"Wir diskriminieren Menschen, die zu Fuß gehen oder Rad fahren" – Seite 1

Carly Koinange arbeitet seit zehn Jahren im Bereich der nachhaltigen Mobilität. Bevor sie nach Kenia zog, arbeitete sie in London und war unter anderem an der Planung und Einführung des Londoner Bikesharing-Systems beteiligt. Nun arbeitet sie für die Vereinten Nationen und leitet das Share the Road Programme, das die Situation von Fußgängern und Fahrradfahrern im globalen Süden verbessern soll.

ZEIT ONLINE: Frau Koinange, wie fahren Sie zur Arbeit?

Carly Koinange: Unser Büro ist in Nairobi, aber ich wohne drei Stunden entfernt in der Nähe des Mount Kenya. Also laufe ich aus meinem Schlafzimmer ins Homeoffice. Aber wenn ich in Nairobi bin, dann nutze ich meist Uber, weil die Bedingungen so schlecht sind, dass ich mich nicht sicher fühle, wenn ich zu Fuß gehe oder Fahrrad fahre. Und die öffentlichen Verkehrsmittel sind sehr überlaufen. Manchmal muss man drei Busse wieder wegfahren lassen, weil alle voll sind.

ZEIT ONLINE: Wie sehen die schlechten Bedingungen für Fußgängerinnen und Fahrradfahrer aus?

Koinange: Es gibt viele Schlaglöcher, manchmal gibt es drei Kilometer lang einen Bürgersteig und dann hört er einfach auf. Es gibt keine sicheren Fußgängerüberwege und es gibt viele tödliche Unfälle. Die Mehrheit der Todesopfer im Straßenverkehr in den Städten sind Fußgänger und Radfahrer.

ZEIT ONLINE: Lässt sich die Situation auf andere Städte in Afrika übertragen?

Koinange: Ja, Nairobi ist nur ein Beispiel für viele Städte im globalen Süden, in Afrika, Asien oder Südamerika. Die Regierungen haben sich über Jahre darauf konzentriert, die Infrastruktur für die Autofahrer auszubauen, dabei ist in der Regel die Mehrheit der Menschen zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs.

ZEIT ONLINE: Warum wurde der Fokus so stark auf den Autoverkehr gelegt?

Koinange: Einerseits hat das kulturelle Gründe. Das Auto steht für Wohlstand und Erfolg – wenn du läufst oder Fahrrad fährst, dann, weil du arm bist. Einmal, als ich in Nairobi zu Fuß unterwegs war, hat ein Bekannter mit dem Auto neben mir angehalten und gefragt: "Geht es dir gut? Soll ich dich mitnehmen?" Er dachte, wenn ich laufe, muss irgendetwas schiefgegangen sein. Die Politiker haben dieses Wertesystem ebenfalls verinnerlicht und das zeigt sich dann in den politischen Entscheidungen. Ein anderer Punkt ist, dass die Partner in der Entwicklungszusammenarbeit meist große Projekte fördern, große Kredite geben wollen. Das sind dann in der Regel Gelder für Schnellstraßen und Bus- oder Straßenbahnsysteme, aber nicht für Fuß- und Fahrradwege.

ZEIT ONLINE: Fahren die Politiker selbst nur mit dem Auto?

Koinange: Ja, das ist eine große Herausforderung, weil sie gar nicht mehr wissen, wie es ist, sich auf der Straße zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewegen. Vor ein paar Jahren haben wir einen Workshop organisiert, bei dem wir auch mit den Politikern Fahrrad gefahren sind. Ein Staatssekretär hat gesagt, er habe das seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gemacht.

ZEIT ONLINE: Noch mal zurück zum Wertesystem. Zu Fuß gehen oder Fahrradfahren gelten als Fortbewegungsmittel für arme Menschen. Wie kann man diese Mentalität ändern?

Koinange: Es gibt viele Möglichkeiten zur Sensibilisierung, zum Beispiel mit Plakaten oder Radioprogrammen. Aber das ist alles teuer und ich denke, das Wichtigste ist, den Menschen eine sichere Infrastruktur zu geben, dann benutzen sie sie auch. Der Grund dafür, dass in den Niederlanden so viele Menschen Fahrrad fahren, ist, dass sie die nötige Infrastruktur haben. In den Büros gibt es Duschen und Schließfächer und es gibt Fahrradstellplätze.

"Bei Mobilität geht es auch um Gerechtigkeit"

ZEIT ONLNE: Sie haben ein Projekt organisiert, bei dem sich Kinder aus Nairobi, Delhi und London zu Mobilität und Luftverschmutzung ausgetauscht haben.

