In all den Debatten über verstopfte Innenstädte und umweltfreundlichen Verkehr wird eine Idee immer wieder aufgebracht: Der kostenlose öffentliche Nahverkehr. Eine möglichst flächendeckende Gratisnutzung von Bussen und Bahnen, so der Ansatz, soll vor allem den dichten Stadtverkehr entlasten. Wenn die Menschen im Alltag umsonst mobil sein können, warum sollten sie dann noch ihr Auto benutzen?

In Monheim am Rhein wird der Wunsch bald Wirklichkeit. Die mittelgroße Stadt zwischen Köln und Düsseldorf will spätestens im April 2020 den kostenlosen ÖPNV einführen. 44.000 Bürgerinnen und Bürger dürfen dann die Busse umsonst benutzen, nur Zugereiste müssen ihre Tickets auch weiterhin bezahlen. Ihre Großzügigkeit wird die Stadt jährlich etwa dreieinhalb Millionen Euro kosten. Doch Monheim kann es sich leisten: Die Stadt erwirtschaftete bei einem jährlichen Gesamthaushalt von 400 Millionen Euro zuletzt einen Überschuss von 30 Millionen Euro.

Als Vater des Monheimer Wirtschaftswunders gilt Bürgermeister Daniel Zimmermann. 2009 gewann er mit seiner selbst gegründeten Partei Peto die Wahl, machte mit damals 27 Jahren als jüngster Amtsträger der Republik Schlagzeilen. Er senkte die Gewerbesteuern auf den niedrigsten Wert in ganz Nordrhein-Westfalen, setzte die Gratisbetreuung in Kitas und Schulen für alle Kinder bis zum zehnten Lebensjahr durch. Bei Familien sei die Stadt sehr beliebt, die Zahl der Zuzüge habe sich gut entwickelt, sagt Stadtsprecher Thomas Spekowius. Nun folgt mit dem kostenlosen Nahverkehr der nächste Coup.

Die Idee ist nicht neu

Vorrangige Motivation für die Entscheidung, die der Stadtrat Anfang Juli einstimmig gefällt hat, sei der Klimaschutz. Der Anteil aller Wege, die mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr zurückgelegt werden, stagniere seit Jahren bei etwa 20 Prozent, während der Anteil des motorisierten Verkehrs mit 55 Prozent deutlich zu hoch ausfalle, hatte die Verwaltung errechnet. "Klimaschutz ist auch bei uns das große Thema. Wir wollen den Individualverkehr reduzieren. Jedes Auto weniger auf den Straßen bedeutet weniger Belastung", sagt Spekowius.

Ob ein kostenloser ÖPNV auch wirklich den Autoverkehr entlastet, wurde im Monheimer Stadtrat angeregt diskutiert. Auch dort weiß man: Die einfache Lösung auf dem Weg zur Mobilitätswende ist er nicht. Denn wie soll man ein System zum Nulltarif anbieten, dessen dringend benötigter Ausbau gleichzeitig Milliardensummen kostet? Experten warnen schon länger davor, es mit der Lobpreisung auf das Umsonstkonzept zu übertreiben. "Man sollte sich mehr über die Qualität des ÖPNV Gedanken machen, als darüber, ihn kostenlos anzubieten", sagt Tilman Bracher, Mobilitätsexperte am Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) in Berlin. "Im Moment geht es darum, Bus- und Bahnstrecken auszubauen, die Kapazitäten zu erhöhen, aber auch die Infrastruktur drum herum zu verbessern", sagt Bracher.

Die Idee des kostenlosen ÖPNV ist nicht neu. In der bayerischen Gemeinde Viechtach fährt seit einiger Zeit ein Kleinbus, der nach Bedarf als Rufbus vor allem ältere Menschen gratis in den Ortskern oder ins Krankenhaus bringt. Das ebenfalls bayrische Pfaffenhoffen an der Ilm transportiert Passagiere seit Dezember 2018 in sechs Linienbussen kostenlos, sogar Touristen und andere Zugereiste. Seitdem haben sich die Fahrgastzahlen von 1.000 auf 2.300 täglich mehr als verdoppelt. Der Wegfall von jährlich einer Viertelmillion Euro aus den Ticketerlösen wird wie in Monheim aus dem Haushaltsüberschuss gegenfinanziert.

Auch im Ausland gibt es Beispiele für kostenlosen ÖPNV. In Frankreich lassen mehrere Kommunen ihre Bürger umsonst fahren. Das größte Gratisnahverkehrsnetz des Landes hat nach eigenen Angaben der Gemeindeverband von Niort mit 120.000 Einwohnern. Seit September 2017 können dort Busse ohne Fahrschein genutzt werden. Im australischen Perth ist die Kurzstrecke mit der U-Bahn kostenlos. Im malaysischen Kuala Lumpur verkehren im Zentrum auf vier Strecken Gratisbusse mit WLAN.