Das Zufußgehen ist die riskanteste Fortbewegungsweise überhaupt – zumindest wenn man es mit der zurückgelegten Strecke vergleicht. Das ist einer der Fakten zur Sicherheit von Fußgängerinnen und Fußgängern aus einer Studie der Allianz. Der Versicherungskonzern hat untersucht, welche Unfallsituationen für Fußgänger am gefährlichsten sind, wie sehr Smartphones ablenken und welche Technik helfen kann, Unfälle zu vermeiden.

In Deutschland sind im vergangenen Jahr 457 Fußgängerinnen und Fußgänger tödlich verunglückt, das waren 15 Prozent aller Verkehrstoten. Die typische Situation mit tödlichem Ausgang für Fußgänger beschreibt Christoph Lauterwasser, Leiter des Allianz-Zentrums für Technik in München, so: "Der Unfall passiert überwiegend innerorts, in der Dämmerung oder nachts, in den dunklen Monaten zwischen Oktober und Februar. Primär ist der Gegner ein Auto und der Fußgänger überquert die Straße."

Mehr als die Hälfte der getöteten Fußgänger ist der Studie zufolge älter als 64 Jahre. Der Anteil tödlich verunglückter Älterer ist im vergangenen Jahr sogar noch einmal angestiegen: auf 56 Prozent gegenüber 51 Prozent im Vorjahr. "Ältere sind eher aufs Zufußgehen angewiesen als Jüngere und sie sind aufgrund ihrer körperlichen Verfassung oft langsamer in ihrer Bewegung und im Reaktionsvermögen", sagt Lauterwasser. Außerdem bräuchten alte Menschen mehr Zeit fürs Überqueren einer Straße, damit steige ihr Risiko. Seniorinnen zu Fuß verunglücken doppelt so oft wie Senioren. Über alle Altersklassen hinweg ist das Risiko, getötet zu werden, für Männer aber 1,5-mal höher als für Frauen.

Fußgänger stoßen heute eher mit Radlern zusammen

Insgesamt sinken die Todeszahlen im Straßenverkehr seit Jahren. Bezieht man alle Arten der Verkehrsteilnahme ein, gab es zwischen 1991 und 2017 einen Rückgang um 72 Prozent. Studienleiter Jörg Kubitzki sieht dafür mehrere Gründe. In den letzten Jahren seien innerorts viele Tempo-30-Zonen eingeführt worden. Die Polizei kontrolliere häufiger die Geschwindigkeit. Fußgänger und Radfahrerinnen verletzten sich bei Zusammenstößen mit Autos weniger schwer, weil die Hersteller die Fronten dahingehend testen und anpassen. Außerdem ereigneten sich weniger Unfälle, die auf Alkohol zurückzuführen sind.

Der Anteil der getöteten Fußgänger an allen getöteten Verkehrsteilnehmern ist in den vergangenen zehn Jahren leicht gestiegen – obwohl weniger gelaufen wird, wie Kubitzki sagt. Das bedeutet nicht etwa, dass mehr Fußgänger im Straßenverkehr sterben als früher. Von wenigen Jahren abgesehen sinken die absoluten Zahlen sogar leicht. Doch weil deutlich weniger Autofahrer als früher bei Unfällen ums Leben kommen, steigt der Anteil der anderen Verkehrsteilnehmer an den Verunglückten, so auch bei den Fußgängern.

Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, stoßen der Studie zufolge seltener als früher mit Autos zusammen – aber häufiger mit Radfahrern. Die Zahl der Unfälle zwischen Fußgängern und Autos ging seit 2001 um 18 Prozent zurück, zwischen Fußgänger und Fahrradfahrer stieg sie dagegen um sieben Prozent. Das ist nicht überraschend, denn Fahrradfahren wird seit Jahren beliebter, besonders mit Pedelecs. In Stuttgart zum Beispiel ist deshalb die Zahl der Fahrradunfälle 2018 gegenüber dem Vorjahr um insgesamt 19 Prozent gestiegen, die mit Pedelecs um 66 Prozent, heißt es von der Stadtverwaltung. Allianz-Experte Lauterwasser sieht noch einen anderen Grund, warum Fußgänger weiterhin gefährdet sind: "Der Schutzraum Gehweg geht verloren, weil viele Kommunen aufgrund mangelnder Radwege die Gehwege für Radler freigeben."

Fast jeder Zweite tippt beim Gehen

Das Risiko, im Straßenverkehr zu verunglücken, steigt durch Ablenkung deutlich. Nach der Sicherheitsstudie tippt inzwischen fast jeder Zweite beim Gehen am Handy, zwei von drei telefonieren beim Laufen und etwa ein Drittel hört Musik. "Beim Musikhören steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Fußgänger, einen Unfall zu erleiden, um das Vierfache, beim Texten um das Doppelte", sagt Studienleiter Kubitzki.

Ob leise Elektroautos dazu führen, dass mehr Unfälle passieren, könne bislang keine Studie nachweisen, weil es für eine repräsentative Aussage bisher zu wenige E-Autos gibt. Ab Juni dieses Jahres müssen neue Typen von Elektroautos bis zu einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde ein Warngeräusch von sich geben. Das findet Kubitzki gut, warnt aber: Mit Kopfhörern auf den Ohren wird der Ton nicht zu hören sein.

Ein Großteil der Autounfälle mit Fußgängern wäre vermeidbar, wenn Autofahrerinnen und -fahrer bremsbereit wären, sagt Allianz-Experte Lauterwasser. Aber: "Sie fühlen sich im Auto geschützt und sind dadurch nicht immer so aufmerksam wie notwendig." Autofahrer ließen sich etwa vom Handy ablenken.

Ein gutes Fünftel der Unfälle ereignet sich beim Rückwärtsfahren. Untersuchungen hätten gezeigt, dass für solche Fälle nicht nur eine Warnfunktion lebensrettend ist, sondern auch, wenn das Auto automatisch bremst. "Notbremssysteme für den Frontbereich gibt es für viele neue Fahrzeugmodelle. Im nächsten Schritt müssen sie fürs Rückwärtsfahren eingeführt werden", sagt Lauterwasser. Der Studienleiter fordert außerdem eine umfassende Strategie für sicheren Fußverkehr: "Daran mangelt es nicht nur in Deutschland, sondern weltweit."