Gedränge in der U-Bahn, kein freier Sitzplatz in der Tram, Busse im Stau: Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ist in deutschen Ballungszentren am Limit. In Berlin wird die schwierige Situation an diesem Freitag durch einen Streik bei der Verkehrsgesellschaft BVG verstärkt, die für Busse, Straßenbahnen und U-Bahnen zuständig ist – die Berliner S-Bahnen, von einer Deutsche-Bahn-Tochter betrieben, werden damit noch voller sein als sonst.

Vor allem zur Stoßzeit im Berufsverkehr stoßen die Anbieter in den Städten an ihre Grenzen. Ein entscheidender Faktor ist die stetig steigende Zahl der Passagiere: Im vergangenen Jahr wurden laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) insgesamt 10,4 Milliarden Kunden im Nahverkehr befördert. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von 0,6 Prozent. Zugleich handelt es sich um den 21. Rekord in Folge.

10400000000  Passagiere wurden im vergangenen Jahr mit Bus und Bahn befördert.

Von den Folgen sind in erster Linie die urbanen Regionen betroffen: Fast jeder zweite Fahrgast wird laut VDV in einer der 20 größten Städte befördert. Die ungleiche Verteilung des Bedarfs machen Zahlen des Statistischen Bundesamtes deutlich. Auf der gesamten Fläche lag die Auslastung im Personennahverkehr demnach zuletzt bei nur 22 Prozent – ein Wert, der seit Jahren relativ stabil ist. Darin fließen allerdings auch Busse auf dem Land ein.

22 Prozent der Plätze im ÖPNV waren 2017 im Durchschnitt ausgelastet.

Das Problem in den Städten wird auch von den Verkehrsunternehmen gesehen. "Wir sind überfüllt", bekennt der VDV, der vor allem kommunale Unternehmen repräsentiert. Ein Kapazitätsausbau sei dringend nötig. Investiert werden müsse in neue Strecken, Haltestellen und Bahnhöfe. Hier sieht der Lobbyverband einen Bedarf von rund fünf Milliarden Euro.

Die Einnahmen aus dem Fahrkartenverkauf reichen dafür bei Weitem nicht. Der VDV setzt daneben vor allem auf steigende Mittel des Bundes, der sich über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) an der Finanzierung des ÖPNV beteiligt. 

5000000000  Euro müssten laut VDV in den ÖPNV investiert werden.

Die Fahrpreise sind schon jetzt ein umstrittenes Thema, auch weil es gravierende Unterschiede gibt: In manchen Städten ist der ÖPNV günstig und gut – in anderen zahlen die Kunden vergleichsweise viel für ein durchschnittliches Angebot. Festgelegt werden die Tarife von den Verkehrsverbünden. Dort haben Landräte und Bürgermeister großen Einfluss, und die gehen mit den Ticketpreisen sehr unterschiedlich um. In Berlin und Brandenburg sowie in den Großräumen Stuttgart und München sind die Tarife beispielsweise zuletzt nicht mehr gestiegen. In anderen Städten wurden die Ticketpreise zum Jahresbeginn aber erhöht.

Im Durchschnitt kostete eine Einzelfahrt im vergangenen Jahr 2,65 Euro und damit 1,4 Prozent mehr als 2017. Seit 2000 ist die Nutzung von Bus und Bahn laut Statistischem Bundesamt um durchschnittlich 79 Prozent teurer geworden.

2,65  Euro kostete 2018 im Durchschnitt ein Einzelticket.

Der VDV verspricht eine "maßvolle" Preissteigerung für die Zukunft – und denkt auch an Alternativen. Möglich wäre etwa die Einführung einer "Dienstgeberabgabe": Unternehmen sollen Geld bereitstellen, um den Nahverkehr auszubauen. Schließlich würden sie von einer Haltestelle in ihrer Nähe profitieren.

Die Frage des ÖPNV-Ausbaus berührt aber ein weiteres spannendes Thema: die Aufteilung des begrenzten öffentlichen Raums. In den Städten stecken Busse und Straßenbahn häufig im Stau fest, weil auch der Autoverkehr wächst. Dagegen könnten weitere Busspuren und längere Ampelphasen für Straßenbahnen helfen. Doch dazu braucht es Platz und die Bereitschaft, den Autoverkehr einzuschränken.

Wichtig für das Klima und die Luftqualität

Die Diskussion darüber ist aber nicht nur wichtig hinsichtlich der Zufriedenheit der ÖPNV-Kundinnen und -Kunden, sondern auch für Gesundheit und Klima. Nach Angaben des Umweltbundesamts entfielen auf den öffentlichen Personenverkehr zuletzt 15 Prozent der Verkehrsleistung im Land, er war aber nur für sieben Prozent der Stickoxidemissionen verantwortlich – eine gute Bilanz im Vergleich zum Pkw oder dem Flugverkehr. Auch beim CO2-Ausstoß ist der ÖPNV deutlich besser. Und es geht noch mehr: Von den rund 35.000 Bussen sind beispielsweise bisher erst 100 elektrisch unterwegs. Verkehrsbetriebe interessieren sich aber zunehmend für den E-Antrieb.

Sollten die Preise also nicht besser sinken, damit mehr Menschen ihr Auto stehen lassen? Davon hält die Branche nichts. "Dann würden wir so viele Fahrgäste bekommen, dass wir sie nicht mehr befördern können", heißt es vom VDV. Oberste Priorität der Politik, der Kommunen und der Verkehrsunternehmen müsse es sein, die Qualität zu steigern und damit immer mehr Menschen zum Umstieg zu bewegen – und nicht die Ticketpreise deutlich zu senken, ohne das Angebot zu verbessern. Ähnlich wurde bereits vor einem Jahr argumentiert: gegen Vorschläge, den ÖPNV grundsätzlich kostenlos zu machen.