Je schneller und zahlreicher die Autos wurden, desto mehr mussten sie domestiziert werden – die Geschichte des automobilen Fortschritts ist also auch eine Geschichte des Tempolimits. Und die Frage, wie schnell die Fahrzeuge höchstens unterwegs sein sollten, stellt sich schon fast so lange es die Wagen gibt.

In der Verordnung über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen wurde im Februar 1910 jedoch zunächst einmal eine Beschränkung aufgehoben, und zwar die Maximalgeschwindigkeit von 15 km/h innerorts. Diese sollte fortan nur noch für Fahrzeuge über 5,5 Tonnen gelten – etwa für die damals noch bekannten Straßenlokomotiven und Dampftraktoren. Automobile waren ohnehin noch rar. Die strikte Trennung von Raum für Fußgänger und für Kraftfahrzeuge existierte noch nicht, wie alte Aufnahmen aus jener Zeit zeigen.

Trotz des neuen Reichsgesetzes blieben viele Geschwindigkeitsbeschränkungen aber Ländersache. Erst das NS-Regime hob im Mai 1934 alle lokal und regional geltenden Limits auf. So sollte das neue Verkehrsmittel in einem von Geschwindigkeit besessenen Zeitalter populär gemacht werden. Die Abschaffung der Kfz-Steuer und die ideologisierende Förderung des Rennsports zielten in dieselbe Richtung. Rund fünf Jahre dauerte die freie Fahrt an, dann stoppten die Nationalsozialisten die regellose Raserei wieder. Sie hatte einfach zu übermäßig vielen Opfern geführt.

Die junge Bundesrepublik im Temporausch

Außerorts waren nun maximal 100 km/h erlaubt, in der Stadt höchstens 60. Nach Beginn des zweiten Weltkriegs im September 1939 wurden beide Limits noch einmal um 20 km/h gesenkt, vor allem, um Benzin (und möglicherweise auch Soldatenleben) für die Front zu sparen. Allerdings waren private Autofahrten zu diesem Zeitpunkt sowieso nur noch in Ausnahmefällen gestattet.

Die nächste große Deregulierung der Reisegeschwindigkeit folgte in der Bundesrepublik 1953. Mit dem langsam beginnenden Wirtschaftswunder startete die Massenmobilisierung, und in der Begeisterung darüber wurden kurzerhand sämtliche Tempolimits für Pkw und Motorräder aufgehoben. Selbst innerhalb geschlossener Ortschaften konnten Autofahrerinnen und -fahrer so weit aufs Gas treten, wie es immer schnellere und PS-stärkere Modelle hergaben.

Allerdings wieder nur für kurze Zeit: Schon wenige Jahre später wurde erneut eine Geschwindigkeitsbeschränkung eingeführt, zumindest innerorts. Ab 1. September 1957 war dort maximal Tempo 50 erlaubt. Das sollte die beunruhigend hohe Zahl von Verkehrstoten senken helfen. Denn 1956 kamen mehr als 13.000 Menschen bei Autounfällen ums Leben. Und das, obwohl damals nur weniger als 2,7 Millionen Pkw unterwegs waren – heute sind es 46,5 Millionen. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 starben in Deutschland 3.177 Menschen bei Unfällen im Straßenverkehr.