Weniger Autos, bessere Luft

Das Prinzip ist verführerisch simpel: Wer mit dem Auto in die Stadt fährt, muss zahlen. Dadurch wollen die Behörden den Autoverkehr reduzieren und Staus, schlechte Luft und Lärm vermindern. Doch in Deutschland sind nicht alle Kommunen dafür.   

Zuletzt hat Regine Günther, die parteilose Verkehrssenatorin Berlins, die Einführung einer Citymaut angeregt. "Über kurz oder lang" werde man in Berlin über eine solche Abgabe diskutieren müssen, sagte sie. Der Deutsche Städtetag unterstützt ihren Vorschlag. Der Städte- und Gemeindebund allerdings lehnt die Maut ab, ebenso der ADAC. Auch die Mehrheit der Deutschen sei dagegen, berichtet Der Spiegel basierend auf einer Umfrage. Doch in den Innenstädten sprach sich die Mehrheit der Befragten für die Maut aus.

Im Ausland haben manche Städte schon vor Jahren eine Citymaut eingeführt, zum Beispiel London, Stockholm, Mailand und Göteborg. Wie sind ihre Erfahrungen?

Fast 80.000 Autos weniger pro Tag

In London gibt es die Maut seit 2003. Wer in eine bestimmte Zone in der Innenstadt fahren will, muss seither von Montag bis Freitag Gebühren zahlen: zwischen 7 und 18 Uhr 11,50 Pfund, das entspricht momentan etwa 13,50 Euro. Der Autoverkehr innerhalb der Mautzone ist seither laut der Londoner Verkehrsbehörde um knapp ein Drittel gesunken. Das entspricht fast 80.000 Autos weniger pro Tag. Die Zahl der Fahrradfahrer sei hingegen in der gleichen Zeit um etwa zwei Drittel gewachsen.

Stockholm hat die Citymaut im Jahr 2006 zunächst sieben Monate lang getestet. Danach stimmte die Mehrheit der Einwohnerinnen und Einwohner für die Maut. Seit August 2007 gibt es die Gebühr dauerhaft. Sie führte laut einer Studie des Zentrums für Transportwissenschaften in Stockholm dazu, dass etwa ein Fünftel weniger Autos in die Stadt fahren. Die Zahl sank vom ersten Tag der Testphase an. Als nach den Testmonaten vorübergehend keine Maut erhoben wurde, stieg die Zahl der Autos wieder etwas, aber sie erreichte die vorherigen Höhen nicht. Offenbar wurde die Alternative zum Auto für manche schnell zur Gewohnheit, die sie beibehielten.

Sowohl in London als auch in Stockholm gab es weniger Staus. In Stockholm war die Veränderung auf den Hauptverkehrsstraßen am größten. Während der Hauptverkehrszeit am Morgen sank die Wartezeit dort um etwa ein Drittel, im Feierabendverkehr sogar um die Hälfte. 

Damit sich viele Menschen durch eine Gebühr vom Autofahren abbringen lassen, muss es allerdings attraktive Alternativen geben. Zum Beispiel einen guten öffentlichen Nahverkehr. Das zeigt der Vergleich zwischen verschiedenen Städten. "Sowohl in London als auch in Stockholm war der ÖPNV schon vor der Einführung der Citymaut gut ausgebaut und bot für viele Autofahrer eine Alternative", sagt Gernot Sieg, Direktor des Instituts für Verkehrswirtschaft an der Uni Münster. "In Göteborg dagegen hat die Citymaut den Autoverkehr nur halb so stark wie in Stockholm reduziert, weil der ÖPNV in Göteborg nur wenig attraktiv ist."

Besseres Klima

Die Verkehrsbehörde von San Francisco hat die Wirkung der Citymaut in einzelnen Städten verglichen. Ihr zufolge sank der CO2-Ausstoß in Stockholm um 14, in London um 16 Prozent.

Andreas Knie, Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin, sieht die Maut als gutes Instrument, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Sie könne sehr gezielt eingesetzt werden, zum Beispiel, indem die Kommunen "große, dreckige Autos" stärker belaste als andere und Carsharing-Autos geringer als Fahrzeuge im Individualbesitz, die den größten Teil ihrer Zeit stehen, statt gefahren zu werden.  

In Mailand ist die Nutzung von Bikesharing-Angeboten laut einer OECD-Studie um etwa fünf Prozent gestiegen, seit es eine Citymaut gibt. Das liege einerseits an den Kosten fürs Autofahren, stärker aber noch an den verbesserten Bedingungen für Radfahrer durch die Maut: Weniger Autoverkehr und weniger Luftverschmutzung machen das Radfahren attraktiver. Eine Citymaut könnte also eine gute Ergänzung zu alternativen Mobilitätsoptionen sein.

"Die meisten unterschätzen die Vorteile"

Ein häufig genanntes Argument gegen die Citymaut ist, dass sie ärmere Menschen stärker belaste. Doch das stimmt nicht unbedingt, sondern hängt davon ab, wie die Gebühr gestaltet wird. Andreas Knie schlägt vor, Menschen mit niedrigem Einkommen von ihr zu befreien.

In mancher Hinsicht könnten gerade Menschen mit geringem Einkommen stärker von einer Citymaut profitieren als andere. Sie leben häufiger in Gegenden mit viel Verkehr, wo die Luftverschmutzung hoch ist. Fahren weniger Autos, spüren sie es zuerst. Eine Studie des King's College London und der London School of Hygiene & Tropical Medicine kam deshalb zu dem Ergebnis, dass die Menschen in ärmeren Stadtvierteln besonders von der Maut profitieren. In ihren Vierteln sank die Luftverschmutzung stärker als anderswo. 

Umgekehrt werden Menschen mit höherem Einkommen stärker von einer Citymaut belastet. Eine Übersicht des ADAC zeigt, dass in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, ein Auto zu besitzen – oder mehrere –, mit dem Haushaltseinkommen steigt.

Steigende Zustimmung

Ähnlich wie in Stockholm, wo die Zustimmung zur Citymaut nach der Testphase höher war als zuvor, war es auch in London. Dort fanden vor der Einführung der Citymaut etwa 40 Prozent der Bürgerinnen und Bürger die Idee gut. Drei Jahre später waren es mehr als die Hälfte. Das ergibt sich aus einem Bericht für die US Verkehrsbehörde. Jonas Eliasson, der die Citymaut in Stockholm mit ausgearbeitet hat, sagt: "Die meisten überschätzen, wie viel Mühe ihnen die Gebühr machen wird, und unterschätzen die Vorteile. Sobald die Gebühr eingeführt ist, ändert sich das: Die Vorteile stellen sich als viel größer heraus, als man zuvor dachte, und die Menschen merken, dass es weniger schwierig ist, sich an die neuen Regeln anzupassen."

Kontrolle und Datenschutz

In London, Stockholm, Göteborg und Mailand wird die Citymaut durchgesetzt, indem die Kennzeichen mit Kameras erfasst werden. In Deutschland wäre das aus Datenschutzgründen eher schwierig. Doch andere Systeme seien komplizierter und damit teurer, sagt Verkehrswissenschaftler Sieg. Möglich wäre zum Beispiel ein System aus Mautbrücken wie für die Lkw-Maut.