Ein Radweg macht noch keine Fahrradstadt – Seite 1

In vielen deutschen Städten feilschen Politikerinnen und Entscheider noch immer um jeden Zentimeter Radweg. In den Niederlanden bauen Architekten und Architektinnen dagegen mehrstöckige Fahrradparkhäuser, die an Kathedralen erinnern, in China Radschnellwege auf Stelzen über dicht befahrene Straßenzüge und in Belgien einzigartige Erlebnisradwege, die auf Höhe von Baumkronen oder der Wasseroberfläche verlaufen. Dort hat man erkannt: Radinfrastruktur ist weit mehr als ein roter oder grüner Streifen auf der Straße. Richtig gestaltet, kann sie die Mobilitätsgewohnheiten der Stadtbewohner und Stadtbewohnerinnen verändern und damit das Leben in den Ballungsgebieten.

15 solcher Projekte aus aller Welt zeigt derzeit das niederländische Sozialunternehmen BYCS bei der zweiten Bicycle Architecture Biennale, einer Ausstellung für Fahrradarchitektur. Die dort gezeigten Bauwerke sind wegweisend. Die Architekten greifen das Besondere des Ortes auf und schaffen durch den klugen Umgang mit Licht, Raum und Material einen Mehrwert. Die Brücken, Abstellanlagen und Wege sind weit mehr als sichere und gute Infrastruktur – sie illustrieren den Stellenwert und die Wertschätzung des Radverkehrs in ihrer Gesellschaft.

Der Bicycle Skyway in Xiamen, China © Dissing+Weitling

Der fast acht Kilometer lange Bicycle Skyway im chinesischen Xiamen etwa ist auf Stelzen gebaut. Er verläuft unter einer Schnellbuslinie und über einer Hochstraße in der Innenstadt und verbindet fünf große Wohngebiete mit drei Geschäftszentren. Als der Bicycle Skyway 2018 eröffnet wurde, fuhren in der Hafenstadt im Südosten Chinas nur wenige Menschen überhaupt noch Fahrrad. Ihre Wege wurden vor langer Zeit für Autos freigegeben. Mit Autos und Scootern um den wenigen Platz auf der Straße zu rangeln, war den meisten Pendlern und Pendlerinnen zu anstrengend, zu gefährlich und wegen der Abgase auch zu ungesund. Der Hochradweg schaffte überhaupt erst die Rahmenbedingungen, um die Entwicklung umzukehren. Inzwischen sind wieder viele Menschen aufs Rad umgestiegen.

Parkhaus für Fahrräder in Utrecht, Niederlande © Petra Appelhof

Stadtteile miteinander verbinden, gekappte Verbindungen erneuern und nachhaltige Mobilität erleichtern, das ist der Kern vieler Projekte, die die Fahrrad-Bienalle zeigt. Das Fahrrad ist für Pendler besonders dann attraktiv, wenn es sich nahtlos mit anderen Verkehrsmitteln verknüpfen lässt. In Utrecht wurde das System am Bahnhof perfektioniert. Dort wurde 2018 das größte Fahrradparkhaus der Welt mit 13.500 Stellplätzen eröffnet. Allerdings bietet es weit mehr als nur Parkplätze. Hier wird den Radfahrern und Radfahrerinnen buchstäblich der rote Teppich ausgerollt: Ohne Stopp können sie rund um die Uhr auf breiten, rot gestrichenen Einbahnstraßen zu ihrem Stellplatz fahren. Ein digitales Leitsystem lotst sie über leicht steigende und abfallende Rampen zu den freien Plätzen. Bezahlt wird mit der Chipkarte des öffentlichen Nahverkehrs.

Radinfrastruktur groß und spektakulär denken

Zukunftsweisend ist auch die Gestaltung des Gebäudes. Die Architekten haben verschiedene Materialien wie Beton, Holz und Glas kombiniert. Wo es möglich ist, fällt Tageslicht ein. So kommt das Gebäude mit wenig künstlicher Beleuchtung aus. Durch komplett offene oder verglaste Bereiche und geschickte Sichtachsen haben die Radfahrer untereinander Sichtkontakt. Mancherorts verbreitert sich die Fahrspur und lotst die Fahrer um riesige Trompetensäulen herum. Das Parkhaus wirkt teilweise wie eine Kathedrale, dann wieder wie ein Lichthof und an anderer Stelle wie eine Bücherei. Nach einem dreiminütigen Fußweg erreichen die Radfahrer auch den entferntesten Bahnsteig. Diese Zweckmäßigkeit und der integrierte Service im Haus mit Fahrradverleih, Werkstatt und kleinen Servicestationen sind Teil des Gesamtkonzepts. Hier werden Radfahrer umsorgt und behandelt wie Könige und Königinnen. Das funktioniert. Das Parkhaus ist ständig fast voll belegt.

