Unser Gehirn braucht nur wenige Sekunden, um alle gespeicherten Informationen zu verarbeiten. Dann fällt das Urteil: gefällt mir, gefällt mir nicht. Der erste Eindruck ist entscheidend, lautet die eine Weisheit. Aber der letzte bleibt, die andere. Während der erste ein emotionaler Eindruck ist, baut der letzte auf Vernunft. In der Zeit dazwischen sammeln wir Informationen.

Die Zero SR/F ist das neueste Modell des US-amerikanischen Herstellers für Elektromotorräder. Der Name leitet sich von Streetfighter ab – und genauso sieht sie aus. Böser Blick der Beleuchtung, unverkleidet die Front, schmale Taille, hohes Heck. So sehen Naked Bikes aus. Die Zero ist keine Ausnahme und unterscheidet sich in den wesentlichen Designelementen dieser Kategorie kaum von den Streetfightern KTM 1290 Super Duke R und Ducati Monster 1200 R ein. Nicht ganz gelungen ist an der Zero die Sitzposition. Anstatt eher aufrecht zu sitzen, lastet das Gewicht des Oberkörpers auf den Händen am Lenker wie bei einem vollverkleideten Super Bike. Die Folge sind kribbelnde und einschlafende Hände.

Auf der Zero sitzt man nicht drauf, sondern drin. Allerdings ist die Sitzmulde zu groß, Halt gibt sie nicht. Am linken Lenkerende fällt der fehlende Kupplungsgriff auf. Die Zero hat keine Kupplung, sondern einen Direktantrieb vom Elektromotor über einen Zahnriemen ans Hinterrad. Ansonsten ist an dem Motorrad alles wie auf jeder anderen Maschine auch. Bremshebel, Blinkerschalter, Bedienung überhaupt. Wer Motorrad fährt, findet sich auf der Maschine auf Anhieb zurecht.

Im Sprint sind Verbrenner chancenlos

Beim Motor gibt es Unterschiede – und die sind gewaltig. Nach dem Drücken des Starterknopfes hört man nichts. Es ist so ruhig wie zuvor. Dreht man den Gasgriff ganz auf, geht die Zero mit einem pfeifenden Geräusch ab, als würde ein Stein aus einer Schleuder geschossen. So muss sich Münchhausen beim Ritt auf seiner Kanonenkugel gefühlt haben. Die gewaltige Dynamik ist beeindruckend. Im Sprint sind die Verbrenner von KTM und Ducati gegen die elektrische Rakete chancenlos. Ab 140 km/h lässt der Vortrieb der Zero spürbar nach. Dann sind die beiden Benziner auf Touren gekommen und hängen die Elektromaschine locker ab.

Aber für Hochgeschwindigkeiten ist die Zero als Streetfighter nicht gedacht. Sie soll Spaß machen auf kurvigen Landstraßen und das kann sie genauso gut wie beschleunigen. Die Zero fährt durch Kurven wie an der Schnur gezogen. Sie hält spurstabil ihre Linie, das hat mehrere Gründe. Gabel und Stoßdämpfer stammen vom japanischen Fahrwerksspezialisten Showa, die Reifen Diablo Rosso III von Pirelli haften hervorragend und die Stabilitätskontrolle von Bosch sichert den Fahrer elektronisch. Die Zero ist das erste Elektromotorrad, das mit dem System ausgestattet ist. Es verhindert, dass das Hinterrad blockiert, wenn man das Gas wegnimmt und der Motor umschaltet, um Energie zurückzugewinnen.