Die erste Reaktion auf meinen Ausflug auf zwei Rädern kam morgens um kurz nach 7 Uhr von einem Radfahrer. "Ey, du blendest." Dabei war ich noch gar nicht richtig wach. Im Gegensatz zur LED-Lampe meines E-Rollers. Es ist Dienstag, der erste Messetag der Frankfurter Automobilausstellung IAA. Und ich starte in die Messe mit einem Experiment.

Bisher habe ich die IAA für ihre langen Wege genauso verteufelt wie die E-Roller, die dieser Tage überall im Weg herumstehen. An den langen Wegen kann ich wenig ändern. Aber vielleicht kann mir ein Verkehrsmittel helfen, das ich verflucht habe, ohne es je genutzt zu haben. Ich lade mir die erste App runter, die mein Store anzeigt. Es ist die App von Tier, einem Start-up, in das zuletzt auch der Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg investierte, wie ich später noch herausfinden werde. In minutenschnelle bin ich startklar, der nächste Tier-Roller steht nur 50 Meter von meinem Hotel entfernt.

Claas Tatje, unterwegs in Frankfurt © Alex Kraus für ZEIT ONLINE

Mein erstes Ziel: die Pressekonferenz von BMW, 8:30 Uhr. Bisher bin ich auf Messen bei den ersten Terminen eigentlich immer zu spät gekommen. Zu lang die Schlangen, zu weit die Wege übers Gelände. Dank Tier, denke ich, wird sich das ändern. Ich werde mich wie Marty McFly in Zurück in die Zukunft fühlen. Auf dem Kinoplakat hieß es damals: "Er kam immer zu spät zum Essen und nie pünktlich zur Schule. Eines Tages kam er um Jahre zu früh."

Ganz so ist es dann doch nicht gekommen, aber fast. Der E-Roller fährt mich fast lautlos durch die Stadt. Da ich mich in Frankfurt nicht so gut auskenne, will ich den Hochhäusern folgen. Doch die liegen im Nebel. Im Nachhinein werde ich feststellen, dass ich einen Riesenumweg fuhr, aber egal: Ich fahre im weiten Bogen durch die Innenstadt, über die Nibelungenallee am Grüneburgpark und Palmengarten vorbei und stehe trotzdem um 7:30 Uhr vor dem Messeeingang an der Emser Brücke. Dort stelle ich den Roller ab und logge mich aus. 6,89 Euro kostet die 31-minütige Fahrt. Neben einem Euro für die Buchung werden 19 Cent je Minute fällig. Mit dem Taxi hätte ich 20 Euro bezahlt und wäre nicht an der frischen Luft gewesen.

Verkehrsregeln? Habe ich konsequent missachtet

Was ich nicht wusste: Der Einlass zur Messe beginnt erst um 8 Uhr. So habe ich Zeit, die Verkehrsregeln zu studieren – und festzustellen, dass ich sie konsequent missachtet habe. Da ich ohne Helm unterwegs war, erschien es mir sicherer, auf dem Gehweg zu fahren. Nun lerne ich: E-Roller gehören auf den Radweg oder auf die Straße. Diese Haltung, die offenbar viele E-Scooter-Nutzer teilen, ist denn wohl auch der Hauptgrund, warum die E-Roller einen derart bescheidenen Ruf haben: Die Fahrer halten sich nicht an die Regeln. Sie fahren fast ausnahmslos ohne Helm und missachten laufend das Gesetz. Das liegt auch daran, dass die Roller ihren Nutzer zum Missbrauch verführen. Sie sind schnell wie ein Fahrrad, geben dem Nutzer aber das Gefühl, ein Fußgänger zu sein. Aber sind E-Roller deshalb ein Verkehrsmittel, das aus den Städten verbannt werden sollte? Oder ist es eines, an das wir uns erst gewöhnen müssen, wie einst an das Automobil – das noch vor Jahrzehnten in Deutschland viel mehr Unfälle mit Todesfolge verursachte als in diesen Tagen.