Mancherorts verbreitert sich die Fahrspur und lotst die Fahrer um riesige Trompetensäulen herum. © Petra Appelhof

Zurzeit werden in Utrecht nach offiziellen Angaben rund 40 Prozent aller Wege mit dem Rad zurückgelegt. Die Stadt will diesen Anteil noch steigern. Denn Utrecht ist die viertgrößte und am schnellsten wachsende Stadt der Niederlande.

BYCS wollen mit ihrer Biennale mehr Menschen in den Ballungsgebieten zum Radfahren ermutigen. Wenn es nach dem Sozialunternehmern geht, sollen bis 2030 die Hälfte aller Wege in den Zentren auf der ganzen Welt per Fahrrad zurückgelegt werden. "Dieses Ziel zwingt uns, über radikalere und inspirierendere Lösungen für Radfahrer nachzudenken", sagt Maud de Vries, Mitgründerin von BYCS.

In Kopenhagen liegt der Anteil an Radfahrern am Gesamtverkehr immerhin bei rund 30 Prozent, im niederländischen Groningen sogar bei 60 Prozent. In den dortigen Gesellschaften genießt der Radverkehr seit Jahrzehnten ein gleichermaßen hohes Ansehen in Politik und Planung wie der Bus-, Bahn- und Autoverkehr. Die Folge ist eine Radinfrastruktur, die funktional ist, aber immer öfter auch modern und architektonisch interessant.

In der Nähe des belgischen Limburg kann man in zehn Metern Höhe durch die Baumwipfel radeln. © Buro Landschap

2014 haben die Dänen beispielsweise die Cykelslangen eröffnet: die Fahrradschlange. Die Brücke schlängelt sich durch den Kopenhagener Hafen und verbindet zwei Stadtteile miteinander. Nachts wird sie erleuchtet. Damit haben die Architekten ein bis dahin bestehendes Nadelöhr für Radfahrer und Fußgänger entfernt und ein neues Wahrzeichen für die Stadt geschaffen. Heute ist die Cykelslangen ein Touristenmagnet und Marketingelement.

Die "Fahrradschlange" in Kopenhagen © Rasmus Hjortshoj/​Dissing+Weitling

Damit macht sich die Fahrradbewegung etwas zu eigen, was die Auto- und Motorradindustrie seit Jahren erfolgreich für sich nutzt. Das Gefühl der Freiheit, das Roadmovies wie Easy Rider vermitteln, wenn die Helden auf dem schnurgeraden Highway 168 dahinrasen, mit Blick auf die Felsen des Monument Valley. Das verführt zum Nachahmen. Dass sich Radfahren ähnlich spektakulär in Szene setzen lässt, haben zum Beispiel die Entscheider im belgischen Limburg erkannt. Dort radeln die Menschen inzwischen auf Wegen in zehn Metern Höhe inmitten der Baumwipfel oder auf Augenhöhe der Wasseroberfläche mitten durch einen See. Dieses Projekt, das auch die Biennale ausgezeichnet hat, wurde im vergangenen Jahr vom Time Magazine als einer der 100 "World's Greatest Places 2018" ausgewählt. Eine bessere Werbung gibt es kaum.

Radinfrastruktur groß und spektakulär denken, zukunftsweisend und kreativ – darauf zielen die Projekte der Fahrrad-Biennale. Denn ein schmaler Radstreifen macht noch keine Fahrradstadt. In Utrecht oder Kopenhagen ist die Wertschätzung für Radfahrer überall spürbar. Das Entscheidende ist allerdings, dass beide Städte ständig ihre Standards weiterentwickeln und an die Bedürfnisse der Radfahrer anpassen. Fahrradparkhäuser gab es bereits zuvor jede Menge in Utrecht, auch in Bahnhofsnähe. Aber keines, das Radfahrern den roten Teppich ausrollt.