Weil die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) an Messstationen in vielen deutschen Städten seit Langem überschritten werden, kommen nun vermehrt Dieselfahrverbote. Seither wird über die Vorgaben und ihren Sinn gestritten. Unter Anderem Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hält die Grenzwerte für zu niedrig, er will sie auf EU-Ebene neu diskutieren. Da die Vorgaben in der gesamten EU gelten: Wie groß ist das Problem in anderen Großstädten wie Paris, Madrid, Rom? Wie ernst nimmt man die Grenzwerte dort? Eindrücke unserer Korrespondenten

In Italiens Medien sucht man Begriffe wie Stickoxid und Abkürzungen wie NOx oder NO2 vergebens. Anderswo in Europa mag viel diskutiert werden über Dieselfahrverbote und Geschwindigkeitsbegrenzungen – südlich der Alpen sind diese Fragen kein Thema.

In Italien kommen gut 37 Millionen Kraftfahrzeuge auf 60 Millionen Einwohner. Im Schnitt sind die Fahrzeuge elf Jahre alt und die Hälfte davon läuft mit Dieselmotoren. Bei den Neuzulassungen kommt der Diesel sogar auf 56 Prozent. Und allein 1,5 Millionen Fahrzeuge der ältesten Abgasnorm Euro 0 sind immer noch auf den Straßen des Landes unterwegs.

Zwar registrieren die Messstationen in Rom, Mailand oder Turin flächendeckend auch die NO2-Werte, zwar können sich die Bürger auf den Meteo-Websites über die tägliche Stickoxidbelastung informieren – doch so gut wie keiner tut es. Die einzigen, die ein Problem mit der Luft sehen, sind kleine Umweltinitiativen.  

Im Februar 2018 führten die Bürger für Luft gemeinsam mit dem Verein Rettet die Radfahrer – Rom in allen Vierteln Roms einen Monat lang Messungen durch. Das erschütternde Resultat: Vielerorts wurde der Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft kontinuierlich überschritten, es wurden sogar Werte von 90 Mikrogramm erreicht. Parallel wurden Messungen in Mailand durchgeführt, die zu ganz ähnlichen Resultaten kamen.

Doch in der öffentlichen Debatte spielte das Thema kaum eine Rolle. Nur wenige lokale Tageszeitungen berichteten überhaupt darüber, und nur einen Tag nach Veröffentlichung der Messergebnisse schien das Thema bereits wieder vergessen zu sein, ohne dass sich auch nur ein Umweltpolitiker des Landes zu Wort gemeldet hätte.

Doch ein wenig tut sich zumindest in den größten Metropolen. Rom will noch im Jahr 2019 für alle Dieselfahrzeuge bis zur Abgasnorm Euro 3 ein komplettes Fahrverbot in der Innenstadt und den unmittelbar angrenzenden Bezirken einführen. Ab 2024 sollen Dieselfahrzeuge komplett aus der Stadt verbannt werden, wie die Bürgermeisterin Virginia Raggi aus den Reihen der Fünf-Sterne-Bewegung schon vor einem Jahr bekannt gab. Mailand hat es nicht ganz so eilig. Dort sollen die Diesel erst im Jahr 2030 aus der City raus.

Michael Braun, Rom