Schnurstracks von der Messe zurück ins Hotel. © Alex Kraus für ZEIT ONLINE

Nach dem BMW-Termin, auf dem mir erklärt wird, wie die Bayerischen Motoren Werke künftig mit Batterien umgehen wollen, habe ich 20 Minuten Zeit, um zum Mercedes-Stand zu kommen. Direkt vor Halle 11 scheint der nächste Roller nur auf mich zu warten. Ich entsperre ihn und brauche fünf Minuten bis zur Festhalle. Als ich ankomme, bin ich nicht verschwitzt, ich bin entspannt. Dieser E-Scooter, wirklich! It made my day. Nicht genug, dass ich pünktlich bin, ich habe auch die nötige Energie, um das nächste Bekenntnis zur nachhaltigen Mobilität aufzusaugen. Fußläufig unproblematisch zu erreichen ist die VW-Pressekonferenz. Nachdem ich Zeuge wurde, wie sich VW an seinem neuen Vorzeigemodell ID.3 berauschte, rausche ich selbst zurück ins Hotelzimmer, um zu schreiben. Zur Abwechslung nehme ich die U-Bahn – eine Entscheidung, die ich wenig später bereuen werde.

Nach dem Ausstieg an der Konstablerwache laufe ich konsequent in die falsche Richtung. Das passiert, wenn man die Stadt nur durch Tunnelfahrten kennen lernt. Ich laufe so lange falsch herum, dass ich mich immer weiter entferne von meinem Hotel. Irgendwann schnappe ich mir entnervt den nächstbesten Roller und bin schnurstracks in meinem Hotel. Das ist mir 1,57 Euro wert. Nach dieser Odyssee ist mir eines klar. Auf dem Roller hat man mehr von der Stadt. Man lernt sie kennen, vor allem dann, wenn man sich nicht vom Smartphone navigieren lässt. Normalerweise bewege ich mich so durch Frankfurt: Ankunft am Hauptbahnhof, Rolltreppenfahrt in die unterirdische S- oder U-Bahn. Ausstieg an der unterirdischen Haltestelle. Ein paar Hundert Meter Fußweg bis zum verabredeten Treffpunkt. Und zurück. Bye-bye Frankfurt.

Die perfekte Lösung für die letzte Meile 

Diesmal mache ich lauter kleine Stadtrundfahrten. Vom Hotel geht es zurück zur Messe, vorbei am Commerzbank Tower, einmal durchs Rotlichtviertel, am Bahnhof vorbei und durch die Friedrich-Ebert-Anlage. Abends geht es am Main entlang zum Römer, pünktlich zum Sonnenuntergang. Der E-Roller ist gerade für unbekannte Städte ein ideales Verkehrsmittel, oder besser: die perfekte Ergänzung. Er ist wendiger und damit oft schneller als ein Fahrrad. In Sekunden beschleunigt er auf 20 km/h und hält diese konstant – egal ob bergauf oder bergab. Vor allem aber ist er die perfekte Ergänzung für die sogenannte letzte Meile – die letzten paar Meter zum Beispiel von der U-Bahn-Haltestelle zum Ziel. Und genau das ist es, was mir oft fehlt. Fahrräder brauchen viel mehr Platz und können ohne Elektroantrieb sehr anstrengend sein. Zu Fuß geht natürlich immer, aber es dauert, vor allem in den großen Städten – und noch mal länger in dem so breiten wie langen Berlin.


Verkehrsregeln komplett missachtet, aber glücklich: Claas Tatje © Alex Kraus für ZEIT ONLINE

Doch vor dem Genuss steht die Entbehrung. Nach der Rückkehr zur Messe erfahre ich, dass die E-Roller offiziell gar nicht mit aufs Gelände dürfen. Keine Ahnung, wer den Morgenroller auf die IAA geschmuggelt hat. Plötzlich weiß ich noch mehr zu schätzen, was ich gestern geschenkt bekam. Zu Fuß geht es zur BMW-Nachmittags-Reception. Weil es nun aber doch 20 statt fünf Minuten dauert, ist die Messe gelesen, ehe ich überhaupt am Stand bin. Auf eine Stippvisite bei anderen Herstellern von Jaguar über Borg Warner bis zu den Zulieferern Continental und ZF folgt noch der schweißtreibende Fußweg zurück zur Festhalle. An fast jedem Stand wird die Wende zur E-Mobilität beworben. Heute habe ich sie selbst erlebt, und sie fühlt sich gut an. Den Weg zurück ins Hotel, ich kann ihn kaum erwarten. Ich steige auf den nächstbesten E-Roller, und schlängele mich durch den Messestau. Vorbei am Porsche Panamera, vorbei an der Mercedes V-Klasse, einem Audi Q5 und vielen, vielen anderen stinkenden Autos, die von mir nur das Rücklicht sehen werden. Ich hoffe, es hat nicht zu sehr geblendet.