Auf dem Land sind viele Menschen vom Auto abhängig. Wie kann man ihnen ermöglichen, klimafreundlich und bezahlbar mobil zu sein? Für die Serie "Die Mobilmacher" haben wir uns Initiativen angesehen, die es versuchen.

Zwischen den kleinen Gemeinden Legden, Schöppingen, Heek und Ahaus, 20 Kilometer von der niederländischen Grenze und 50 Kilometer von Münster entfernt, verkehrt der älteste Bürgerbus Deutschlands: Seit bald 35 Jahren bieten hier Ehrenamtliche einen Linienbusverkehr an. Von montags bis freitags zwischen 7 und 18 Uhr fährt der Kleinbus im Stundentakt zwischen Legden über insgesamt acht Ortschaften und 38 Haltestellen nach Ahaus und wieder zurück – und füllt damit eine Lücke im öffentlichen Personennahverkehr. Pro Tour können nur acht Personen mitgenommen werden. Zu wenig, sagt der Vorsitzende des Bürgerbusvereines, Egon Kiehl, das Angebot sei sehr beliebt.

Hier fährt der Bürgerbus

ZEIT ONLINE: Herr Kiehl, Ihren Bürgerbus gibt es seit bald 35 Jahren. Wie hält man so lange durch?

Egon Kiehl: Indem man die ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrer hegt und pflegt und ihnen sehr viel Wertschätzung entgegenbringt. Diese Leute sind das Wichtigste, alles andere ist Nebensache. Sie sind es, die zuverlässig morgens um 7 Uhr an der ersten Haltestelle sein müssen und die abends den Bus wieder abstellen. Sie sorgen dafür, dass alle Menschen hier in der Region mobil sein und zum Beispiel in die Stadt zum Arzt oder zu einem Besuch ins Krankenhaus fahren können. Sie sorgen dafür, dass alle Passagiere sicher und pünktlich ankommen. Und ich muss sagen: In den gut 35 Jahren ist fast nie eine Fahrt ausgefallen!

ZEIT ONLINE: Das klingt, als seien Sie zuverlässiger als die Deutsche Bahn. Wie machen Sie das?

Kiehl: Wir haben aktuell gut 40 Fahrerinnen und Fahrer, und so viele brauchen wir auch, um den Fahrplan aufrechterhalten zu können. Sie fahren in Schichten von zwei Stunden, denn so lange dauert eine Tour hin und zurück. Dann übernimmt der oder die Nächste. Alle Fahrer und Fahrerinnen sind Mitglied in unserem Bürgerbusverein, auch die ehemaligen. Wir haben intern festgelegt, dass man mit 80 Jahren nicht mehr fahren sollte.

ZEIT ONLINE: Wie hat das mit dem Bürgerbus angefangen?

Kiehl: Die Idee kommt eigentlich aus den Niederlanden, wo es seit 1977 die sogenannten Buurtbusse – Nachbarschaftsbusse – gibt. Die Landesregierung hier in NRW hat 1983 die Gründung von Bürgerbussen vorangetrieben. Man wollte eine Lücke im öffentlichen Nahverkehr schließen, denn für den kommunalen Verkehrsbetrieb hat sich ein Streckenausbau in viele kleine Dörfer nicht gelohnt.

ZEIT ONLINE: Dürfen Bürger einfach so eine Buslinie betreiben?

Kiehl: Um den Bürgerbus fahren zu können, braucht man nur einen normalen Führerschein, denn wir nutzen einen Kleinbus. Daher können auch nur acht Personen mitfahren. Was unsere Fahrerinnen und Fahrer aber benötigen, ist ein Personenbeförderungsschein, den wir als Verein einfach beantragen können, sofern ein polizeiliches Führungszeugnis und ein Gesundheitsattest vorliegen. Der Gesundheitscheck muss für alle unter 65 Jahren alle drei Jahre erneuert werden, danach in kürzeren Abständen. Und die Fahrer bekommen von uns als Verein neben Tickets und Wechselgeld eine Einweisung in das Fahrzeug und die Strecke.

ZEIT ONLINE: Wer sind die Fahrer, warum machen die das?

Kiehl: Die meisten sind Rentnerinnen und Rentner, aber auch Hausfrauen. Man muss ja tagsüber Zeit haben. Wir haben aber auch immer wieder Jüngere dabei, Leute Ende 20, die dann oft die Randzeiten abdecken. Aber hier kommt es schon mal zu Veränderungen, weil Jüngere den Job wechseln und wegziehen. Oder weil sie eine Familie gründen und mit kleinen Kindern keine Zeit mehr für das Ehrenamt haben. Große Fluktuation haben wir aber nicht. Die meisten fahren so lange Bürgerbus, bis sie nicht mehr dürfen. Erst kürzlich sind zwei Fahrerinnen ausgeschieden, weil sie 80 Jahre alt geworden sind. Die waren schon bei der Gründung des Bürgerbusses dabei.

Alle hinter dem Steuer eint, dass sie Spaß am Fahren haben — immerhin ist so ein Bus ganz schön wendig – und dass sie eine sinnvolle Aufgabe gesucht haben. Die Leute wollen sich für ihre Heimat engagieren und anderen helfen. Und dann kommt noch dazu, dass es interessant ist, den Bürgerbus zu fahren. Keine Tour ist wie die andere. Man kommt mit den Menschen aus der Nachbarschaft ins Gespräch und lernt die Region noch einmal neu kennen, selbst dann, wenn man schon sein Leben lang hier wohnt.