Deutschland sieht sich gerne als fortschrittliches, modernes und innovatives Land. Die Debatte um Elektro-Tretroller zeigt einmal mehr, dass dieses Selbstbild weit von der Realität entfernt ist. Seit dem vergangenen Jahr gehören die Scooter zum Stadtbild von Los Angeles, Paris, Wien und vielen anderen Städten auf der Welt. Sie sind so erfolgreich, weil sie die Trends Elektromobilität und Sharing-Economy vereinen. Man kann sie unkompliziert ausleihen, die Fahrt macht Spaß und dank des schadstofffreien Antriebs hat man das Gefühl, der Umwelt einen Gefallen zu tun.

In Deutschland dagegen waren die E-Tretroller bisher nicht für den Straßenverkehr zugelassen. Denn sie passten in keine Schublade, die bisherige Gesetze vorsahen. Das wurde nun endlich geändert: Nachdem am Vormittag auch der Bundesrat zugestimmt hat, dürfen Tretroller mit elektronischem Antrieb bald auf Deutschlands Radwegen und Straßen fahren.

Es war höchste Zeit dafür. Kaum noch jemand bezweifelt, dass wir eine Verkehrswende weg vom Auto hin zu emissionsarmen Fortbewegungsmitteln brauchen. Luftverschmutzung und Klimawandel gebieten es. Die Scooter könnten ein Baustein dieser Verkehrswende sein. Sie bieten den Menschen in verstopften Metropolen wie Berlin, München und Hamburg eine weitere Alternative zum Auto. Sie zeigen, dass Elektromobilität funktioniert.

Strecken von wenigen Kilometern, die zu weit zum Laufen sind, lassen sich einfach mit den Scootern bewältigen. Bequem kann man auch bis zur nächsten S-Bahn-Station rollern. Ob sie am Ende dazu führen, dass viele Menschen das Auto stehenlassen oder gar abschaffen, kann man bezweifeln. Im Kampf gegen Luftverschmutzung ist es aber einen Versuch wert.

Das Problem ist die autozentrierte Verkehrsplanung

Das große Chaos auf den Gehwegen wird jedenfalls nicht ausbrechen, denn dort dürfen die Scooter nicht fahren. Zwar werden sich nicht alle Nutzerinnen daran halten. Das ist aber kein Grund, Scooter zu verteufeln. Auch Radfahrer brechen gerne mal Regeln und zischen auf dem Gehweg an Fußgängerinnen vorbei, trotzdem sind Fahrräder erlaubt. Natürlich werden E-Rollerfahrer auch Unfälle verursachen – das lässt sich mit keinem Verkehrsmittel ausschließen. Ein tödlicheres Fortbewegungsmittel als das Auto werden die Scooter mit Sicherheit nicht sein.

Kritikerinnen und Kritiker befürchten, Roller werden den Kampf um den knappen Raum in den Städten verschärfen. Tatsächlich sind viele Radwege in den Großstädten im Sommer schon so voll, dass man sich kaum vorstellen kann, wie hier auch noch E-Tretroller unterwegs sein sollen. Daran sind aber nicht die Scooter schuld, sondern eine Verkehrsplanung, die das Auto in den Mittelpunkt stellt. Autos stehen die meiste Zeit herum, werden oft nur von einer Person genutzt, brauchen aber Platz für zehn Fahrräder (oder Scooter) und verpesten die Luft. Die Lösung sind breitere Radwege in den Städten – und zwar auf Kosten von Parkplätzen und Autospuren. Dafür können Nutzerinnen von E-Tretrollern und Fahrrädern künftig gemeinsam kämpfen.

Der Vergleich mit anderen Verkehrsmitteln zeigt, dass an die E-Tretroller ein seltsamer Maßstab angelegt wird. Natürlich bringt eine neue Technologie Schwierigkeiten mit sich. Aber die Probleme, die uns der Autoverkehr macht, sind so groß, dass wir Alternativen ausprobieren müssen. Ob die Scooter am Ende ein Gewinn oder eher eine Belastung sind, wird sich zeigen. Wenn nicht genügend Menschen von ihnen profitieren, werden sie von selbst wieder vom Markt verschwinden. Erst einmal haben sie aber eine Chance verdient.