Selbst Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) scheint sich mit der Fahrradhelmkampagne nicht hundertprozentig wohlzufühlen: "Der Spruch entspricht vielleicht nicht so ganz dem üblichen Behördendeutsch", schreibt er auf der Website der Aktion, die sein Ressort gemeinsam mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat in der kommenden Woche starten wird. Aber: "Er bringt die Botschaft (…) ziemlich genau auf den Punkt: Helme retten Leben!"

Die Kampagne soll das Image des Kopfschutzes verbessern. Überschrieben ist sie mit "Looks like shit. But saves my life" (Sieht scheiße aus. Aber rettet mein Leben). Die Motive der Kampagne zeigen leicht bekleidete Menschen – unter anderen das 18-jährige Model Alicija Köhler aus der TV-Castingshow Germany's Next Topmodel – in teils lasziver Pose, die Fahrradhelme tragen. Nun reden alle über Sexismus statt über Fahrradhelme.

Kritik an der Aufmachung kommt etwa vom Koalitionspartner SPD. Zwar spreche die Kampagne das richtige Thema an, sagte Fraktionsvize Katja Mast der Passauer Neuen Presse. Die Bilder findet sie aber problematisch: Die Umsetzung sei "peinlich, altbacken und sexistisch", sagte Mast. "Halb nackte Frauen und Männer sollten nicht mit Steuergeldern auf Plakate gebannt werden." Die Kampagne soll ab der kommenden Woche in großen Städten anlaufen, darunter Berlin, Hamburg, München und Köln.

Jüngere tragen selten Helme

Josephine Ortleb, frauenpolitische Sprecherin der SPD, kommt wegen der Motive zu dem Schluss, die Bundesregierung benötige dringend eine Gleichstellungskampagne. Es brauche "weder Frauen als Objekte, nackte Haut noch Sexismus, um junge Menschen auf Sicherheit im Radverkehr aufmerksam zu machen", sagte sie.

Tatsächlich tragen nur wenige Radfahrerinnen und Radfahrer Helme – selbst ein großer Teil von denen, die einen besitzen, lässt ihn zu Hause liegen. Das fand Forsa durch eine Befragung von mehr als 1.000 Menschen heraus. "Mehr als die Hälfte der jungen Radfahrerinnen und Radfahrer sagen von sich selbst, dass sie nie oder nur selten einen Helm tragen. Und warum nicht? Weil es angeblich nicht cool aussieht", sagte dazu Verkehrsminister Scheuer. Am geringsten ist die Helmquote der Umfrage zufolge bei den 17- bis 30-Jährigen. Teenager und junge Kinderlose stören sich demnach am wenigsten an dem erhöhten Risiko, sich bei einem Sturz am Kopf zu verletzen.

Auch im Koalitionsvertrag verankert

Scheuers Ministerium ist mit der Kampagne das zweite CSU-geführte Bundesressort, dem Kritikerinnen und Kritiker mangelnde Sensibilität im Zusammenhang mit Frauen vorwerfen. Als das von Horst Seehofer geführte Innenministerium vor einem Jahr seine neuen Staatssekretäre zum Fototermin zusammenrief, sammelte sich eine reine Männerrunde. Erst ab dem kommenden Montag findet sich eine Frau unter den Spitzenbeamten, weil der Staatssekretär für Wohnungsbau zur Autobahngesellschaft wechselt.

Scheuer ist nun sogar dem Vorwurf ausgesetzt, den Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD zu missachten. Dort findet sich eine klare Ablehnung von Sexismus: "Wir wollen Sexismus bekämpfen, Maßnahmen dagegen entwickeln und erfolgreiche Projekte fortführen", heißt es auf Seite 25. Auf Twitter etabliert sich derzeit das Hashtag #helmerettenleben – allerdings sind damit nicht nur unterstützende Tweets markiert, sondern es gibt auch hier jede Menge Kritik: "Was Helme mit leicht bekleideten Körpern zu tun haben, habe ich zwar noch nicht verstanden @BMVI (Sex sells?! 🙄)", schreibt die Geschäftsführerin des Berliner Digitalisierungsnetzwerks Initiative D21, Lena-Sophie Müller, "aber Sicherheit im Straßenverkehr find ich gut." Andere formulieren radikaler: "So eine sexistische Sch*e darzustellen und das als Ministerium zu bewerben", dafür fehlten die Worte, kritisiert eine Nutzerin.

Ein Radfahrblogger macht auf einen Widerspruch aufmerksam: Vor Jahren machten mehrere Bundesministerinnen mit einer Kampagne auf die Gefahren von Magersucht unter Jugendlichen aufmerksam. In der Kritik stand damals auch Germany's Next Topmodel – mit deren Models Verkehrsminister Scheuer nun für seine Helmkampagne wirbt.

Korrektur: In einer ersten Version des Textes hatten wir eine Twitter-Reaktion aus einem falschen Account verlinkt. Der Fehler wurde korrigiert.