Die Klimaaktivistin Greta Thunberg segelt zum UN-Klimagipfel nach New York, um nicht fliegen zu müssen. Gleichzeitig taucht das schwedische flygskam nun auch als Flugscham in deutschen Debatten auf. Um die Umwelt zu schonen, verzichten manche aufs Fliegen, sei es im Urlaub oder geschäftlich. Doch die Zahlen zeigen, dass der Trend insgesamt in die andere Richtung geht: Laut Statistischem Bundesamt sind im ersten Halbjahr 2019 mehr Deutsche in ein Flugzeug gestiegen als jemals zuvor. Wie kam es dazu?

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5.325 Billigflüge starten pro Woche in Deutschland

Zwischen 50 und 106 Euro liegen die Ticketpreise bei den Billigairlines dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zufolge. Demnach ist Fliegen sogar günstiger geworden – trotz gestiegener Ölpreise. Kein Wunder, dass die Nachfrage groß ist. Gleichzeitig bauen Anbieter wie easyJet, Wizz Air und Ryanair ihre Streckennetze weiter aus. Die Zahl der europaweiten und interkontinentalen Verbindungen steigt auf ein Rekordniveau: Mit mehr als 5.300 Starts von Billigfliegern pro Woche im Winterhalbjahr 2018/2019 waren das zehn Prozent mehr Flüge als im Vorjahreszeitraum. 

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3 Prozent der Menschheit sind im Jahr 2017 geflogen

Innerhalb der letzten 20 Jahre haben sich die Passagierzahlen in Deutschland beinahe verdoppelt: auf 119 Millionen Flugreisende pro Jahr. Das DLR sagt voraus, dass es 2030 sogar 170 Millionen Passagiere sein könnten. Lediglich 18 Prozent der Weltbevölkerung haben überhaupt schon mal ein Flugzeug bestiegen, eine privilegierte Minderheit also. Die Umwelt-NGO Germanwatch hat vor einigen Jahren berechnet, dass ein Mensch, der einmal von Deutschland in die Karibik und zurück fliegt, genauso viel schädliche Emissionen verursacht, wie 80 durchschnittliche Einwohner Tansanias in einem Jahr: etwa vier Tonnen CO2.

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82 Prozent der Deutschen geben an, dass sie hauptsächlich privat fliegen

Wer von Berlin nach Frankfurt reisen will und nicht frühzeitig bucht, zahlt für ein flexibles Zugticket der Deutschen Bahn ungefähr 130 Euro und ist fast fünf Stunden unterwegs. Wer dieselbe Strecke fliegt, ist gerade mal eine Stunde in der Luft und zahlt je nach Anbieter rund 60 Euro. Um Zeit zu sparen, entscheiden sich vor allem Geschäftsreisende für das Flugzeug, könnte man denken. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft fand in einer Verbraucherumfrage aus dem Jahr 2018 aber heraus, dass tatsächlich nur elf Prozent der Befragten geschäftlich fliegen. Sieben Prozent der Befragten gaben an, genauso häufig privat wie geschäftlich mit dem Flugzeug unterwegs zu sein.

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10.980 Flüge gab es am 28. Juni 2019 im deutschen Luftraum

Schon das erste Halbjahr 2019 stellte einen neuen Rekord auf: 58,9 Millionen Reisende flogen von einem der 24 deutschen Hauptverkehrsflughäfen ab. Das sind 4,1 Prozent mehr als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Allein am 28. Juni 2019 wurden 10.980 Flugzeuge in Deutschland in der Luft gezählt: bisher der verkehrsreichste Tag für den Flugverkehr. 11,6 Millionen Menschen nutzten das Flugzeug, um innerhalb des Landes zu reisen. Ins Ausland flogen 47,3 Millionen Menschen – ein Zuwachs von 4,5 Prozent zu 2018. Allein im Juli 2018 zählte die Deutsche Flugsicherung 322.000 Flüge.

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unter 1 Prozent liegt der Anteil der in Deutschland kompensierten Flüge

Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen können die Treibhausgase, die sie durch ihre Flüge freisetzen, mit einem CO2-Ausgleich kompensieren. Der Anteil der 2018 in Deutschland kompensierten Flüge bei der Klimaschutzorganisation Atmosfair liegt bei 0,4 Prozent, obwohl die Werte von 2017 auf 2018 um 50 Prozent gestiegen sind. Im Vergleich zum Vorjahr gingen vergangenes Jahr 40 Prozent mehr Spenden bei Atmosfair ein: insgesamt 9,5 Millionen Euro. Die Organisation geht davon aus, dass mit Berücksichtigung anderer Anbieter 2018 insgesamt knapp ein Prozent der Flüge ab Deutschland kompensiert wurden. 

3.158 kg CO2 setzt der Hin- und Rückflug von Berlin nach New York pro Person frei

Mit dem Klimaschutzplan 2050 nahm sich die Bundesregierung vor, weitgehend klimaneutral zu werden, also unter 1.000 Kilogramm CO2 pro Person und Jahr zu kommen. Derzeit liegt die Zahl bei 11.630 kg. Sogar Indien hat inzwischen einen Jahresausstoß von 1.900 kg.  Ein Langstreckenflug, beispielsweise von Berlin nach New York, setzt pro Person mehr als das Dreifache der Emissionen frei, die sich Deutschland zum Ziel gesetzt hat.

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4,6 Prozent Zuwachs verzeichnen die Fluggesellschaften weltweit für das erste Halbjahr 2019

In Europa sind es die großen Billigflieger Ryanair, Wizz Air und easyJet, die das Wachstum im Luftverkehrsmarkt vorantreiben. Die deutschen Fluggesellschaften wuchsen im ersten Halbjahr um vier Prozent, gemessen an den verkauften Personenkilometern. Lässt man die insolvente Germania aus der Betrachtung, erreichen die deutschen Airlines ein Wachstum von 5,8 Prozent – etwas mehr als der weltweite Schnitt von 4,6 Prozent.

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7,38 Euro beträgt die Flugverkehrsabgabe pro Passagier im Jahr 2019

Der Treibstoff Kerosin, den ein Flugzeug benötigt, ist steuerfrei. Außerdem erhebt Deutschland für internationale Flüge keine Mehrwertsteuer. Für Flüge innerhalb Deutschlands gibt es zusätzlich zur Mehrwertsteuer zwar eine Flugverkehrsabgabe: In der niedrigsten Distanzklasse 7,38 Euro pro Passagier im Jahr 2019. Auf einer Strecke zwischen Hamburg und Frankfurt entspricht das jedoch nur 25 Cent pro Liter Kerosin, bei längeren Strecken ist es sogar noch weniger. Wer mit dem Auto fährt, zahlt dagegen 65 Cent Steuern pro Liter Benzin und 47 Cent pro Liter Diesel. Das Umweltbundesamt berechnete, dass der Staat auf diese Weise den Luftverkehr im Jahr 2012 mit 11,8 Milliarden Euro an "umweltschädlichen Subventionen" förderte. Aktuellere Berechnungen gibt es bisher nicht.