Beinahe geräuschlos surren sie durch Deutschland: Mehr als 10.000 E-Scooter sind seit Juni auf den Straßen unterwegs. Sie könnten dabei helfen, den Autoverkehr in den Städten zu reduzieren, hatten Anbieter wie Lime, Voi oder Tier vorab geworben. Das wäre prima fürs Klima. Doch sind Elektrotretroller tatsächlich eine solch umweltfreundliche Variante der Mobilität?

Lege man den deutschen Strommix zugrunde, stoße ein E-Scooter auf 100 Kilometern 0,5 Kilogramm CO2 aus, zitiert die Nachrichtenagentur dpa einen Mitarbeiter von Agora Verkehrswende, einem Thinktank, der den Umbau zu einem klimafreundlicheren Verkehrssystem fördert. Das klingt erst mal nicht schlecht, bedenkt man, dass ein neuer benzinbetriebener Kleinwagen auf der gleichen Strecke gut 11 Kilogramm des Treibhausgases produziert. Doch um eine aussagekräftige Bilanz zu berechnen, reicht es nicht, eine einzelne Fahrt zu betrachten. Auch der meist nächtliche Transport zu den Ladestationen sowie das Material und die Herstellung der Roller müssen einbezogen werden – und dann steigt der durchschnittliche CO2-Verbrauch für die 100 Kilometer gleich kräftig auf 12,5 Kilogramm an.

Sauberes Fahren

Die Faktoren, die zu diesem hohen Verbrauch beitragen, schlüsselt eine Untersuchung auf, die Anfang August in der Zeitschrift Environmental Research Letters erschienen ist. Demnach tragen die Produktion des Rahmens und der Akkus sowie das Einsammeln und Wiederausfahren der Roller je etwa die Hälfte der Gesamtemissionen bei (50 Prozent und 42 Prozent). Auf die Elektrizität beim Fahren selbst entfallen demnach lediglich 4,7 Prozent.

Kann man also gleich das Auto nehmen? Nicht unbedingt. Immerhin hängt die Berechnung zum einen stark davon ab, welche Strecken für das Einsammeln täglich zurückgelegt werden und mit welchen Fahrzeugen das geschieht – derzeit sind es oft genug Diesellaster. Und zum anderen ist entscheidend, wie häufig ein E-Roller pro Tag genutzt wird und wie lange er überhaupt im Einsatz ist.

Da ist noch Raum für Optimierung. Die Autoren der Untersuchung von der North Carolina State University haben unterschiedliche Szenarien durchgerechnet. Würden die Einsammler beispielsweise lediglich einen Kilometer pro Scooter zurücklegen, betrüge der CO2-Ausstoß statt der 125 Gramm pro Kilometer nur noch 90 Gramm pro Kilometer. Legte der Abholer hingegen vier Kilometer zurück, stiegen die durchschnittlichen Emissionen gar auf mehr als 155 g/km an. Die Anbieter sollten diese Strecken also möglichst kurz halten – und zudem nach umweltfreundlicheren Alternativen als Diesellastern suchen. E-Lasträder beispielsweise.

Ladestand? Egal

Derzeit werden darüber hinaus sämtliche Roller jeden Tag aufgeladen – unabhängig davon, ob ihr Ladestand womöglich noch ausreichend ist. Dabei könnten die Anbieter diesen problemlos aus den Daten ihrer Geräte auslesen und dann nur jene einsammeln lassen, die tatsächlich neuen Saft brauchen. Dann wäre es auch weniger kritisch, für welche Strecken ein Scooter täglich tatsächlich genutzt wird. Nach einer Datenauswertung von drei Anbietern durch das Beratungsunternehmen civity legt jeder Roller in Deutschland etwa fünf Kilometer täglich zurück. Wären es mehr, bevor er schon wieder aufgeladen wird, würde auch die Ökobilanz besser ausfallen.

Ganz entscheidend ist neben all dem die Lebensdauer des einzelnen Rollers: Derzeit beträgt sie laut Anbietern etwa ein Jahr. Das ist selbst dann noch erstaunlich wenig, falls er, wie in den USA, auch in Deutschland Opfer von Vandalismus werden sollte – was bislang ausblieb. Der Verschleiß ist offenbar auch ohne Zerstörungswut hoch. Das wiegt umso schwerer, als dass der Rahmen der Roller aus Aluminium besteht, was eine aufwendige und energieintensive Herstellung erfordert. Für den Akku werden zudem Lithium und seltene Erden verbaut, deren Abbau für die Umwelt bedenklich ist. Außerdem enthält der Akku laut Umweltbundesamt eine fluorhaltige, giftige Flüssigkeit, die bei Beschädigung wie etwa einem Riss das ganze Gefährt in Brand setzen könnte.

Wozu braucht man die surrenden Roller also überhaupt? Jedenfalls nicht, um den letzten Kilometer zwischen S-Bahn-Anschluss und Zuhause zurückzulegen. Auch das belegen die von civity ausgewerteten Daten. In den Randgebieten der Städte werden die E-Scooter kaum genutzt. Das Argument der Anbieter, hier eine Lücke im öffentlichen Nahverkehr zu schließen, ist also gar kein Argument. Die Daten legen vielmehr den Schluss nahe, dass die Roller vor allem in der Freizeit und von Touristen genutzt werden. Für eine durchschnittliche Strecke von knapp zwei Kilometern. Und genau darin liegt der Vorteil der Roller: Das ist eine Entfernung, die viele nicht mehr zu Fuß gehen würden. Gleichzeitig ist sie aber zu kurz, um erst noch zur nächsten Bus- oder Tramhaltestelle zu laufen. So betrachtet schließen die E-Scooter tatsächlich eine Lücke in der innerstädtischen Mobilität. Man könnte natürlich auch einfach ein Fahrrad benutzen.