In dem Zustand fährst du nicht mehr!

Rund 25.000 Menschen sterben nach Angaben der EU-Kommission jedes Jahr auf den Straßen der Europäischen Union. Das will die EU ändern: Bis zum Jahr 2050 soll niemand mehr im Straßenverkehr sein Leben lassen oder schwer verletzt werden. 90 Prozent der Unfälle seien auf menschliches Versagen zurückzuführen. Deshalb soll es Technik nun besser machen.

Die EU schreibt ab Mai 2022 für neu konstruierte Fahrzeuge und ab Mai 2024 für bereits bestehende Modellreihen diverse Assistenzsysteme vor. Dazu gehören Fahrtenschreiber, Spurhalte- und Notbremsassistenten sowie Sensorik, die erkennt, ob der Fahrer müde oder abgelenkt ist. Geschwindigkeitsassistenten mit Abstandshaltern sowie Kamerabilder beim Rückwärtsfahren sollen für mehr Sicherheit sorgen. Der EU-Katalog umfasst knapp 30 Funktionen, bei denen nach Pkw, Lkw und Bussen unterschieden wird. Die EU-Staaten und das Europaparlament müssen noch zustimmen, aber das gilt als Formsache.

Vorgeschrieben wird auch ein Fahrtenschreiber ähnlich der Black Box in Flugzeugen. Zusätzliche technische Hilfsmittel sollen Fahrerinnen und Fahrer von Bussen und Lastkraftwagen einen besseren Überblick verschaffen. Insbesondere Fußgänger und Radfahrerinnen sollen beim Abbiegen und im toten Winkel erkannt werden.

Hat der Fahrer zu viel getrunken, bleibt der Motor aus

Auch eine Atemkontrolle auf Alkohol wird in der EU-Verordnung aufgeführt. Liegt der gemessene Atemalkoholgehalt über dem Grenzwert, bleibt der Motor aus. Diese Maßnahme gehört allerdings nicht zu den verpflichtend vorgeschriebenen Assistenten. So genannte Alkohol-Interlocks sind bereits auf dem Markt verfügbar. Sie bestehen aus einem separaten Handgerät mit Mundstück, dass die Messdaten ans Fahrzeug überträgt. Ob ein solcher Puste-Test vor jedem Fahrantritt oder nur zu bestimmten Tageszeiten vom Fahrzeug eingefordert wird, ist bislang nicht definiert.

"Mit den erweiterten Sicherheitsmerkmalen werden wir eine ähnlich große Wirkung erzielen wie seinerzeit mit der Einführung der ersten Sicherheitsgurte. Viele der neuen Funktionen gibt es schon heute, vor allem aber in Fahrzeugen der Luxusklasse. Jetzt erhöhen wir das Sicherheitsniveau generell für alle Kraftfahrzeuge", wird Elżbieta Bieńkowska, EU-Kommissarin für Industrie, in einer Pressemitteilung zitiert.

Wie stark Sicherheitstechnik die Zahl der Verkehrstoten beeinflusst, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Vor der Anschnallpflicht lag die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland im Jahr 1970 bei 21.300. Seit 1974 war der Einbau von Sicherheitsgurten Pflicht.  Zehn Jahre später lag die Zahl der Verkehrstoten bei 15.000. Im Folgejahr – nach der Einführung des Bußgeldes fürs Nichtanschnallen – sank die Zahl unter 9.000 Verkehrstote. 

Mit 3.180 Verkehrstoten erreicht die Statistik 2017 ihren erfreulichen Tiefpunkt. Dabei stieg die Zahl zugelassener Pkw in Deutschland stark an. Gab es 1970 noch 102,6 Verkehrstote pro 100.000 zugelassenen Kfz, sank diese Zahl auf 5,5 im Jahr 2017. Größere Knautschzonen, seitlicher Aufprallschutz, Sicherheitsgurte, Airbags und Kollisionswarnsysteme dürften wichtige Gründe für den stetigen Rückgang sein.

Autos und Reparaturen werden teurer

Während die Sicherheit der Autoinsassen stark zugenommen hat, sollen die neuen Assistenzsysteme vor allem andere Verkehrsteilnehmer schützen, insbesondere Fußgängerinnen und Radfahrer. Bei Unfällen mit Verletzten zählen Abbiegen, Wenden, Zurücksetzen, Vorfahrt missachten und zu hohes Tempo zu den häufigsten Ursachen.

Die neuen Assistenzsysteme gibt es allerdings nicht geschenkt. Viele Fahrzeuge der Oberklasse verfügen zwar bereits über die genannten Assistenzsysteme. Aber die EU-Verordnung dürfte die Preise von Klein- und Mittelklassemodellen steigen lassen. Wie hoch genau, können die Hersteller noch nicht abschätzen. Mercedes-Benz verweist darauf, dass bereits in der neuen A-Klasse serienmäßig ein aktiver Bremsassistent arbeitet. "Er kann effektiv unterstützen, situationsabhängige Auffahrunfälle mit langsamer vorausfahrenden, anhaltenden und stehenden Fahrzeugen sowie mit querenden Fußgängern und Fahrradfahrern in ihrer Schwere zu mindern oder ganz zu vermeiden", sagt ein Unternehmenssprecher.

"Das Jahr 2022 stellt eine anspruchsvolle Zeitschiene dar, vor allem, weil die meisten Themen noch nicht genau spezifiziert sind. Wir sehen uns grundsätzlich aber gut gerüstet", sagt der Mercedes-Benz-Sprecher. Auch bei Audi schaut man sich die Vorgaben jetzt im Detail an.

Volvo hat Kamerasystem schon vorgestellt

Die technischen Helfer verteuern nicht nur die Anschaffung, sondern auch Reparaturen. Da etliche Sensoren in Front- und Heckschürze untergebracht sind, wird der Austausch bei einem Auffahrunfall deutlich teurer. Der amerikanische Automobilverband AAA schätzt die Kosten für den Austausch einer Frontscheibe, bei der auch Sensoren und Kameras ausgetauscht werden müssen, je nach Fahrzeugmodell zwischen umgerechnet 750 und 1.700 Euro.

In einem Volvo ist in der A-Säule eine Kamera zu sehen, die den Fahrer überwacht. © Volvo

Volvo hat bereits ein Kamerasystem vorgestellt, das von beiden A-Säulen aus den Fahrer im Blick behält. Schaut er oder sie zu lange auf das Smartphone oder schließt die Augen, ertönt eine akustische Warnung. Ignoriert der Fahrer die Warnung, verlangsamt das Fahrzeug automatisch. Das System stellt dann eine telefonische Verbindung zum Servicecenter her. Reagiert der Fahrer auch darauf nicht, hält der Wagen bei nächster Gelegenheit von sich aus an. Volvo hat außerdem mit seiner Ankündigung, die Höchstgeschwindigkeit seiner Pkw auf 180 Kilometer pro Stunde zu begrenzen, für Aufsehen gesorgt.