Die schwierigste Frage der Welt: Wären Sie lieber SPD-Vorsitzende oder Servicemitarbeiter der Deutschen Bahn? In beiden Fällen müssen Sie den Kopf für Probleme hinhalten, für die Sie nichts können. Inzwischen hat offenbar sogar die Bahn Mitleid mit ihren Mitarbeiterinnen. Sie hat einen Roboterkopf mit künstlicher Intelligenz entwickelt, der sie ersetzen – äh – entlasten wird. Wenn der Roboter jedoch so gut funktioniert wie bei der Präsentation im Berliner Hauptbahnhof, tut die Bahn weder sich noch ihren Angestellten einen Gefallen.

Die Roboterdame heißt Semmi. Man kann sie sich vorstellen wie ein Alexa mit einem Roboterkopf darauf.  Semmi schaut gern verträumt in der Gegend herum, wendet sich einem aber zu, wenn man sich vor sie stellt. Sie soll alle Fragen rund um den Bahnhof und zu Zugverbindungen beantworten können.

Der Entwickler tritt vor sein Baby, alle Kameras sind auf ihn gerichtet. "Wann fährt der nächste Zug nach München?" Stille. "Sie ist aufgeregt", sagt der Entwickler. "Bitte?", fragt Semmi. "Wann fährt der nächste Zug nach München?" Stille. Sehr unangenehme Stille. "Aber natürlich", sagt Semmi plötzlich euphorisch. "Der ICE 1634 hat leider eine Verspätung von 50 Minuten." "Wo kann ich hier Fahrkarten kaufen?" "Der ICE 1634 hat leider eine Verspätung von 50 Minuten." Immerhin kann Semmi offenbar sehr gut Demenz imitieren. "Gibt es hier irgendwo eine Bild-Zeitung?" Semmi überlegt und man hofft, dass sie gleich empfehlen wird, doch besser eine andere Zeitung zu kaufen. "Heute Morgen hat es noch funktioniert", sagt der Entwickler und man will ihn in den Arm nehmen. Dann greift der Pressesprecher ein: "Wir haben Internetprobleme." Semmi sei sonst wesentlich schneller und zuverlässiger, aber das Netz sei überlastet. In diesem Moment ist klar: Die Bahn hat sich ihr androides Ebenbild erschaffen.

Immerhin stört es Semmi nicht, wenn sie angeschrien wird

Später funktioniert Semmi tatsächlich etwas besser, aber dann zeigen sich erst ihre eigentlichen Probleme. Wenn eine Person neben den Fragenden tritt, bricht sie das Gespräch ab und wendet sich dem Neuen zu. Und selbst wenn alles funktioniert, bekommt man manchmal falsche Antworten. "Wie komme ich zur Friedrichstraße?" "Steige in die S-Bahn und fahre drei Stationen, dann bist du am Bahnhof Zoo." Na danke. Da fragt man doch lieber sein Smartphone.

So sieht also künstliche Intelligenz aus, die Fahrgastprobleme lösen soll. Es ist wie so oft bei der Bahn: Sie nimmt sich viel vor – und macht dadurch alles nur schlimmer. WLAN in allen ICEs? Man käme besser damit klar, dass es nicht funktioniert, wenn es einem vorher nicht versprochen worden wäre. Insofern ist es kein gutes Zeichen, dass die Bahn laufend verspricht, pünktlicher zu werden.

Immerhin stört es Semmi nicht, wenn sie angeschrien wird. Vielleicht ist das ihr eigentlicher Zweck: Fahrgäste können sich an ihr abreagieren. Sie ist ein verbaler Boxsack. Genauso gut könnte die Bahn in ihren Zügen schalldichte Kabinen einbauen, in denen Fahrgäste den ganzen Frust herausschreien oder ICE-Modelle aus Keramik zertrümmern können.

Das wäre vielleicht sogar die bessere Option als Semmi. Schließlich werden sich die Fahrgäste kaum beruhigen, wenn Semmi sie nicht versteht oder ihnen falsche Informationen gibt. Die entfesselte Wut kriegen am Ende dann doch wieder die Mitarbeiter ab. Denn wenn Semmi nicht weiterweiß – was bei herumschreienden Kunden oft der Fall sein dürfte – sagt sie: "Bitte entschuldige mein Unvermögen, am Schalter hilft man dir weiter." Da will man vielleicht doch lieber die SPD führen, als hinter dem Schalter zu sitzen.