Koinange: Genau, die Kinder haben zu diesen Themen gearbeitet und sich über Skype ausgetauscht.

ZEIT ONLINE: Was haben die Kinder dabei gelernt?

Koinange: Bei dem Workshop in Nairobi hatten wir eine große Karte und die Kinder sollten ihren Schulweg markieren. Sie haben grüne Aufkleber für Stellen benutzt, an denen sie sich sicher gefühlt haben und rote Aufkleber für gefährliche Stellen. Dadurch ist ihnen klar geworden, dass sie nicht die Infrastruktur haben, die sie brauchen.

ZEIT ONLINE: War ihnen das davor nicht bewusst?

Koinange: Sie hatten das nie wirklich infrage gestellt, sie mussten eben unter diesen Bedingungen zur Schule gehen. Erst durch den Workshop ist ihnen klar geworden, dass die Regierung sie mit sicherer Infrastruktur versorgen sollte.  

ZEIT ONLINE: Wie kann der globale Süden nicht denselben Fehler machen wie der Norden und zu stark aufs Auto setzen?

Koinange: Diese Frage bringt uns meiner Meinung nach nicht weiter. Ich finde es ein bisschen egoistisch vom globalen Norden, zu sagen, wir haben all die Fehler gemacht und zur Verschmutzung und zum Klimawandel beigetragen, aber ihr dürft sie nicht machen. Wenn man den Menschen sagt: Vertraut uns, ihr braucht keine Autos, sie werden euer Leben schlechter machen, dann werden sie es nicht glauben.

ZEIT ONLINE: Wenn man das Auto nicht überspringen kann, könnte der globale Süden dann direkt zu Elektroautos übergehen, statt den Umweg über Verbrenner zu machen?

Koinange: Im Moment gibt es im globalen Süden viele gebrauchte Autos aus anderen Ländern. Vielleicht können die Menschen sich ein sehr altes Auto für 500 Dollar kaufen, aber sie können sich kein Elektroauto leisten. Natürlich hätten wir gerne, dass es irgendwann keine Verbrenner mehr gibt, aber ich denke auch, dass Elektroautos nur ein Teil der Lösung sind. Sie verursachen immer noch tödliche Verkehrsunfälle und Staus. Es ist wichtig, gute öffentliche Verkehrsmittel zu haben und ein Netz aus Fahrrad- und Fußwegen.

ZEIT ONLINE: Gibt es umgekehrt Beispiele, wo der globale Norden vom globalen Süden lernen kann?

Koinange: Kenia, Nigeria und Ghana haben zum Beispiel erkannt, dass es kein allgemeingültiges Modell gibt, das überall gleich funktioniert. In Mombasa in Kenia gibt es sehr viele Handkarren und sie haben sehr breite Bürgersteige gebaut, die auch die Menschen mit Handkarren nutzen können. Sie haben wirklich mit den Menschen gesprochen und sind auf ihre Bedürfnisse eingegangen. In Nairobi hat die Regierung festgelegt, 20 Prozent der Ausgaben im Transportbereich für Fahrrad- und Fußwege auszugeben. Diese Verpflichtung, die Zweckbindung von Mitteln: Davon kann der globale Norden ebenfalls lernen. Ich möchte aber auch betonen, dass die Einteilung in "globaler Norden" und "globaler Süden" nicht immer hilfreich ist.

ZEIT ONLINE: Es ist natürlich eine Verallgemeinerung.

Koinange: Es gibt Städte in Afrika wie Lusaka oder auch Teile von Nairobi, in denen es eine fantastische Infrastruktur für Fußgänger und Fahrradfahrer gibt. Und es gibt Teile von London, in denen die Bedingungen schlecht sind. Man sollte immer wieder daran denken, dass es von Stadt zu Stadt und von Viertel zu Viertel unterschiedlich ist. Es geht nicht um Entwicklungsländer gegen Industrieländer, es gibt keinen Wettbewerb. Jede Stadt und jedes Land sollte gucken, wo sie gerade ist und wie man die Situation verbessern kann. Und ich denke, es ist wichtig, zu erkennen, dass es bei Mobilität nicht nur um Infrastruktur geht, sondern um Gerechtigkeit.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Koinange: Jeder Mensch hat die gleichen Rechte, auch im Straßenverkehr. Aber wir diskriminieren Menschen, die zu Fuß gehen oder Rad fahren. Es gibt oft große Schnellstraßen, aber kein sicheres Netz aus Fahrrad- und Fußwegen. Wenn Regierungen diese Ungerechtigkeit erkennen, dann werden die Infrastruktur und die technischen Lösungen folgen.