Tatsächlich atmen sie deutlich mehr Feinstäube ein, als die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt. Sie warnt: Menschen, die hohen Belastungen ausgesetzt seien, litten doppelt so häufig an Asthma, Allergien, Atem- und Herzbeschwerden. Deshalb sollte der Grenzwert von 50 Milligramm nicht länger als drei Tage pro Jahr überschritten werden.

Die französische Debatte ist in Deutschland aber noch längst nicht angekommen. "Die Grenzwerte am Arbeitsplatz noch einmal abzusenken ist zurzeit nicht in der Diskussion – der jetzige Grenzwert wurde erst vor wenigen Jahren nach zehnjähriger Debatte verabschiedet," sagt der Arbeitsschutzexperte Gebel. Man müsse bedenken: "Feinstaub ist die Folge unserer industrialisierten Lebensweise und entsteht nicht nur durch Fahrzeuge." Wer strengere Grenzwerte fordere, der müsse auch bereit sein, seine Lebensweise umzustellen und auf vielen Luxus zu verzichten.

Autoabgase sinken in die Tunnel ab

"Die Lungen eines Arbeiters sind dieselben wie die jedes Bürgers", sagt der französische Lokführer Rossi. Bislang aber, so steht es im französischen Arbeitsrecht, dürfen bei Jobs mit "spezieller Belastung" stundenweise sogar 5.000 Mikrogramm eingeatmet werden. Diesen Paragrafen will die Gewerkschaft streichen lassen – und durch einen neuen, sehr viel strengeren ersetzen. "Wir müssen für U-Bahnen und unterirdische Gebäude neue Normen aufstellen – sie sind veraltet", sagt auch die Toxikologin Francelyne Marano. 

Warum schwirren unterirdisch so viele schädliche Partikel in der Luft? Zunächst liegt es paradoxerweise auch hier an den Autos: Deren Abgase sinken laut dem Pariser Metro-Betreiber RATP in die Tunnel ab. Dann liegt es aber auch an den Dieselfahrzeugen, die in den Metrotunneln benutzt werden, um die Gleise instand zu halten. "Wenn in der Nacht die Elektrizität ausgeschaltet ist, laufen viele Maschinen mit Diesel: Die Schweißgeräte, die Gleisschrauber, die Presslufthammer. Es sind schwere Geräte", sagt Gewerkschafter Rossi. Und schließlich liegt es am Abrieb, also all den kleinen Teilchen, die ein Zug beim Bremsen von den Gleisen abträgt und in die Luft bläst.

Am Gleis schlagen die Geräte aus

In Deutschland gibt es bislang keine Messungen von unabhängigen Organisationen in U-Bahnen. Im vergangenen Jahr nahm die Prüfgesellschaft Dekra Stichproben in der Stuttgarter U-Bahn. "Wir wollten in der Diskussion um den Feinstaub in Stuttgart den Aspekt einführen, in welchen Lebenssituationen der normale Mensch im Alltag mit Feinstaub in Berührung kommt", sagt ein Sprecher der Dekra. Ihr Ergebnis: Die Feinstaubkonzentration in der U-Bahn selbst liegt dort die meiste Zeit bei etwa 25 Mikrogramm pro Kubikmeter, also bei der Hälfte des Grenzwerts. Doch beim Aussteigen oder beim Warten am Gleis schlugen die Geräte aus: Der Messwert schnellte an zwei Stationen auf 100 Mikrogramm hinauf. Es war in diesen Momenten also deutlich mehr Feinstaub in der Luft als für die Bevölkerung erlaubt.

Nach Einschätzung des Verkehrsexperten Arne Fellermann vom Naturschutzbund sind aber weiterhin die Autos das größte Problem: Schließlich wohnten Menschen an Straßen und hielten sich stundenlang in stark befahrenen Innenstädten auf, während die Zeit in der U-Bahn begrenzt ist.

Die deutsche Lokführergesellschaft ist weniger kampfbereit als ihre französischen Kolleginnen und Kollegen: "Unser größtes Problem ist gerade, dass wir zu wenig Menschen in den Werkstätten und in den Zügen haben – da können wir uns jetzt nicht um die Luft kümmern", sagt Sprecher Stefan Mousiol.

Dabei wäre es sehr viel einfacher, die unterirdische Luft zu verbessern als die auf der Straße. Die französische Gewerkschaft fordert, alle Arbeitsmaschinen auf Gleisen elektrisch zu betreiben und die Schächte besser zu belüften. Falls ihre Klage erfolgreich ist und die Normen künftig in Frankreich strenger werden, käme der Metro-Betreiber nicht um diese Änderungen umhin. Das ist teuer – und sicherlich der wichtigste Grund, warum die U-Bahnbetreiber bisher kaum etwas gegen die gefährlich schlechte Luftqualität tun.