Alle Passagiere kennen sie nur zu gut, die schwere Luft in den U-Bahnhöfen. Studien zur Pariser Metro belegen nun, was man sich schon denken kann: Die Luft in unterirdischen Bahnstationen ist besonders gesundheitsschädlich und vielfach höher mit schädlichem Feinstaub belastet als die Luft auf den Straßen.

Die französischen Lokführerinnen und Lokführer wehren sich dagegen. Ihre Gewerkschaft CFDT reichte vor wenigen Tagen eine Klage vor dem französischen Verwaltungsgericht ein, um strengere Normen für Arbeiter an unterirdischen Gleisen und in den Zügen zu fordern. Bislang sind die Normen am Arbeitsplatz deutlich lascher als für die Gesamtbevölkerung. "Müssen wir wieder auf Hunderte Tote warten – wie bei Asbest –, um endlich zu handeln?", fragt Patrick Rossi, Generalsekretär bei der CFDT. "Der Staat schaut zu, wie wir unsere Gesundheit ruinieren."

Bei Stickstoffdioxiden, die besonders von alten Dieseln ausgestoßen werden, ist die Debatte in Deutschland wegen der Fahrverbote längst in Gang. Bei Feinstaub hingegen nicht. Dazu zählen alle kleinen Partikel wie Metallsplitter oder Schotterkörner. Sie sind so winzig, dass sie in die Lunge eindringen und zu Atemkrankheiten, Allergien oder Herzinfarkten führen können.

Für Arbeiter gelten andere Grenzwerte

Auch in Deutschland gibt es eine Lücke zwischen dem, was Arbeiterinnen einatmen dürfen und was der Gesamtbevölkerung zugemutet wird. Die europäische Direktive, die 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft als Tageshöchstgrenze vorsieht, gilt zwar für Straßenkreuzungen und Innenstädte. Für Tunnelarbeiter und Nutzerinnen von U-Bahnen in London, Paris oder Berlin gelten sie nicht. U-Bahnstationen sind rechtlich gesehen ein Arbeitsplatz, weil sich dort außer den Lokführern, Kontrolleurinnen und Bauarbeitern die meisten Menschen nur relativ kurz aufhalten.

Allerdings dürfte den wenigsten bekannt sein, um wie viel schlechter die Luft in den Hamburger, Berliner oder Münchener U-Bahnen ist: Die Luft darf nach deutschen und französischen Grenzwerten auf den Tag umgerechnet bis zu 50-mal mehr Feinstaub enthalten als die Außenluft. Diese großzügigen Grenzwerte werden zwar offenbar eingehalten – aber eben am oberen Limit.  

Bahnarbeiter klagen über chronischen Husten

Die größte Studie zu den Folgen dieser schlechten Luft publizierte die französische Gesundheitsbehörde ANSES schon 2015. Ihr Ergebnis: "Menschen in U-Bahnen sind chronisch alarmierenden Belastungen ausgesetzt." Auf den Metro-Stationen und in den schier endlosen Fluren der Pariser Metro schwankte die Feinstaubmenge zwischen 91 und 207 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die Berliner Verkehrsgesellschaft hat im Mai 2017 ebenfalls die Feinstäube in ihren Anlagen gemessen – die Ergebnisse aber nicht veröffentlicht. Auf Anfrage möchte sie auch heute keine konkreten Werte nennen, beteuert aber, die Grenzwerte für Arbeitsplätze von 1.250 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft und Tag einzuhalten.

"Die deutlichen höheren Grenzwerte gelten für Arbeitsplätze, bei denen durch die Tätigkeit Stäube entstehen, also etwa auch für Maurer oder Dachdecker", sagt Thomas Gebel, Experte bei der Dortmunder Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Für Gebel ist es sinnvoll, den Arbeitenden mehr Feinstäube zuzumuten als der Gesamtbevölkerung. "Die Umweltgrenzwerte sollen auch besonders empfindliche Personengruppen wie Säuglinge schützen – und das rund um die Uhr."  

Die französischen Bahnarbeiter sehen das anders. "Meine Kollegen und ich leiden unter chronischem Husten und Atemwegsbeschwerden", sagt Gewerkschafter Rossi. Er ist Lokführer in Marseille und warnt: "Wenn Arbeiter erst acht Stunden sehr schlechte U-Bahn-Luft und dann noch mal die restlichen Stunden am Tag schlechte Außenluft einatmen, leben sie ständig über dem Limit."