"Alkohol am Steuer ist auch ein Problem" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Kellner, sind Sie denn selbst schon einmal mit einem E-Scooter gefahren?

Christian Kellner: Klar, ich will natürlich wissen, über was ich da spreche.

ZEIT ONLINE: Und wie hat es Ihnen gefallen?

Kellner: Ziemlich gut. Toll ist dieses schwebende Gefühl beim Fahren. Auf der anderen Seite habe ich auch gemerkt, dass der Scooter sofort instabil wird, wenn man eine Hand vom Lenker nehmen will. Wackelig wird es auch, wenn die Fahrbahn uneben ist oder man über ein Schlagloch fährt. Aber ich bin ehrlich: Im Straßenverkehr ist es mir zu gefährlich. 

ZEIT ONLINE: Warum?

Kellner: Als Verkehrssicherheitsrat haben wir Sorgen. Denn viele Nutzerinnen und Nutzer der neuen Scooter wissen offensichtlich noch nicht, was sie damit dürfen und was nicht. So fahren viele auf den Gehwegen oder nutzen die Roller zu zweit. Das ist vielleicht schön, um gemeinsam den Fahrtwind zu genießen oder Geld zu sparen – aber es ist eben gefährlich und mit Recht verboten. Alkohol am Steuer ist auch ein Problem. Außerdem ist das Verletzungsrisiko wegen der fehlenden Helmpflicht hoch.

Christian Kellner, 64, ist seit 16 Jahren Hauptgeschäftsführer des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Der Verein fördert seit seiner Gründung 1969 Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmer und hat etwa 200 Mitglieder, zu denen unter anderem die für Verkehr zuständigen Ministerien von Bund und Ländern, die Polizeigewerkschaften sowie Automobilhersteller und Gewerkschaften gehören. © DVR

ZEIT ONLINE: Alkoholisiertes Fahren, Missachten von Verkehrsregeln, keine Helmpflicht: Vieles davon trifft auch auf Fahrradfahrer zu. Warum entzündet sich die Kritik so an den E-Scootern?

Kellner: Einerseits verstehen wir, dass man auch diese Mobilitätsform gerne als neue Option im Straßenverkehr haben möchte, zunächst kein Problem. Aber E-Scooter sind Kraftfahrzeuge; das machen sich viele nicht klar. Deshalb gelten etwa beim Alkohol dieselben Regeln wie beim Auto. Das bedeutet, Fahrer dürfen nicht mehr als 0,5 Promille im Blut haben. Man kann – wenn man alkoholisiert Scooter fährt – auch schon ab 0,3 Promille seinen Führerschein verlieren! Technisch muss gesagt werden: Fahrräder sind deutlich stabiler. Die Scooter sind kleiner und wirken harmloser als Fahrräder, fast wie ein Spielzeug. Gleichzeitig gelten strengere Regeln und das Fahren ist unsicherer.

ZEIT ONLINE: Nur scheinen viele diese Regeln nicht zu kennen.

Kellner: Wer beschäftigt sich intensiv mit Vorschriften, wenn er nur mal kurz besonderen Fahrspaß will? Wir hätten uns deswegen parallel zur Zulassung mehr Aufklärung gewünscht. Da müssen wir nachlegen, zum Beispiel mit einer Social-Media-Aktion. Ich vermute, das würde die Industrie auch unterstützen.

ZEIT ONLINE: Das Problem der Schlaglöcher und fehlenden Fahrradwege würden so eine Kampagne aber nicht lösen.

Kellner: Das große Problem ist sicherlich die Infrastruktur. Die muss ausgebaut werden. Die E-Scooter lenken wie ein Brennglas die Aufmerksamkeit auf die Versäumnisse der vergangenen Jahre. Wir haben eine gestiegene Zahl von Radfahrerinnen und Radfahrern, hinzu kommen die E-Räder und die E-Scooter. Deswegen muss man den Verkehrsraum neu denken. Die Mobilität in den Städten hat sich verändert und dem muss man Rechnung tragen. Hier brauchen wir Investitionen von den Städten und vielleicht auch eine Anschubfinanzierung durch den Bund.

"Wir finden es sinnvoll, wenn man einen Helm trägt"

ZEIT ONLINE: Vor Kurzem wurden die ersten Unfallzahlen gemeldet: In Berlin gab es sieben Tretroller-Unfälle, in München sechs, in Frankfurt und Hamburg lag die Zahl ebenfalls im einstelligen Bereich, in Stuttgart gab es keine. Ist das wirklich Anlass zur Sorge?

Kellner: Die Polizei hat uns mitgeteilt, dass es mehrere Hundert Ordnungswidrigkeiten gab, vor allem wegen Trunkenheit oder weil auf dem Gehweg oder zu zweit gefahren wurde. Diese Zahlen muss man beobachten und das Ganze wissenschaftlich begleiten. Deswegen fordern wir auch eine eigene Kategorie in der Statistik für die Scooter. Für eine erste Zwischenbilanz ist es noch zu früh.

ZEIT ONLINE: Abgesehen vom Nüchternbleiben: Was raten sie zur Nutzung der E-Scooter?

Kellner: Wir finden es sinnvoll, wenn man einen Helm trägt und das Fahrzeug zunächst im Schonraum ausprobiert. Also nicht direkt im Straßenverkehr. Wir hätten uns außerdem gewünscht, dass die Roller stabiler gebaut würden, also etwa nur Fahrzeuge mit größeren Rädern zugelassen wären.

ZEIT ONLINE: Wie sehen Sie das Agieren der Bundesregierung bei der Zulassung? In Ländern wie Frankreich, den USA oder Israel wurden die Scooter ja schon viel früher eingeführt.

Kellner: Ich bin froh gewesen, dass man erst mal abgewartet hat. Oft heißt es dann ja: "Typisch spießiges Deutschland." Aber ich finde es sehr gut, wenn man erst mal in Ruhe schaut, wie sich das woanders entwickelt, um daraus zu lernen.

ZEIT ONLINE: Sehen sie auch etwas Positives an der neuen Mobilitätsform?

Kellner: Auf jeden Fall ist es etwas Gutes, wenn die Menschen innerorts öfter ihr Auto stehen lassen und Rad- oder eben auch E-Scooter fahren. Das kann den Verkehr entlasten und ist gut fürs Klima. Zu Fuß zu gehen ist übrigens auch nicht schlecht. Und dann macht das Fahren damit auch einfach Spaß – so ging es mir jedenfalls. Aber auf Hauptverkehrsstraßen finde ich es persönlich nicht zu verantworten.

ZEIT ONLINE: Wie sieht denn die Zukunft der Verkehrssicherheit aus? Beschäftigen Sie sich schon mit Flugtaxis und autonomem Fahren?

Kellner: Flugtaxis sind im Moment nicht so unser Thema, die sind ja erst mal nicht im Straßenverkehr zu finden und werden vermutlich auch zahlenmäßig in den nächsten Jahren keine große Rolle spielen. Über das autonome Fahren machen wir uns dagegen viele Gedanken, denn das bringt neue Herausforderungen. Knifflig wird es vor allem, wenn in weiterer Zukunft einige Autos schon autonom unterwegs sind, andere aber noch von Menschen gesteuert werden. Wir gehen aber davon aus, dass das autonome Fahren zu mehr Sicherheit führen kann.