Seit einigen Jahren dürfen Jugendliche in den ostdeutschen Bundesländern schon mit 15 Jahren den Führerschein fürs Moped machen. Das soll bald auch in den übrigen Ländern möglich sein. Dafür hat die Bundesregierung eine Gesetzesänderung in den Bundesrat eingebracht, der am Freitag tagt. Die Landesregierungen entscheiden aber selbst, ob sie von der neuen Möglichkeit Gebrauch machen oder das Mindestalter bei 16 Jahren belassen. Für unsere Autorin bedeutete ihr Moped die große Freiheit.

Als ich mich von Charly verabschieden musste, feierten wir ein Fest. Viele alte Damen aus dem Dorf waren eingeladen, einige sangen ein Ständchen. Charly war mein Moped. Bergab und mit Rückenwind brachte er es auf 85 Kilometer pro Stunde. Damit war er mit Abstand der Schnellste in unserer Jahrgangsstufe – und ich die stolze Fahrerin. Ich war 16 und Charly mein Roller, ein Yamaha YE 80 Zest in Schwarz. Mit meiner besten Freundin Berit und ihrem neongelben Piaggio-Roller bildeten wir das stylishste Dorfduo, das unsere Schule je besucht hatte. Unserer Meinung nach.

Ich bin auf der Ostseeinsel Poel aufgewachsen. Zwischen Berits und meinem Zuhause lagen 21 Kilometer, die Schule war 15 Kilometer entfernt. Das Moped war für mich nicht nur Angeberei, sondern Unabhängigkeit. Ich war unabhängig von meinen Eltern. Und ich war unabhängig von Bussen, deren Routen nie direkt zu meinen Freundinnen führten. Ich war auf niemanden mehr angewiesen, konnte meine Zeit selbst einteilen und war allein dafür verantwortlich, rechtzeitig in der Schule zu sein. Wenn ich wollte, konnte ich am Wochenende erst an den Strand, danach zur Freundin im Nachbarort und anschließend in die Stadt fahren. Mir gehörte die Welt.

Meine Mutter guckte in jeden Straßengraben

Den Führerschein fürs Moped habe ich am 13. August 1997 gemacht, vier Wochen und drei Tage nach meinem 16. Geburtstag. Was war ich sauer! Denn Charly stand schon seit dem Geburtstag vor der Tür und ich durfte noch nicht fahren. Schuld daran waren mein Vater und – ich selbst. Durch die erste praktische Prüfung war ich gefallen, wegen einer Lappalie: Am Ende bog ich an einer Kreuzung rechts ab, ohne es anzuzeigen – und ohne dass Fahrlehrer oder -prüfer mich darum gebeten hatten.

Es war die Kreuzung, an der ich mit meinem Vater immer abgebogen war, um zu seinem Büro zu fahren, wo ich gejobbt hatte. Das Rechtsabbiegen dort war mir quasi einprogrammiert. Nach dieser Aktion übte Papa noch einmal mit mir fahren: Er mit dem Auto vorweg, ich mit dem Moped hinterher. Durch alle 15 Dörfer unserer Insel wollten wir fahren, nach einer halben Stunde waren wir wieder zu Hause, so groß ist Poel dann doch nicht. Für die zweite praktische Prüfung reichte es aus.

Von da an mussten mich meine Eltern nicht mehr quer durch Nordwestmecklenburg kutschieren, sondern einfach nur wissen, wann ich wo war. Als ich mal nicht rechtzeitig von einer Freundin zurückkam, fuhr mir meine Mutter mit dem Auto entgegen. Sie habe in jeden Straßengraben geguckt, sagte sie. An dem Abend beschlossen meine Eltern, mir ein Handy zu kaufen. 1997 gab es für das E-Netz das klobige Nokia Energy in Türkis, das ich fortan immer bei mir trug. Mit Moped und Handy war ich an Coolness nicht mehr zu übertreffen.

Geschwindigkeit ist wichtig

Die Jungs auf der Insel fuhren Enduros oder Naked Bikes, mich mit meinem Roller fanden sie spießig. Charly war weder sportlich noch geländetauglich und natürlich langsamer als ihre 125-Kubik-Maschinen. Ausprobieren wollten sie ihn trotzdem. Einmal stimmte ich zu. Der Fahrer verlor gleich in der ersten Kurve die Gewalt über den Roller, legte sich hin und verantwortete den einzigen Kratzer, den Charly zu meiner Zeit abbekommen hat. Nie wieder ließ ich einen Jungen fahren.

Benannt war der Roller nach meinem Cousin, den meine Eltern als Mobilitätsexperten gebeten hatten, mir einen vernünftigen fahrbaren Untersatz zu besorgen. Klar war, dass der Roller nicht nur 50, sondern 80 Kubikzentimeter Hubraum haben sollte. Dafür benötigte ich den Führerschein A1 und nicht AM, für den nun das Mindestalter gesenkt werden soll. Denn eine angemessene Geschwindigkeit ist wichtig, wenn man auf Landstraßen unterwegs ist. Ich wäre gern noch schneller gefahren, aber mein Cousin weigerte sich, den Roller zu frisieren. Ging nicht, angeblich, wahrscheinlich hatten meine Eltern mit ihm gesprochen.

Auf dem Moped habe ich gelernt, stets mit der Rücksichtslosigkeit anderer zu rechnen. Irgendwann ging ich dazu über, dicht am Mittelstreifen zu fahren, denn so konnte ich bei anrauschendem Gegenverkehr nicht noch mit knappem Seitenabstand überholt werden. Meine Eltern waren keine Fans dieser Methode, ich aber von ihrem erzieherischen Charakter überzeugt.

Auto schlägt Moped

Mit Charly habe ich gejubelt und gefeiert, meine Freiheit genossen und mich erwachsen gefühlt. Er war zu jeder Tages- und Jahreszeit da. Ich habe auch geweint, wenn ich bei Sturm Angst hatte, von der Brücke zur Insel gefegt zu werden, und geflucht, wenn mir der Regen die Jeans durchnässte oder ich hinter einem Müllauto fuhr und zu langsam war, es zu überholen. Ein Jahr lang fuhr ich mit Charly jeden Tag zur Schule, jedes Wochenende zu Freunden.  

Dann kam das Auslandsjahr in den USA, aus dem ich einen Führerschein mitbrachte. Mit dem wollte ich auch in Deutschland unbedingt Auto fahren. Ich war 18 Jahre alt geworden, ans Moped war nicht mehr zu denken. Autofahren war viel erwachsener. Charly stand noch eine Weile auf unserem Hof, ohne Zulassung, und verwitterte langsam. Meine Eltern wollten ihn weggeben. Du fährst doch nicht mehr damit, war ihr einleuchtendes Argument, aber ich wollte nicht so recht. Charly würde mir fehlen. Schließlich gaben wir ihn einem Bekannten meiner Mutter, der ihn brauchte, um über das Gelände seines Baumarkts zu fahren. Er holte ihn am 30. April 2000 ab, dem Geburtstag meiner Großmutter. Das halbe Dorf war zu Besuch und sah zu, wie Charly unsanft einen Anhänger hinaufgestoßen und dann von der Insel gekarrt wurde.

In meiner Erinnerung hat Charly mich jahrelang begleitet, auch wenn es nur ein einziges prägendes Jahr war. Meine Jugend war Charly. Danach war ich erwachsen.