Stellen Sie sich vor, der Kassierer einer Tankstelle verlangt von Ihnen 60 Euro – ganz egal, ob Sie sechs oder sechzig Liter getankt haben. Um diese Tankstelle machen Sie zukünftig vermutlich einen Bogen. Für Fahrerinnen und Fahrer von Elektroautos sind solche Abrechnungsmodelle trauriger Alltag. Ich habe es selbst oft genug erlebt.

Dabei setzen Elektroautos derzeit zum Sprung in den Massenmarkt an. Die Auswahl wird 2020 noch mal spürbar größer, die Reichweiten nehmen zu und mit über 20.000 Ladepunkten in Deutschland gibt es zwar noch nicht genug, aber bereits etliche öffentliche Steckdosen. Was derzeit den Durchbruch von E-Autos behindert, ist das Chaos an den Ladesäulen. Das Laden ist für Nutzer zu häufig ein Alptraum. Nur wer privat oder bei der Arbeit laden kann, dürfte sich ohne Bedenken für ein Elektroauto entscheiden. Wer das Chaos an öffentlichen Ladestellen dagegen selbst erlebt hat, verliert schnell die Lust.

Privat lebe ich ohne Auto in der Hamburger Innenstadt, aber beruflich fahre ich seit 2013 Elektroautos in ganz Europa. Damit ich nicht mit sämtlichen Stadtwerken einen Vertrag abschließen muss, haben sich sogenannte Roaming-Anbieter etabliert. So wie man beim Handy dank Roaming mit nur einer SIM-Karte in diversen Ländern telefoniert, benötigt man für die unterschiedlichen Säulenbetreiber nur eine Ladekarte. Soweit die Theorie – denn einen einzelnen Roaming-Anbieter, der alle Ladepunkte in sämtlichen Ländern vereint, existiert nicht. Also hat man besser mehrere Ladekarten bei sich. Die großen Anbieter heißen Plugsurfing, Chargemap und New Motion.

Die Ladekarten des Autors © Dirk Kunde

Deren Ladekarten und Schlüsselanhänger sind die einfachste Art, einen Ladevorgang zu starten. Man hält sie kurz ans Lesefeld der Ladesäule und mit erfolgreicher Autorisierung fließt der Strom. Alternativ schaltet man mit einer Smartphone-App den Ladepunkt frei. In manchen Fällen startet das Scannen eines QR-Codes mit der Kamerafunktion des Smartphones die Aktivierung. An einigen Ladepunkten soll es Lesegeräte für Kredit- und Girokarten geben. Doch die habe ich bislang nicht ein einziges Mal gesehen.

Meine Lade-Abenteuer

Über die Jahre habe ich so einige abschreckende Erfahrungen gemacht. Bei einer meiner ersten Fahrten mit einem Elektroauto aktivierte ich eine Ladesäule in den Niederlanden per App. Doch der Ladepunkt verriegelte meinen Stecker und gab ihn nicht mehr frei. Strom floss keiner. Es war Freitag, kurz vor 18 Uhr, und ich stand auf einem Supermarktparkplatz. Die Dame an der telefonischen Hotline schickte einen Mitarbeiter des Autoclubs ANWB, der 50 Minuten später bei mir war. Er öffnete die Säule, schaltete den Kippschalter der Sicherung aus und wieder ein. Mein Stecker war wieder frei. Aber ich hatte eine Stunde verloren und keine Reichweite hinzugewonnen.

Bei einer Fahrt in Italien ließen sich zwei Ladepunkte, die mir meine Plugsurfing-App anzeigt, mit der dazugehörigen Ladekarte nicht aktivieren. Ich musste dringend meine Batterie aufladen, bevor ich über den Brennerpass zurück nach Deutschland fuhr. Die zweite Säule stand an einem Hotel – wo nur Gäste laden dürfen. Doch man hatte Mitleid und ließ mich kostenlos laden.

Die Vielfalt der Apps zum Laden von E-Autos auf dem Smartphone des Autors © Dirk Kunde

Aktuell stecken vier Ladekarten in meiner Geldbörse. An meinem Schlüsselbund hängt ein Ladechip. Der Ordner "eAuto" auf meinem Smartphone enthält 26 Lade-Apps. Und dennoch scheitere ich an manchen Säulen oder es dauert extrem lange. Südlich von Hamburg habe ich eine sogenannte High-Power-Charging-Säule von Allego getestet. Sie soll mit 350 kW laden. Erste Enttäuschung: Das gilt nur für den Chademo-Anschluss. Mein Auto hat einen CCS-Stecker, der schafft 80 kW. Zweite Enttäuschung: Keine meiner Ladekarten wird akzeptiert. Das Hinterlegen von Zahlungsmitteln in der App des Säulen-Anbieters scheitert. Letztendlich scanne ich mit der Plugsurfing-App den QR-Code an der Säule und starte den Ladevorgang. Warum das nicht schon vor 20 Minuten mit dem Plugsurfing-Chip funktionierte, bleibt mir ein Rätsel.