Bègles hat nur 27.000 Einwohner. Und doch hat es die Stadt südlich von Bordeaux geschafft, die Debatte über Freiheit und Geschwindigkeit erneut zu beleben. In Bègles gilt seit dem 8. Juli ein allgemeines Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde im gesamten Stadtgebiet. Der Ort ist damit die erste Kommune dieser Größe in Frankreich, die eine solche Begrenzung einführt. Bürgermeister Clément Rossignol Puech, der für die französischen Grünen gewählt wurde, hofft auf weniger Verkehrstote, bessere Luft und weniger Lärm: "Ziel ist, dass die Bewohner den öffentlichen Raum zurückgewinnen."

Nun wird auch in Deutschland wieder diskutiert: Sollten Städte hierzulande ebenfalls flächendeckend Tempo 30 einführen? Was würde das bringen? Die Debatte um Tempo 30 ist nicht neu. Ein zentrales Datum für die Diskussion in Deutschland ist der 14. November 1983: An diesem Tag führte die Stadt Buxtehude im Rahmen eines Modellversuchs Tempo 30 in der ihrer Innenstadt und den angrenzenden Wohngebieten ein. Um die Autofahrer an die neue, ungewohnt niedrige Geschwindigkeit zu gewöhnen, wurden die Straßen mithilfe von Blumenkübeln verengt. Das Ziel wurde damit erreicht: Es kam zu weniger Unfällen als zuvor.

In den kommenden Jahrzehnten wurde das Bewusstsein für Verkehrssicherheit größer – und mit ihm die Tempo-30-Zonen, die heute vor allem in Wohngebieten verbreitet sind. Seit Ende 2016 können in Deutschland auch auf Hauptverkehrsstraßen leicht Tempo-30-Zonen eingerichtet werden, um soziale Einrichtungen und schwächere Verkehrsteilnehmer zu schützen.

Die Fahrtzeit verlängert sich kaum

Weltweit gibt es weitere Projekte zu flächendeckenden Tempo-30-Zonen: In der österreichischen Stadt Graz etwa gilt seit 1992 eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h mit Ausnahme der Hauptverkehrsstraßen. In Berlin gibt es Modellprojekte, die auch auf Hauptstraßen eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 30 km/h testen. Schon jetzt gilt auf acht von zehn Straßen in Berlin Tempo 30.

Das Umweltbundesamt, das in den Achtzigern an den Tempo-30-Zonen in Buxtehude beteiligt war, spricht sich für die Einführung von Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Städten aus. Statt 50 wären dann 30 km/h innerorts die normale Geschwindigkeit – alles andere müsste extra ausgewiesen werden. Denn die Temporeduzierung verringere den Verkehrslärm, verbessere die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer und verringere die Luftschadstoffbelastung. Durch die geringere Geschwindigkeit, so argumentiert das Umweltbundesamt, werde die Fahrzeit kaum verlängert. Auf 100 Meter gingen durch Tempo 30 maximal vier Sekunden verloren, wie Untersuchungen zeigten. Wichtiger für die subjektive Wahrnehmung und damit die Akzeptanz von Tempo 30 sei aber der Verkehrsfluss. Und dafür braucht es vor allem eine intelligente Ampelschaltung.

"Das kostet Menschenleben"

Kritisch sieht generelles Tempo 30 in den Städten der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC). Wäre die ganze Stadt Tempo-30-Zone, würden Autofahrer von den Hauptstraßen in die Nebenstraßen ausweichen, die zuvor als verkehrsberuhigte Zonen unattraktiv waren. Verlangsamt würden ebenso die Busse des öffentlichen Nahverkehrs. Und schließlich sei Tempo 30 aus Umweltgründen unwirksam, denn die Temporeduzierung führe weder zur Reduktion von CO2 noch von Stickoxiden. Der Verband verweist zudem darauf, dass es für Tempo 30 keine Mehrheit in der Bevölkerung gebe.

Udo Becker ist Professor für Verkehrsökologie an der Technischen Universität Dresden und betont vor allem die erhöhte Sicherheit in einer Tempo-30-Zone: "Wenn 50 erlaubt ist, fahren viele 55, mache sogar 59 km/h. Rennt bei dieser Geschwindigkeit ein Kind auf die Straße, schafft man es bei einer normalen Reaktionszeit nicht mehr, rechtzeitig zu bremsen. Bei 30 km/h ist das aber im Normalfall kein Problem." Ihm sei unerklärlich, warum in Städten immer noch so hohe Geschwindigkeiten erlaubt seien, denn: "Das kostet Menschenleben und mindert die Lebensqualität vieler Menschen."