger das Tempo, das offiziell erlaubt ist, desto seltener beachten Verkehrsteilnehmer dieses Tempolimit.

Interessant ist dabei der Vergleich der Durchschnittsgeschwindigkeiten, also jenes Tempos, das im Mittel über alle Pkw erreicht wird. Denn bei Tempo-60-Strecken beträgt der Durchschnitt fast 70 Kilometer in der Stunde, das Verbot wird somit deutlich übertreten. Auf Tempo-100-Strecken beträgt der Durchschnitt aller Pkw 103 Kilometer in der Stunde. Im Mittel ist das zwar immer noch zu schnell, das Limit wird aber nicht mehr so stark übertreten. Auf Tempo-120-Strecken hingegen liegt der Schnitt bei 112 Stundenkilometern. Zwar fahren immer noch viele zu schnell, im Mittel aber wird die Vorgabe eingehalten.

Offensichtlich sind viele Autofahrerinnen und Autofahrer vom Tempo 100 genervt und überschreiten es häufig – von Tempo 60 gar nicht zu reden, an das sich kaum jemand hält. Die Daten könnten aber ein Beleg dafür sein, dass vielen Tempo 120 als Reisegeschwindigkeit genügt.