Statements wie "Wir werden die Elektromobilität anführen" hört man derzeit häufiger. Doch in diesem Fall mag die Aussage verblüffen, denn sie wird verkündet von Matthew Levatich. Der US-Amerikaner steht Harley-Davidson vor, und er spricht vom Markt für Zweiräder.

Harley-Davidson: Das ist dem Klischee zufolge ein Lieferant von großvolumigen, technisch nicht gerade innovativen Schwermetall-Krädern, auf denen in Deutschland Architekten und Zahnärzte ihrer Midlife-Crisis entfliehen und die in den USA Rocker und Rednecks mobilisiert.

An dieser landläufigen Einschätzung ist durchaus etwas dran, und das ist ein Problem für den Hersteller. Der alte weiße Mann als Kunde stirbt aus, Umsatz und Aktienkurs schwächeln, Harley steuert auf eine handfeste Krise zu. Um neue Käuferschichten zu erschließen, um wieder cool zu werden, müssen die Leute in Milwaukee auf ganz neuen Wegen fahren – und was ist derzeit cooler als Elektromobilität?

Und, alle Achtung: Im Gegensatz zu manchen Ankündigungsmeistern aus der Autobranche kann Amerikas größter Bike-Hersteller schon liefern. Die Livewire, das erste elektrische Motorrad eines etablierten Herstellers, kommt mit fortschrittlichem Design daher. Der mächtige, nicht verkleidete Akku dominiert die Optik.

In drei Sekunden auf Tempo 100

Die Fahrt mit dem 106 PS starken Stromer ist ein Erlebnis, wie es nur wenige Fahrzeuge zu bieten vermögen. In drei Sekunden beschleunigt das immerhin 250 Kilo schwere Motorrad auf Tempo 100 – und zwar schon aus dem Stand mit der vollen Wucht seines Drehmoments von 116 Newtonmetern. Aus jedem landstraßentauglichen Tempo genügt ein leichter Dreh am rechten Griff, um die Kraft der Maschine zu entfesseln und die Magennerven zittern zu lassen.

Dem Motorrad selbst dagegen ist jegliche Vibration fremd. Es entwickelt seine Performance scheinbar mühelos und nur von einem leisen Zischen unterlegt. Wenn sie steht, meldet die Livewire mit sanftem Pulsieren, dass sie im Stand-by ist. Da das Motorgeräusch fehlt, ist das eine recht sinnvolle Lösung, um ein versehentliches Losschießen zu verhindern.

Kurven durcheilt die Elektro-Harley mit überraschender Handlichkeit; der niedrige Schwerpunkt kaschiert ihr Gewicht. Auch beim Rangieren wirkt sie schlanker und leichter beherrschbar, als es das wuchtige Design vermuten lässt. So lässt sich die Livewire locker an Schnellladesäulen parken, wo sie in 40 Minuten zu 80 Prozent und nach einer Stunde voll geladen ist. In den ersten zwei Jahren nach Kauf beim Harley-Händler ist das sogar gratis. Am Schuko-Stecker in der heimischen Garage nuckelt die Maschine hingegen die ganze Nacht.