Habe ich als Fußgängerin auf einer Vorfahrtstraße genau wie Autos Vorfahrt? Grund zum Streit mit einem Fahrradfahrer war folgender: Ich bin als Fußgängerin die Vogelsanger Straße in Köln entlang spaziert. Aus der Geisselstraße kam ein Fahrradfahrer, der auf die Vogelsanger Straße abbiegen wollte und mir meine Vorfahrt genommen hat. Der Radfahrer sagte, ich hätte warten müssen. Ich meine, Fahrradfahrer hätten hier – genauso wie Autos – auf Fußgänger warten müssen. Oder etwa nicht?, will ZEIT-ONLINE-Leserin Francine Peters wissen.

Die Vogelsanger Straße ist mit dem Verkehrsschild "Vorfahrt" (rotes Dreieck mit dickem schwarzem Pfeil, Zeichen 301) ausgewiesen. Die Leserin läuft offenbar auf dem Bürgersteig und will die seitlich einmündende Geisselstraße überqueren. Hat sie also Vorfahrt, da der Gehweg entlang einer Vorfahrtsstraße verläuft?

Nein, sagt Stefan Herbers, Fachanwalt für Verkehrsrecht aus Oldenburg: "Zuerst darf der Autofahrer – oder wie im beschriebenen Beispiel der Radfahrer – aus der seitlichen Straße auf die Vorfahrtsstraße fahren, erst dann kommt die Fußgängerin an die Reihe." Sie muss warten, bis die seitliche Straße ganz frei ist, bevor sie sie überqueren kann, so Herbers.

Im geschilderten Fall hatte der Radfahrer also Recht, der behauptete, er habe Vorfahrt. "Im Alltag warten zwar viele Kraftfahrer oder auch Radfahrer und lassen Passanten die Straße überqueren, sie müssten es aber nicht", erklärt Herbers.

Dasselbe gelte auch an einer Kreuzung ohne Beschilderung mit der Verkehrsregel "rechts vor links", ergänzt der Anwalt. "Auch hier muss ein Fußgänger, der auf einem Gehweg von rechts kommt, den von links kommenden Autofahrer oder Radfahrer vorlassen", sagt Herbers.

Anders ist die Situation dagegen in der Straße, in die eine Auto- oder Radfahrerin beim Abbiegen einfährt, in beschriebenen Fall in der Vogelsanger Straße. Dort müsse der Abbiegende die Fußgängerinnen oder Radfahrer vorlassen, die die Fahrbahn überqueren wollen, erklärt Herbers. Das gelte aber nicht schon vor dem Abbiegen, solange derjenige noch in der Geisselstraße fährt – wie im Fall der Leserin.